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Tuareg : Aufstand in der Wüste

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Mit der Flagge Azawads: Tuareg-Rebellen sichern eine Zufahrtsstraße zum Flughafen von Timbuktu Bild: dapd

Im Norden Malis haben die Tuareg vor kurzem ihren „Staat“ Azawad proklamiert. Auch radikale Islamisten mischten mit. Bei den Nachbarn und in Paris hat das Besorgnis hervorgerufen.

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          Wird dieser „Staat“ von Dauer sein oder in einiger Zeit doch wieder von der Zentralregierung in Bamako kontrolliert werden können? Werden gar die Nachbarn eingreifen? Im wüstenhaften Norden Malis haben Tuareg-„Rebellen“ der „Nationalen Bewegung für die Befreiung des Azawad“ (MNLA) vor knapp zwei Wochen ihre Unabhängigkeit erklärt. Sie nutzten dafür den Putsch der malischen Armee vom 22. März gegen den Präsidenten Amadou Toumani Touré, indem sie die historischen Städte Gao und Timbuktu einnahmen.

          Unterstützt wurden sie von Islamisten, die Al Qaida im islamischen Maghreb (Aqim) nahestehen sollen. Der „Staat“ Azawad erstreckt sich theoretisch auf den gesamten Norden Malis bis zur algerischen Grenze, im Osten bis zur Grenze mit Niger und im Westen mit Mauretanien. Möglich geworden war die Einnahme Timbuktus, weil nach dem Militärputsch die malische Armee den Norden des Landes zum großen Teil geräumt hatte, die Hauptstadt Bamako liegt im Süden des Landes; auch sind etliche der Tuareg-Kämpfer offenbar noch zu Zeiten Gaddafis in Libyen gut ausgebildet worden und schlagkräftig.

          Die Proklamation Azawads hat in den Nachbarstaaten ziemliche Unruhe hervorgerufen, insbesondere in Algerien, weshalb sich ein Sprecher der MNLA beeilte mit der Zusicherung, man werde die internationalen Grenzen respektieren und nicht antasten. Ein Blick auf die Landkarte und ihre über viele hundert Kilometer völlig gerade verlaufenden Grenzlinien macht deutlich, wie künstlich die Grenzziehungen in dieser Region, die auf die Zeit des französischen Kolonialismus zurückgeht, bis heute ist. Sie durchschneiden das Siedlungsgebiet der Tuareg, das sich - neben Mali - auf die Staaten Niger, Algerien (dort hauptsächlich das Hoggar-Gebiet), Mauretanien, Burkina Faso und auch auf den Westrand Libyens erstreckt. Kolonialbeamte und französische Politiker waren es, die diese Grenzziehungen vornahmen, der Bekannteste von ihnen war Marschall Hubert Lyautey (1854- 1934), der viele Jahre lang über Marokko und angrenzende Teile der Sahara-Region gebot.

          Gebietsansprüche der Tuareg

          Beunruhigt zeigte sich auch Frankreich, das in allen Staaten der Region als vormalige Kolonialmacht Interessen hat, politische und diplomatische, aber insbesondere auch wirtschaftliche. Vor allem die Beteiligung von - im weitesten Sinne - Al Qaida im islamischen Maghreb an den jüngsten Ereignissen, die ihrerseits Verbindungen zur militant-islamischen Boko-Haram-Sekte im Norden Nigerias haben soll, sorgt für Besorgnis. In Teilen der zentralen Sahara, unter anderem im Norden Nigers, wird Uran abgebaut, das die Franzosen für ihre Atomreaktoren benötigen.

          Herren der Wüste

          Die Proklamation von Azawad ist der vorläufig letzte Höhepunkt einer politisch-kulturellen Unrast, die dieses Gebiet schon seit vielen Jahrzehnten beherrscht. Immer wieder haben die Tuareg, die „Herren der Wüste“, seit 1960 durch Aufstände von sich reden gemacht. Zwischenzeitliche Perioden der Ruhe waren nicht dazu genutzt worden, um den Anlass zur Unruhe zu beseitigen. Anfängliche Klagen über eine Vernachlässigung oder gar Diskriminierung durch die Zentralregierungen der jeweiligen jungen Staaten, insbesondere aber in Mali, wurden schließlich zu dem ausdrücklichen Konzept einer „Unabhängigkeit Azawads“, wie die Tuareg ihr malisches Kerngebiet in ihrer Sprache nennen, weiterentwickelt.

          Bis zum Anbruch der Kolonialzeit konnten sich die Tuareg mit Recht als die Herren der Wüste bezeichnen. Jahrhundertelang hatten sie vom transaharischen Handel der Karawanen „gelebt“, der sich in zwei Richtungen vollzog: auf einer Nord-Süd-Achse und einer West-Ost-Achse. Was heute Azawad heißt, gilt vielen Tuareg als das eigentliche Zentrum ihrer Kultur, die durch die Kolonialzeit zurückgedrängt wurde. Nach der Unabhängigkeit der betreffenden Staaten in den sechziger und siebziger Jahren versuchte ein Teil der Regierungen, die Tuareg zu integrieren, oft in der Armee - mit nur mäßigen Erfolgen, wie der Ausbruch von Aufständen schon bald darauf deutlich machte. Bereits damals waren Mali und Niger Zentren der Erhebung. Am besten gelang die Integration noch dem libyschen Diktator Gaddafi, was ihm freilich seinen Thron im vorigen Jahr nicht retten konnte. Die von ihm ausgebildeten Kämpfer haben nun ein anderes Ziel gefunden. Bis heute auch leiden die Gebiete der Tuareg an einer Vernachlässigung durch die Zentralregierung, was Infrastruktur oder die Entwicklung des Schul- und Bildungswesens angeht.

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