https://www.faz.net/-gpf-77703

Türkei : Das schwere Los der Abtrünnigen

An der Grenze: Kahramanmaras, Stationierungsort der deutschen Patriot-Raketenabwehrsysteme Bild: Tolga Sezgin/NarPhotos/laif

Lange, bevor deutsche Soldaten in die Türkei geschickt wurden, kam es in Kahramanmaras zu einem rassistisch motivierten Massaker. Viele Menschen verloren ihr Leben - doch kaum jemand weiß, was genau geschah.

          6 Min.

          Damals hatte es keiner geahnt, aber heute weiß jeder: Das Unglück begann, als die Losverkäufer in die Stadt kamen. Ünal Ateş wurde 1971 geboren, er war erst sieben, an die Verkäufer selbst kann er sich nicht erinnern, aber sein Vater hat ihm davon erzählt. Im Dezember 1978 tauchten von einem Tag auf den anderen lauter fremde Losverkäufer in der Stadt auf. Dutzende junger, kräftiger Männer, die niemand je zuvor gesehen hatte. „Ich ging damals in die zweite Klasse. Plötzlich hörten wir Schüsse in der Stadt. Dann hat der Lehrer gesagt, wir hätten jetzt schulfrei und sollten nach Hause gehen“, erinnert sich Herr Ateş.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Das Auftauchen der unbekannten Losverkäufer war nicht die einzige Merkwürdigkeit jener Tage. Da waren auch die Männer, die mit roter Farbe Kreuze an die Türen bestimmter Häuser und Geschäfte malten. Als man sie fragte, was das zu bedeuten habe, antworteten die Männer, sie kämen von der Stadtverwaltung und müssten Sanierungsarbeiten vorbereiten. Ob es den Leuten damals auffiel, dass die Zeichen nur auf Türen gemalt wurden, hinter denen Aleviten lebten oder arbeiteten, weiß Herr Ateş nicht zu sagen.

          Aber er weiß, dass zwischen dem 19. und dem 26. Dezember bei einem Pogrom in Maras mehr als hundert Menschen ermordet, viele weitere geschlagen, gefoltert oder vergewaltigt wurden. Die falschen Lotterieverkäufer drangen in die Viertel der Aleviten ein und stürmten die Häuser, deren Türen mit roten Kreuzen gekennzeichnet waren. Nach staatlichen Angaben wurden 1978 in Kahramanmaras mehrere hundert Häuser und Geschäfte geplündert, kamen 111 Menschen ums Leben. Die Aleviten sagen sogar, dass fast 1.000 Menschen damals ihr Leben verloren.

          Tausende verließen ihre Heimat

          Ünal Ateş und die Seinen überlebten, weil ein sunnitischer Nachbar die Familie beschützte, bevor sie zu Verwandten aufs Land fliehen konnte. „Man darf das nicht verallgemeinern. Es gab Sunniten, die uns bedroht und andere, die uns vor Bedrohungen beschützt haben. Es gibt viele Geschichten davon, wie Sunniten aus Kahramanmaras ihre alevitischen Nachbarn bei sich zu Hause aufgenommen haben“, erzählt Herr Ateş. Der Bauingenieur ist Vorsitzender einer alevitischen Kulturvereinigung.

          Zwar gibt es heute viel weniger Aleviten in Kahramanmaras als vor dem Massaker von 1978, denn damals verließen Tausende ihre Heimat für immer, sie wanderten in andere türkische Provinzen aus oder nach Europa, nach Deutschland vor allem. Doch noch immer leben viele tausend Aleviten in der Provinz. Wie viele es genau sind, kann niemand mit Sicherheit sagen, denn seit 1965 wird bei Volkszählungen in der Türkei nicht mehr nach ethnischer oder konfessioneller Herkunft gefragt.

          Es lassen sich aber indirekte Schlüsse aus den Wahlergebnissen ziehen, denn traditionell wählen Aleviten (vermeintlich) „linke“ Parteien, wie die sich als sozialdemokratisch definierende „Republikanische Volkspartei“ (CHP) des türkischen Oppositionsführers Kemal Kilicdaroglu. Das verwundert Außenstehende immer wieder, denn die CHP verfolgt einen strikt nationalistisch-kemalistischen Kurs und setzt sich keinesfalls für die Interessen der Aleviten ein. Herr Ateş bestreitet das nicht, sagt aber, die Regierungspartei AKP sei für die meisten Aleviten erst recht nicht wählbar.

          Der Gerichtsprozess war eine Farce

          Schließlich stelle die Partei des Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan zwar mehr als 300 Abgeordnete in Ankara und etwa 1.000 Bürgermeister in der Türkei, doch gebe es nur eine handvoll Aleviten in ihren Reihen. Die sunnitische Basis der AKP blickt außerdem mit Misstrauen auf die alevitische Minderheit. Viele sehen sie als Abtrünnige, denn Aleviten pilgern nicht nach Mekka und fasten auch nicht. Es gibt sogar Aleviten, die ihren Glauben nicht als Bestandteil des Islam definieren, sondern als eigenständige Religion. So weit geht Herr Ateş nicht, für ihn ist das Alevitentum eine Glaubensrichtung innerhalb des Islam.

