https://www.faz.net/-gpf-8oxag

Anschlag in Istanbul : Ermittler fahnden nach Einzeltäter, Hintergründe unklar

  • Aktualisiert am

Straßensperren nach dem Anschlag auf einen beliebten Nachtklub in Istanbul Bild: AFP

Unter den 39 Todesopfern des Anschlags auf einen Istanbuler Nachtklub sind mehr als ein Dutzend Ausländer. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Täter keine Komplizen hatte. Die Behörden haben eine Großfahndung eingeleitet.

          Nach dem Angriff auf einen Nachtklub in Istanbul mit mindestens 39 Toten suchen die türkischen Behörden in einer Großfahndung nach dem Terroristen. Das sagte Innenminister Süleyman Soylu am Sonntag. Es wird davon ausgegangen, dass es sich um einen Einzeltäter handelt. Von dem mutmaßlichen Attentäter gibt es Aufnahmen einer Überwachungskamera, die ihn vor der Tat mit einem schwarzen Mantel bekleidet zeigen. Doch, so Soylu, gebe es Augenzeugenberichte, wonach der Mann im Klub zum Zeitpunkt der Tat andere Kleidung trug.

          Die Auswertung von Videomaterial ist noch nicht abgeschlossen. Den Angaben des Innenministers zufolge wurden bislang 21 Leichen identifiziert; unter ihnen sind 15 oder 16 Ausländer. 69 Menschen würden in Krankenhäusern behandelt, vier seien in kritischem Zustand. Behördenangaben zufolge sollen sich unter den Opfern Franzosen, Saudis, Marokkaner, Libanesen und Libyer befinden. Israelische Medien berichteten außerdem von einer jungen Israelin, die bei dem Anschlag getötet wurde. Ob sich auch Deutsche unter den Opfern befinden, blieb zunächst unklar.

          Wer hinter dem Attentat steckt, ist bislang auch nicht geklärt. Niemand bekannte sich zu dem Angriff, den die Behörden als terroristischen Akt bewerten. Im türkischen Fernsehen sagten Sicherheitsexperten, dass der Angreifer „professionell und kaltblütig gehandelt hat und entsprechend ausgebildet ist“. Sie gehen davon aus, dass der Täter die Örtlichkeiten zuvor auskundschaftet hat.

          Der Anschlag auf eine Silvesterfeier ereignete sich um 01.15 Uhr Ortszeit (23.15 Uhr MEZ) im bekannten Club „Reina“, der direkt an der Bosporus-Meerenge liegt. Nach Behördenangaben schoss der Täter sich seinen Weg in den Klub frei. Dazu tötete er am Eingang einen Polizisten und einen Zivilisten, bevor er im Inneren wahllos das Feuer auf die Gäste eröffnete. Zu dieser Zeit befanden sich dort 500 bis 600 Menschen, wie der TV-Sender CNN Türk berichtete. Manche seien ins Wasser gesprungen, um ihr Leben zu retten.

          Ein oder mehrere Täter?

          Der Angreifer benutzte anscheinend ein Sturmgewehr. Istanbuls Gouverneur Vasip Sahin sprach von einer Waffe mit großer Reichweite. Unklarheit herrschte auch Stunden nach dem Anschlag über die Zahl der Attentäter. Während Sahin und Innenminister Soylu auf eine einzelne Person Bezug nahmen, berichteten Zeugen der Zeitung „Hürriyet“ von mehreren Angreifern. Diese hätten Arabisch gesprochen. Die Nachrichtenagentur DHA meldete, nach ersten Informationen seien zwei Terroristen verkleidet als Weihnachtsmänner in den Nachtklub eingedrungen und hätten das Feuer mit automatischen Waffen eröffnet. Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu spricht dagegen ebenfalls nur von einem Bewaffneten.

          Der Klubbesitzer Mehmet Kocarslan sagte dem Blatt zufolge, nach Berichten des amerikanischen Geheimdienstes über mögliche Anschläge seien die Sicherheitsvorkehrungen in den vergangenen zehn Tagen verstärkt worden. Der Klub befindet sich auf der europäischen Seite von Istanbul im weltoffenen Stadtviertel Ortaköy. Er ist dort eine bekannte Ausgeh-Adresse inmitten anderer Nachtklubs, Restaurants und Galerien.

