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Offensive in Syrien : Die türkischen Löwen sind bereit zu kämpfen

„Es ist Teil des großen Spiels“, sagt ein Diplomat – eines Spiels, in dem sich die Akteure in Syrien darauf einrichten, dass Assad den Krieg gegen die Opposition gewonnen hat, und jetzt sicherstellen wollen, dass in den erwarteten Verteilungskämpfen die eigenen Interessen gewahrt werden. So richtet sich Erdogans Blick auf den Kurdenkanton Afrin im Norden von Idlib. Dort haben kurdische Kräfte die Kontrolle, die eng mit der als Terrororganisation geführten PKK verbandelt sind.

An der türkisch-syrischen Grenze will die Türkei keinen „Terrorkorridor“ dulden. Deshalb greift sie nun militärisch ein.

Türkische und syrische Beobachter äußern übereinstimmend die Einschätzung, dass das türkische Militär an den Rändern der kurdisch kontrollierten Region Position beziehen und Afrin von den anderen kurdischen Kantonen weiter im Osten abriegeln soll. Es habe einen entsprechenden Deal mit Russland gegeben, wird gemeinhin vermutet. Auch die türkische Führung hat schon angedeutet, dass nach Idlib nicht Schluss sein muss. Schon die Operation „Schutzschild Euphrat“ hatte sich gegen zwei Feinde gerichtet: gegen die Dschihadisten des „Islamischen Staates“ (IS) und in erster Linie gegen das Staatsbildungsprojekt der Kurden.

Der Groll gegen Russland ist groß

Auch Moskau hat in den vergangenen Tagen unter Beweis gestellt, dass die Beruhigung der syrischen Kampfgebiete nicht die oberste Priorität hat. Russische Bomber flogen heftige Angriffe auf Ziele in Idlib und die syrischen „Brüder“, die Erdogan beschützen will. Dutzende Zivilisten wurden in der designierten Deeskalationszone getötet. „Wir können keine Krankenhäuser bauen, die sicher sind und der Zerstörungskraft der russischen Waffen standhalten können“, klagte in der vergangenen Woche ein Funktionär der örtlichen Selbstverwaltung.

Entsprechend schwer vermittelbar ist die türkisch-russische Allianz. Die Verbündeten Ankaras sind in einer heiklen Lage. Zum einen werden sie durch die Dschihadisten der Hayat Tahrir al Scham bedroht, die deutlich gemacht haben, die „Verräter“ mit aller Macht zu bekämpfen. Manch einer unter den Verbündeten Erdogans, die jetzt in Idlib kämpfen, sollen eigene Erfahrungen mit der russischen Luftwaffe gemacht haben, die ihre Heimatorte in Aleppo und der Umgebung schwer bombardiert hat.

Die Salafistenmiliz Ahrar al Scham, einst ein mächtiger Rivale der Dschihadisten, schwor zwar den türkischen Förderern und Verbündeten in Stellungnahmen die Treue, giftete aber zugleich gegen die „russischen Mörder“. Milizenführer Mustafa Sedschari bestritt energisch, dass seine Truppe russische Luftunterstützung bekomme.

Ein Sieg über die Dschihadisten ist noch nicht ausgemacht. Hayat Tahrir al Scham ist die mit Abstand kampfstärkste Truppe in Idlib. „Sie können leicht Tausende zusätzliche, gut ausgebildete Kämpfer aufstellen“, behauptet ein Einwohner Idlibs mit guten Kontakten in die Reihen der radikalen Islamisten. Zuletzt hatten sich allerdings einige Brigaden abgespalten, und die Türkei hat zugleich versucht, die Gegner der Dschihadisten zu einen.

„Das Einzige, was Hayat Tahrir al Scham wirklich fürchtet, ist ein massiver türkischer Einsatz“, sagt ein syrischer Beobachter, der den Assad-Gegnern nahe steht und gut unter islamistischen Brigaden vernetzt ist. „Aber die Türkei hat zuletzt noch Gesprächskontakte mit der Gruppe gehabt.“ Er bezweifelt wie auch manch westlicher Diplomat, dass Ankara die Dschihadistengruppe mit aller Macht zerschlagen will. „Es ist auch ein bisschen Theater dabei“, vermutet er.

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