          Aber selbst Aleviten, die sich ausdrücklich als Muslime definieren, bleiben vielen Sunniten verdächtig. Im Alltag käme man zwar gut miteinander aus, versichert Herr Ateş, doch werde in der Stadt oft so getan, als sei 1978 ein Jahr wie viele andere gewesen. „Wenn die Verbrechen von damals vergessen werden, besteht aber die Gefahr, dass es zu neuen Verbrechen kommt. Wir schauen in die Zukunft und haben Ideen, wie sich aus den Fehlern der Vergangenheit lernen lässt. Aber dazu müssen wir erst einmal wissen, was damals geschah“.

          Das weiß jedoch kaum jemand genau. Zwar gab es einen Gerichtsprozess, doch der fand zur Zeit der Militärdiktatur statt und war eine Farce. Herr Ateş und seine Mitstreiter fordern seit langem, dass die Akten wieder geöffnet werden. Es geht ihnen nicht um eine Bestrafung der Schuldigen, sondern darum, die Vorgänge von damals ans Licht zu bringen. „Ob die Täter, wenn sie überhaupt noch leben und sich in der Türkei aufhalten, am Ende doch noch verurteilt werden, ist eine andere Frage. Wichtiger ist es zu zeigen, dass es sich um eine bestimmte Gruppe von schlechten Menschen handelte und dass nicht alle Sunniten schuldig sind.“

          „Nur einige waren die Täter, aber alle leiden darunter“

          Das sei auch im Interesse der sunnitischen Mehrheit, die sich oft einem Generalverdacht ausgesetzt sehe und schon deshalb jede Diskussion über die Vorgänge verweigere. „Nur einige waren die Täter, aber alle leiden darunter.“ Unter den Aleviten von Kahramanmaras kam zudem der Vorschlag auf, mit einem Mahnmal an das Massaker zu erinnern. Dabei könne es sich auch um ein Monument handeln, das sich nicht direkt auf das Pogrom beziehe, sondern der Versöhnung gewidmet sei, erläutert Ünal Ateş. Doch er weiß, dass die AKP-Politiker seinen Vorschlag mit allen Mitteln verhindern wollen.

          Der Bürgermeister, der Gouverneur der Provinz oder die AKP-Abgeordneten der Region schwärmen in Gesprächen gern von der Toleranz ihrer Stadt, deren Einwohner in brüderlicher Eintracht miteinander lebten. Ein Denkmal, das dieses Bild stört, soll es keinesfalls geben. Am ehrlichsten sagt das Yildirim Ramazanoglu, Abgeordneter der AKP für die Provinz Kahramanmaras. Herr Ramazanoglu ist ein freundlicher und gebildeter Mensch, er spricht leise und hat nichts von der auftrumpfenden Art, die so verbreitet ist unter türkischen Politikern.

          „Die Ereignisse von 1978 waren traumatisch für die Türkei und für alle Bürger von Kahramanmaras. Wir alle haben durch diese Ereignisse etwas verloren. Menschen wurden getötet, andere vertrieben. Aber mit großer Freude möchte ich sagen, dass die Leute, die hier leben, diese Ereignisse vergessen möchten“ behauptet Herr Ramazanoglu. „Ich frage mich deshalb, ob so ein Denkmal wirklich wertvoll und nützlich ist, oder ob es nicht umgekehrt schadet“, fügt er freundlich hinzu. Wenn die Möglichkeit bestehe, dass ein Denkmal die „traumatische Geschichte“ wieder ins Gedächtnis rufe, sollte man besser darauf verzichten, stellt der Abgeordnete fest.

           Mustafa Poyraz, mehrfach wiedergewählter Bürgermeister von Kahramanmaras und ebenfalls AKP-Mitglied, sieht das ähnlich. Angesprochen auf die Denkmalsinitiative tut er zunächst so, als höre er zum ersten Mal davon und sagt: „Darüber habe ich noch nicht nachgedacht.“ Er versucht, das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken. Wichtiger sei es, der Opfer zu gedenken und ein Gebet für sie zu sprechen, doziert der Bürgermeister und geht in die Offensive: „Unsere Stadt wurde schon einmal von Außenstehenden aufgehetzt. Sie wird es nicht ein zweites Mal zulassen, dass Fremde ihre schmutzigen Spiele mit unseren Bürgern treiben.“

          Von „Fremden“, „Außenstehenden“ oder „Provokateuren“ ist oft die Rede, wenn das Gespräch auf das Jahr 1978 kommt, und es stimmt ja auch: Viele der Täter kamen nicht aus der Region, es waren importierte Schläger aus anderen Gebieten der Türkei. Doch wer nachfragt, woher die Täter kamen und in wessen Auftrag sie gehandelt haben mögen, stößt entweder auf Schweigen oder gerät in einen Irrgarten aus Verschwörungstheorien. Von Ausländern ist dann mitunter Rede, von Juden oder Amerikanern, die Zwietracht in der Türkei säen wollten.

