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Türkei : Das schwere Los der Abtrünnigen

Von „Fremden“, „Außenstehenden“ oder „Provokateuren“ ist oft die Rede, wenn das Gespräch auf das Jahr 1978 kommt, und es stimmt ja auch: Viele der Täter kamen nicht aus der Region, es waren importierte Schläger aus anderen Gebieten der Türkei. Doch wer nachfragt, woher die Täter kamen und in wessen Auftrag sie gehandelt haben mögen, stößt entweder auf Schweigen oder gerät in einen Irrgarten aus Verschwörungstheorien. Von Ausländern ist dann mitunter Rede, von Juden oder Amerikanern, die Zwietracht in der Türkei säen wollten.

„Vorurteile und Ablehnung sind weit verbreitet“

Der Bürgermeister sagt so etwas nicht, gibt sich aber auch keine Mühe, seinen Widerstand gegen die Errichtung eines Denkmals für die Opfer von 1978 zu verheimlichen. Auf die Nachfrage, was er von dem Vorstoß der Aleviten zur Errichtung eines Mahnmals halte, sagt er kühl: „Darüber möchte ich nicht reden. Über etwas, was es nicht gibt, kann ich mich nicht äußern.“ Esad Sengül, CHP-Provinzvorsitzender von Kahramanmaras und Alevit, ist nicht überrascht von der Aussage des Bürgermeisters: „Die Beziehungen zwischen Aleviten und Sunniten sind an der Oberfläche nicht schlecht, man kann sich heute als Alevit zu erkennen geben. Aber Vorurteile und Ablehnung sind trotzdem noch weit verbreitet.“

Wenn Aleviten sich um einen Job bei der Stadtverwaltung oder anderen staatlichen Stellen bewerben, schließe sie zwar niemand aus. Das sei schon deshalb nicht möglich, weil sich aus den Unterlagen nicht entnehmen lasse, wer Alevit oder Sunnit sei. „Aber bei den Vorstellungsgesprächen werden dann oft religiöse Fragen gestellt, um die Aleviten auszusieben“, behauptet Sengül. Er berichtet davon, dass die lokale Verwaltung in den vergangenen Jahren Gedenkveranstaltungen im Stadtzentrum zum Jahrestag der Massaker stets verboten hat. Zur Begründung hieß es, es könne zu „Provokationen“ kommen.

Tatsächlich scheinen manche Aleviten aus Kahramanmaras nicht begeistert zu sein von dem Umstand, dass zu den Jahrestagen des Pogroms stets viele hundert alevitische Aktivisten aus Europa anreisen. „Diese Leute kommen aus einem Umfeld, in dem man alles laut sagen darf. Das ist hier nicht so. Wir müssen auch nach den Gedenkveranstaltungen mit unseren Nachbarn auskommen.“

Auch die AKP habe nicht den Mut, die Wahrheit ans Licht zu bringen

Andererseits ärgert es den Provinzpolitiker, dass das Verbot von zentralen Gedenkkundgebungen immer wieder mit vagen Hinweisen auf die Gefahr von „Provokationen“ durch „Kräfte von außen“ begründet wird. Er hat einmal bei der Stadtverwaltung gefragt, was damit eigentlich gemeint sei. Die einzigen Kräfte von außen seien schließlich Hinterbliebene der Opfer, die zurückkämen, um ihrer getöteten Angehörigen zu gedenken. Eine Antwort auf seine Frage hat er nicht erhalten.

Ünal Ateş glaubt zu wissen, warum sich der türkische Staat auch dreieinhalb Jahrzehnte nach den Verbrechen noch dagegen sträubt, die Akten zu öffnen und die Vorgänge aufzuklären. „Wenn man die Vorfälle ernsthaft untersucht, wird dabei herauskommen, dass die Verbrechen in unserer Stadt eine wichtige Rolle bei der Vorbereitung des Putsches von 1980 gespielt haben. Und es würde vermutlich deutlich werden, dass einige der Verantwortlichen heute wichtige Posten in der Staatsverwaltung einnehmen.“

Die AKP habe zwar die noch lebenden Putschisten von 1980 vor Gericht gestellt, aber das Massaker von Kahramanmaras werde bei den Ermittlungen stets ausgeschlossen. Soll das bedeuten, der türkische Staat von 2013 stelle sich schützend vor die Verbrecher von 1978? „So sieht es leider aus“, seufzt Herr Ateş. Auch die AKP habe nicht den Mut, entschlossen die Wahrheit ans Licht zu bringen, obwohl die Partei 1978 noch nicht existierte.

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