          Der Nachtklub „Reina“ bei Tageslicht

          Die Türkei, die einer von den Vereinigten Staaten geführten Allianz im Kampf gegen die Miliz „Islamischer Staat“ (IS) angehört, wurde im abgelaufenen Jahr von mehreren schweren Anschlägen erschüttert. Am 10. Dezember wurden ebenfalls in Istanbul vor einem Fußballstadion 44 Menschen bei Bombenattentaten getötet, zu denen sich radikale Kurden bekannten. Im Juni kamen etwa 45 Menschen ums Leben, als mutmaßliche IS-Mitglieder den Flughafen der Metropole angriffen. Hinzu kommt der versuchte Militärputsch im Juli, bei dem in Istanbul ebenfalls zahlreiche Menschen starben.

          Aus Angst vor möglichen Anschlägen waren in der Silvesternacht zahlreiche Polizisten in Istanbul im Einsatz. Sicherheitskräfte kontrollierten die Zugänge zur zentralen Ausgehmeile Istiklal Caddesi und durchsuchten Taschen. Die deutsche Botschaft hatte in einer Mitteilung angesichts der Terrorgefahr gewarnt: „Die Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen und Festlichkeiten an Silvester und Neujahr sollte verantwortungsvoll geprüft werden.“

          Reaktionen auf Anschlag

          Präsident Recep Tayyip Erdogan zeigte sich tief erschüttert über den Anschlag. Die Türkei werde alles Nötige tun, um „die Sicherheit und den Frieden ihrer Bürger zu gewährleisten“, erklärte er am Sonntag. Ziel der Angreifer sei, „Chaos“ zu stiften, doch die Türkei werde diese „schmutzigen Spiele“ nicht zulassen. Vielmehr werde man „bis zum Ende“ gegen die Angriffe der „Terrororganisationen und der Kräfte dahinter“ kämpfen. Damit seien nicht nur bewaffnete Angriffe gemeint, sondern auch solche gegen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.

          Der amerikanische Präsident Barack Obama sprach der Türkei in einer ersten Reaktion sein Beileid aus und bot den deren Behörden Unterstützung an. Bundeskanzlerin Angela Merkel verurteilte das Attentat als „menschenverachtenden und hinterhältigen Anschlag“. Der russische Präsident Wladimir Putin schrieb in einem Telegramm an Erdogan: „Es ist unsere Pflicht, entschlossen Widerstand gegen die terroristische Aggression zu leisten.“ Nach einem tiefen Zerwürfnis wegen des Abschusses eines russischen Kampfjets 2015 durch die Türkei hatten sich Moskau und Ankara zuletzt wieder angenähert.

          Die EU-Außenbeauftragte Frederica Mogherini schrieb auf Twitter: „2017 startet mit einem Angriff in Istanbul. Unsere Gedanken sind bei den Opfern und ihren Angehörigen. Wir arbeiten weiter daran, solche Tragödien zu verhindern.“

          Türkei ist immer wieder Ziel von Anschlägen

          In den vergangenen zwei Jahren ist die Türkei immer wieder von schweren Anschlägen erschüttert worden. Verantwortlich für die Attentate waren meist die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) oder die verbotene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und ihre radikale Splittergruppe Freiheitsfalken Kurdistans (TAK).

          20. Juli 2015: 34 Menschen werden bei einem Anschlag auf junge kurdische Aktivisten in Suruç an der Grenze zu Syrien getötet. Die Regierung macht die IS-Miliz für die Tat verantwortlich.

          10. Oktober 2015: Während einer prokurdischen Friedenskundgebung vor dem Hauptbahnhof in Ankara reißen zwei Selbstmordattentäter der IS-Miliz 103 Menschen in den Tod. Mehr als 500 Menschen werden verletzt.

          12. Januar 2016: Bei einem Selbstmordanschlag auf eine Touristengruppe im touristischen Zentrum Istanbuls werden zwölf Deutsche getötet. Die Regierung gibt der IS-Miliz die Schuld für den Anschlag vor der Blauen Moschee.

          17. Februar 2016: Bei einem Anschlag mit einer Autobombe auf einen Militärkonvoi in der Hauptstadt Ankara werden 28 Menschen getötet. Die TAK bekennt sich zu dem Anschlag.

          13. März 2016: Mindestens 34 Menschen werden bei der Explosion einer Autobombe im Zentrum von Ankara getötet und dutzende weitere verletzt. Auch dazu bekennt sich die TAK.