          „Vorurteile und Ablehnung sind weit verbreitet“

          Der Bürgermeister sagt so etwas nicht, gibt sich aber auch keine Mühe, seinen Widerstand gegen die Errichtung eines Denkmals für die Opfer von 1978 zu verheimlichen. Auf die Nachfrage, was er von dem Vorstoß der Aleviten zur Errichtung eines Mahnmals halte, sagt er kühl: „Darüber möchte ich nicht reden. Über etwas, was es nicht gibt, kann ich mich nicht äußern.“ Esad Sengül, CHP-Provinzvorsitzender von Kahramanmaras und Alevit, ist nicht überrascht von der Aussage des Bürgermeisters: „Die Beziehungen zwischen Aleviten und Sunniten sind an der Oberfläche nicht schlecht, man kann sich heute als Alevit zu erkennen geben. Aber Vorurteile und Ablehnung sind trotzdem noch weit verbreitet.“

          Wenn Aleviten sich um einen Job bei der Stadtverwaltung oder anderen staatlichen Stellen bewerben, schließe sie zwar niemand aus. Das sei schon deshalb nicht möglich, weil sich aus den Unterlagen nicht entnehmen lasse, wer Alevit oder Sunnit sei. „Aber bei den Vorstellungsgesprächen werden dann oft religiöse Fragen gestellt, um die Aleviten auszusieben“, behauptet Sengül. Er berichtet davon, dass die lokale Verwaltung in den vergangenen Jahren Gedenkveranstaltungen im Stadtzentrum zum Jahrestag der Massaker stets verboten hat. Zur Begründung hieß es, es könne zu „Provokationen“ kommen.

          Tatsächlich scheinen manche Aleviten aus Kahramanmaras nicht begeistert zu sein von dem Umstand, dass zu den Jahrestagen des Pogroms stets viele hundert alevitische Aktivisten aus Europa anreisen. „Diese Leute kommen aus einem Umfeld, in dem man alles laut sagen darf. Das ist hier nicht so. Wir müssen auch nach den Gedenkveranstaltungen mit unseren Nachbarn auskommen.“

          Auch die AKP habe nicht den Mut, die Wahrheit ans Licht zu bringen

          Andererseits ärgert es den Provinzpolitiker, dass das Verbot von zentralen Gedenkkundgebungen immer wieder mit vagen Hinweisen auf die Gefahr von „Provokationen“ durch „Kräfte von außen“ begründet wird. Er hat einmal bei der Stadtverwaltung gefragt, was damit eigentlich gemeint sei. Die einzigen Kräfte von außen seien schließlich Hinterbliebene der Opfer, die zurückkämen, um ihrer getöteten Angehörigen zu gedenken. Eine Antwort auf seine Frage hat er nicht erhalten.

          Ünal Ateş glaubt zu wissen, warum sich der türkische Staat auch dreieinhalb Jahrzehnte nach den Verbrechen noch dagegen sträubt, die Akten zu öffnen und die Vorgänge aufzuklären. „Wenn man die Vorfälle ernsthaft untersucht, wird dabei herauskommen, dass die Verbrechen in unserer Stadt eine wichtige Rolle bei der Vorbereitung des Putsches von 1980 gespielt haben. Und es würde vermutlich deutlich werden, dass einige der Verantwortlichen heute wichtige Posten in der Staatsverwaltung einnehmen.“

          Die AKP habe zwar die noch lebenden Putschisten von 1980 vor Gericht gestellt, aber das Massaker von Kahramanmaras werde bei den Ermittlungen stets ausgeschlossen. Soll das bedeuten, der türkische Staat von 2013 stelle sich schützend vor die Verbrecher von 1978? „So sieht es leider aus“, seufzt Herr Ateş. Auch die AKP habe nicht den Mut, entschlossen die Wahrheit ans Licht zu bringen, obwohl die Partei 1978 noch nicht existierte.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sieht sich als Volkstribun: Markus Söder (CSU, l.), hier am 11. April mit Armin Laschet (CDU) in Berlin

          Söders Ambitionen : Die Zerstörung der CDU?

          Macron in Frankreich, Kurz in Österreich und Trump in Amerika haben vorgemacht, wie man jenseits der etablierten Parteistrukturen an die Macht kommt. Manches spricht dafür, dass Bayerns Ministerpräsident etwas Ähnliches vor hat.
          Moderne Demokratie: Was hört er aus der CSU? Jawoll, Chef! Dein Wille geschehe!

          Fraktur : Unionsvölker, hört die Signale!

          Nach Söders Diagnose ist die CDU-Führung taub wie eine Nuss. Die Schwesterpartei der CSU braucht eine Abteilung Horch und Guck.
          Nie wieder Zettelchaos versprechen die digitalen Helfer.

          Im Vergleich : Das sind die besten Notiz-Apps

          Klassischer Klebezettel oder doch eine App? Es gibt viele Wege, Herr über das Chaos im Büro zu werden. Wir haben sechs beliebte virtuelle Helfer getestet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.