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Türkei : Das Dunkel hinter Dinks Mörder

„Sei vernünftig, Orhan Pamuk” - Anstifter Yasin Hayal Bild: REUTERS

Die Verantwortlichen für den Mord am türkisch-armenischen Publizisten Hrant Dink wurden schnell gefasst. Doch die Hintergründe bleiben unklar. Gibt es eine Verbindung zwischen Nationalisten, Verbrechern und Sicherheitskräften?

          Als Polizisten am Mittwoch den Studenten Yasin Hayal in das Gerichtsgebäude in Istanbul zur Vorführung vor dem Richter führten, rief er: „Sei vernünftig, Orhan Pamuk!“ Drinnen gab Hayal zu, dass er den 17 Jahre alten Ögün Samast zum Mord an dem türkisch-armenischen Publizisten Hrant Dink angestachelt und ihm die Mordwaffe beschafft habe. Samast hatte zuvor ein Geständnis abgelegt. Die Warnung an Literaturnobelpreisträger Pamuk war deutlich - er ist wie Dink immer wieder angefeindet und angeklagt worden, weil er offen über die Verbrechen an Armeniern 1915 sprach und schrieb.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Die Täter wurden rasch gefasst, im Dunkeln bleiben vorerst die Hintergründe des Mordes an Dink. Ermöglicht hat die schnelle Festnahme, dass große Teile von Istanbul durch Sicherheitskameras überwacht werden. Als die Bilder des Täters veröffentlicht wurden, erkannte ihn viele und meldeten sich bei der Polizei - die Eltern des Minderjährigen beispielsweise, auch dessen Freundin. Über das Chatten im Internet waren sie Freunde geworden. Die Mitglieder der ganzen Gruppe, deren Identität sich allmählich abzeichnet, haben zwei gemeinsame Eigenschaften: Sie verbrachten viel Zeit in Internetcafés und sie stammen aus der Schwarzmeerstadt Trabzon.

          Yasin Hayal - „Ein Mythos ist zurück!“

          Dort hatte Yasin Hayal 2004 eine Bombe auf ein Restaurant von McDonalds geworfen. Sechs Personen wurden verletzt. Hayal kam mit einer geringen Haftstrafe von elf Monaten davon. Als er sie antrat, brüstete er sich, zurück in der Freiheit werde er die russische Botschaft in Ankara und die britische Bank HSBC bombardieren. Spätestens da war er unter den überwiegend arbeitslosen Jugendlichen von Trabzon ein Held. Als er aus der Haft entlassen wurde, skandierten seine Freunde: „Ein Mythos ist zurück!“ Nun hetzte er Ögün Samast gegen Hrant Dink auf. Dink sei ein „Verräter“, der die Türken beleidige, trichterte er dem Schüler ein und gab ihn ein Bild von Dink. Um die Ehre der Türkei zu retten, müsse Dink getötet werden.

          Geständig: der 17 Jahre alte Ögün Samast

          Hayal führte Samast, und Erhan Tuncel führte Hayal. Die türkischen Medien berichten, die Polizei vermute inzwischen Tuncel als den Drahtzieher hinter der Ermordung des italienischen Geistlichen Santoro vom 5. Februar 2006. Tuncel ist an der Universität Trabzon seit 2001 im Fach Wirtschaftswissenschaften immatrikuliert. Seine Professoren sagen, er studiere kaum, kümmere sich aber um Kampfsportarten und Politik. Er steht er der extrem nationalistischen „Partei der großen Einheit“ (BBP) vom Muhsin Yazicioglu nahe, dessen Reise nach Trabzon er am 18. April 2005 organisiert hatte. In jenen Tagen waren in der Hafenstadt türkische Nationalisten zur Lynchjustiz gegen eine kurdische Solidaritätsgruppe für politische Gefangene geschritten.

          Dink war „Feind der Türken Nummer eins“

          Die Einwohner der Hafenstadt Trabzon sind in der Türkei für ihren Nationalismus und ihren schnellen Griff zur Waffe berüchtigt. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, auch hat keine andere Stadt der Türkei in der Auseinandersetzung mit der kurdischen Separatistenbewegung PKK mehr tote Söhne zu beklagen als die Stadt am Schwarzen Meer. Die Spiele des lokalen Fußballklubs Trabzonspor sind oft von Ausschreitungen überschattet. Mit Fußball, radikalen Nationalisten und der Mafia entstand ein gefährlicher Sumpf, der Gewalt erzeugt. Jedes Kind wachse mit der Waffe auf, sagt der an der Universität Trabzon lehrende Pädagoge Adem Solak. Nirgends sei es so leicht wie in Trabzon, Attentäter für Anschläge gegen Minderheiten und Ausländer zu finden.

          Dennoch bilden gerade die Jugendlichen weniger sichtbar als früher ein Netz. Seit sie in die Internetcafés abgetaucht sind, seien sie weniger leicht zu beobachten, klagt der Polizeichef von Trabzon. Für die Nationalisten der Stadt war Dink der „Feind der Türken Nummer eins“ geworden. Seit Jahren hatte ihn die Justiz mit Verfahren wegen einer angeblichen „Herabsetzung des Türkentums“ auf der Grundlage des Paragraphen 301 des Strafgesetzbuchs überzogen. Alle anderen wegen des gleichen Delikts an Angeklagte wurden freigesprochen. Nur Dink wurde, bestätigt durch das Oberste Berufungsgericht, auch bestraft - weil er Armenier war.

          Nur zwei Minister reisen zu Dinks Abschied

          Morddrohungen habe Dink auch von dem pensionierten Brigadegeneral Veli Kücük erhalten, sagt Dinks Anwalt Erdal Dogan. Kücük ist einer der wichtigen Namen des Susurluk-Skandals, bei dem seit 1996 die Verflechtung von Teilen des Staats, der Sicherheitskräfte und der organisierten Kriminalität ans Licht kam. Zuletzt war sein Name im Zusammenhang mit dem Mord am Vorsitzenden Richter des Obersten Verwaltungsgerichts am 17. Mai 2006 genannt worden. Damals hatte der Anwalt Alparslan Aslan den Richter unter den Rufen „Allahu akbar“ erschossen und den Verdacht auf Islamisten gelenkt.

          Später kam heraus, dass Aslan zu einer Gruppe extremistischer Nationalisten gehört und enge Verbindungen zu Sedat Peker, einem Paten der Mafia aus Trabzon, und Veli Kücük unterhalten hat. Kücük hatte bereits in seiner Zeit als Chef der Gendarmerie auf die Dienste der Mafia zurückgegriffen. Seine Beziehungen zu Aslan hatte er dementiert, bis Bilder das Gegenteil zeigten. Nach dem Mord an dem Richter hatte sich die gesamte Armeeführung, Staats- und Regierungsspitze bei der Beerdigung des Richters in Ankara versammelt. Der Abschied von Hrant Dink war nur zwei Ministern die Reise nach Istanbul wert.

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