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Tschetschenien : Schwarze Witwen

Etwa hundert Menschen sind in Rußland von Mitte Mai bis zum Anschlag vom Wochenende durch Bomben tschetschenischer Selbstmordattentäter ums Leben gekommen. Weitere Tschetscheninnen scheinen zum Äußersten entschlossen zu sein.

          Etwa hundert Menschen sind in Rußland von Mitte Mai bis zum Anschlag vom Wochenende durch Bomben tschetschenischer Selbstmordattentäter ums Leben gekommen. Erst sprengten Attentäter einen mit Sprengstoff beladenen Lastwagen in dem tschetschenischen Ort Snamenskoje in die Luft, zerstörten Verwaltungsgebäude, töteten etwa 60 Menschen. Dann verübten zwei Tschetscheninnen einen Anschlag auf den von Moskau eingesetzten Statthalter Achmed Kadyrow, bei dem 18 Menschen getötet worden. Wenig später sprengte sich eine junge Tschetschenin am Eingang eines Busses in die Luft, der russische Piloten zum Militärflughafen Mosdok in Nord-Ossetien, einer Nachbarrepublik Tschetscheniens, bringen sollte. Die Täterin soll, so berichteten Augenzeugen, genau den Bus abgewartet haben, der Piloten jener Einheit transportierte, die Bomben auf Tschetschenien abwerfen.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Entwickelt sich in Tschetschenien ein palästinensisches Szenario? Der Chef des russischen Geheimdienstes FSB, Nikolaj Patruschew, sagt, daß es dazu nicht kommen werde. Doch ist es seinen Agenten bisher nicht gelungen, die offenbar von terroristischen Gruppen genau geplanten Attentate, wie jenes vom Sonntag, zu verhindern. Patruschew sagt, die Selbstmordattentäter würden im Ausland auf ihre Taten vorbereitet.

          Attentäterinnen gefährlicher als Kämpfer

          Andere FSB-Offiziere hingegen berichten von Vorbereitungslagern in den Bergen Tschetscheniens. Sicher ist, daß die Selbstmordattentäter zur wichtigsten Waffe des radikalislamischen Flügels der tschetschenischen Separatisten geworden sind. Dessen Führer Schamil Bassajew und seine arabischen Verbündeten haben nach Einschätzung des FSB zwischen dreißig und vierzig opferbereite Täterinnen zur Verfügung. Sie sind eine Waffe, die Hunderte Menschen das Leben kosten könnte - gefährlicher als die 1200 Kämpfer, die die Separatisten nach Einschätzung Moskaus in Tschetschenien derzeit noch unter Waffen haben.

          Schwarze Witwen

          Auffällig ist, daß die Attentate vor allem von Frauen ausgeführt werden. Frauen fallen in der Regel weniger auf, sie haben in Rußland wie anderswo die größeren Chancen, Kontrollen ungehindert zu passieren, sich in Menschenmengen zu bewegen, ohne sofort von Sicherheitskräften und Leibwächtern beachtet zu werden. Nach allgemeiner Einschätzung handelt es sich bei den tschetschenischen Selbstmordattentäterinnen um sogenannte schwarzen Witwen: Frauen, die sich dem Tod weihen, nachdem ihr Mann oder Bruder im Krieg von den Russen getötet worden ist.

          Wahhabistische Einflüsse

          Freilich hat es im ersten Tschetschenien-Krieg Mitte der neunziger Jahre Selbstmordattentate weder von Männern noch von Frauen gegeben; sie entsprechen nicht dem traditionellen Islam in Tschetschenien mit seinen sufitischen Einflüssen. Erst mit dem wachsenden Einfluß des Wahhabismus, des aus Arabien stammenden Fundamentalismus, kam es im Sommer 2000 zu Selbstmordanschlägen in Tschetschenien. Der erste wurde von zwei tschetschenischen Frauen ausgeführt, die sich mit einem mit Sprengstoff beladenen Lastwagen in einer russischen Kaserne in die Luft sprengten.

          Zu einem Massenphänomen wurde die Anschläge der schwarzen Witwen jedoch nicht. Für großes Aufsehen sorgten diese Tschetscheninnen erstmals im Oktober vergangenen Jahres, als eine ganze Gruppe sich an der Geiselnahme im Moskauer Musical-Theater "Nord-Ost" beteiligte. Damals hieß es, man habe die zum Tod bereiten Frauen den jugendlichen Desperados an die Seite gestellt, damit jene nicht im Zuge ihrer Aktion wankelmütig würden oder sich etwa durch Versprechungen kaufen ließen.

          Zerissene Gesellschaft

          Der Vergleich mit Palästina hat seine Grenzen. Einen Kult um Selbstmordattentäter gibt es in Tschetschenien kaum. Die tschetschenische Gesellschaft ist heute in zahlreiche Gruppen gespalten. Zwar gibt es weit verbreiteten Haß gegen die Russen, aber keine einige Front gegen Moskau. Viele Tschetschenen halten es für unmöglich, in einem eigenen Staat unabhängig von Rußland zu leben. Die chaotische Zeit der faktischen Unabhängigkeit in den neunziger Jahren hat keine guten Erinnerungen hinterlassen. Viele Tschetschenen fürchten die Feldkommandeure und Bandenführer des bewaffneten Kampfes nicht weniger als die russischen Sonderkommandos. Daß die tschetschenischen Islamisten und ihre Selbstmordattentäter nicht davor zurückschrecken, ihre eigenen Landsleute umzubringen, zeigt, wie zerrissen die Gesellschaft ist.

          Rußland hat sich diese Zerrissenheit zunutze gemacht, sie gefördert. Für die Stabilität Tschetscheniens und damit auch Rußlands bringt das nichts. Die vom Kreml verfolgte Strategie einer Tschetschenisierung des Konflikts schützt die russischen Bürger nicht. Die Anschläge vom Wochenende haben gezeigt, daß der Konflikt nicht auf Tschetschenien zu begrenzen ist.

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