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Türkei : Der Imrali-Faktor

Imrali: Die Gefängnisinsel im Marmarameer, auf der Abdullah Öcalan inhaftiert ist Bild: picture-alliance / dpa

Die türkische Regierung will die Kurden für sich gewinnen. Offen ist, ob der inhaftierte frühere PKK-Anführer Abdullah Öcalan Teil einer Lösung sein kann. DTP-Politiker fordern weiterhin mindestens eine Hafterleichterungen.

          In den frühen Abendstunden des 15. August 1984 tauchten in dem türkischen Provinznest Eruh ungefähr 30 Männer auf, die man dort noch nicht gesehen hatte. Die Fremden waren bewaffnet, und sie gingen entschlossen vor. Zunächst erschossen sie den Wachtposten eines im Ort gelegenen Militärstützpunkts und blockierten den Ausgang des Lagers.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Dann nahm eine andere Gruppe von einer Moschee Besitz und verkündete über die Lautsprecher des Minaretts eine Botschaft, von der auch auf den Flugblättern zu lesen war, die von einer dritten Einheit auf der Hauptstraße des Ortes verteilt wurden: In Eruh, einem kleinen Städtchen tief im Südosten der Türkei, unweit der Grenzen zu Syrien und dem Irak, habe der Befreiungskampf des kurdischen Volkes begonnen, wurden die Einwohner belehrt. Vor den Augen einer mehr erstaunten denn erschreckten Bevölkerung raubten die Fremden dann ein Waffenlager der Armee aus und zogen sich wieder in die Berge zurück, aus denen sie gekommen waren.

          Mit dem Überfall von Eruh hatte ein Krieg begonnen

          So beschreiben Augenzeugen und Veteranen den ersten Anschlag der terroristischen „kurdischen Arbeiterpartei“ PKK heute vor einem Vierteljahrhundert. Das Militär und die politische Elite in Ankara glaubte anfangs noch, der Vorfall von Eruh sei das Werk einer kleinen Schar von Banditen, von denen man nicht wieder hören werde, aber das sollte sich als Irrtum herausstellen. Mit dem Überfall von Eruh hatte ein langwieriger Krieg begonnen, und der an jenem Tag getötete Soldat war nur der erste von mehr als 30.000 Menschen, die ihm zum Opfer fallen sollten.

          Noch inhaftiert: Abdullah Öcalan

          Dieser Tage ist Eruh in der Türkei wieder in aller Munde, und das nicht allein des Jubiläums wegen. Abdullah Öcalan, der seit 1999 inhaftierte ehemalige PKK-Führer, plane aus dem Gefängnis heraus einen Plan zur Lösung der Kurdenfrage zu verbreiten, berichtet die türkische Presse seit Wochen. Ausgerechnet an diesem Samstag, und ausgerechnet in Eruh, wolle der berühmteste Häftling des Landes den Plan über seine Anwälte verkünden lassen. Ob es dazu wirklich kommen wird, wurde bis zuletzt bezweifelt, da die kolportierten angeblichen Aussagen Öcalans die Öffentlichkeit nur mehrfach gefiltert erreichen und daher mit Vorsicht zu werten sind. Ob die Aussagen des einsamen einzigen Häftlings der Gefängnisinsel Imrali, der nur über seine Anwälte in Kontakt mit der Außenwelt steht, unverfälscht ans Festland gelangen (und ob sie tatsächlich von ihm stammen), können Außenstehende nicht beurteilen.

          Von vielen Kurden wie ein Heiliger verehrt

          Aber jenseits der Mutmaßungen über die Authentizität seiner Aussagen findet derzeit eine maßgeblichere Diskussion zur Rolle des Abdullah Öcalan statt. Soll der ehemalige PKK-Führer, der von vielen Kurden immer noch wie ein Nationalheiliger verehrt wird, eine Rolle bei der „kurdischen Initiative“ spielen, mit der die Regierung von Ministerpräsident Erdogan die Kurdenfrage lösen will? Emine Ayna, Parlamentsabgeordnete der vornehmlich von Kurden gewählten „Partei für eine Demokratische Gesellschaft“ (DTP), warnte dieser Tage sinngemäß: Wer glaube, ohne Öcalan Frieden schaffen zu können, habe bei seiner Rechnung den wichtigsten Wirt vergessen.

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