          19. März 2016: Auf der beliebten Istiklal-Einkaufsstraße im Zentrum von Istanbul reißt ein Selbstmordattentäter vier ausländische Touristen - drei Israelis und einen Iraner - mit in den Tod. Die Behörden vermuten die IS-Miliz hinter der Tat.

          7. Juni 2016: Durch einen Bombenanschlag werden im historischen Zentrum Istanbuls elf Menschen getötet, darunter sieben Polizisten. Zu dem Anschlag bekennt sich die TAK.

          8. Juni 2016: Die Explosion einer Autobombe tötet sechs Menschen vor einem Polizeirevier in Midyat im Südosten der Türkei. Zu der Tat bekennt sich die PKK.

          28. Juni 2016: Bei einem dreifachen Selbstmordattentat auf den Istanbuler Atatürk-Flughafen werden 47 Menschen getötet und mehr als 200 Menschen verletzt. Die Regierung macht die IS-Miliz verantwortlich.

          18. Juli 2016: Bei einer Anschlagserie der PKK-Guerilla auf Sicherheitskräfte im Südosten des Landes sterben 14 Menschen, 300 weitere werden verletzt.

          20. Juli 2016: Bei einem Anschlag eines IS-Attentäters auf eine kurdische Hochzeitsgesellschaft in Gaziantep im Südosten der Türkei werden 57 Menschen getötet, darunter 34 Kinder.

          26. August 2016: Ein PKK-Attentäter sprengt sich vor dem Polizeipräsidium in Cizre im kurdischen Südosten der Türkei in die Luft und reißt elf Polizisten in den Tod.

          12. September 2016: Eine Autobombe explodiert vor der Zentrale der Regierungspartei AKP in Van. 48 Menschen werden verletzt. Die Regierung macht die PKK verantwortlich.

          4. November 2016: Vor dem Polizeihauptquartier in Diyarbakir werden neun Menschen getötet. Die Regierung macht die PKK verantwortlich, doch bekennt sich auch die IS-Miliz dazu.

          10. Dezember 2016: Nach einem Fußballspiel im zentralen Istanbuler Stadtteil Besiktas töten zwei Selbstmordattentäter der TAK 45 Menschen, die meisten von ihnen Polizisten.

          1. Januar 2017: Bei einem Anschlag auf den angesagten Istanbuler Nachtclub „Reina“ werden mindestens 39 Menschen getötet, darunter 15 Ausländer.

          Weitere Themen

          Trikottausch im Weißen Haus Video-Seite öffnen

          Soccer und Nato : Trikottausch im Weißen Haus

          Donald Trump und Brasiliens ultrarechter Staatschef Jair Bolsonaro haben bei ihrem ersten Treffen große Einigkeit demonstriert. Trump brachte sogar eine Nato-Mitgliedschaft des südamerikanischen Landes ins Spiel.

          „Nun ruht er in Frieden“

          Die Opfer aus Christchurch : „Nun ruht er in Frieden“

          50 Menschen sind bei dem Anschlag auf zwei Moscheen in Neuseeland ums Leben gekommen. Eine Erinnerung an die Opfer des grausamen Attentats, das wohl aus einer rassistischen Ideologie heraus begangen wurde.

          Schäfer-Gümbel gibt politische Ämter auf Video-Seite öffnen

          Wechselwillig : Schäfer-Gümbel gibt politische Ämter auf

          Er plane, zum 1. Oktober zur Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) als neues Vorstandsmitglied und Arbeitsdirektor zu wechseln, sagte Schäfer-Gümbel in Wiesbaden.

          Topmeldungen

          Das Unkrautvernichtungsmittel Roundup

          Glyphosat-Streit : Schwere Niederlage für Bayer

          Ist das glyphosathaltige Unkrautvernichtungsmittel Roundup verantwortlich für die Krebserkrankung eines amerikanischen Klägers? Ein Gericht hat dem Hersteller Monsanto nun eine Teilschuld gegeben.

          Bolsonaro in Washington : Vorglühen mit Bannon

          Jair Bolsonaro hat bei seinem Besuch in Washington neben Donald Trump auch dessen verstoßenen Chefstrategen Steve Bannon getroffen. Dabei klang der brasilianische Präsident wie der gelehrige Schüler des rechten Meinungsmachers.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.