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Tschad : Mehr als 300.000 Flüchtlinge

  • -Aktualisiert am

Der tschadische Präsident Idriss Deby änderte für seine Wiederwahl die Verfassung Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Grotesk: Zu Hunderttausenden flüchten die Menschen aus Darfur nach Tschad - in der Gegenrichtung strömen tschadische Flüchtlinge nach Darfur. Während Tschad von Machtkämpfen geschüttelt wird, sieht Präsident Déby nur ungern ausländische Soldaten im Land.

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          Mehr als 230.000 Flüchtlinge aus Darfur leben in großen Flüchtlingslagern in Tschad. Einige dieser Lager, mehr aber noch die zahllosen tschadischen Dörfer, die freiwillig Flüchtlinge aufgenommen haben, sind regelmäßig Ziel von Angriffen bewaffneter Banden aus Darfur, besonders der berüchtigten arabischen Reitermiliz der Djandjawid.

          Gleichzeitig aber sind in Tschad mittlerweile 150.000 Menschen auf der Flucht vor Kämpfen im eigenen Land, was zu der grotesken Situation geführt hat, dass tschadische Flüchtlinge nach Darfur flüchten, während sudanesische Flüchtlinge weiter nach Tschad strömen.

          Auf die Brüder Erdimi war stets Verlass

          Ursache für die Kämpfe sind tschadische Rebellengruppen, die sich aus ehemaligen Regierungssoldaten rekrutieren, Präsident Déby zu stürzen versuchen und von einem der ehedem engsten Vertrauten Débys, Tom Erdimi, befehligt werden. Brisant daran ist, dass die Zwillingsbrüder Tom und Timane Erdimi in den zurückliegenden 15 Jahren für alle heiklen Staatsgeschäfte in Tschad zuständig waren.

          Ob es darum ging, Wahlen mit vorhersehbarem Ausgang zu organisieren, Öleinnahmen umzuleiten oder die Kontrolle über den Baumwollhandel zu behalten: Auf die Brüder Erdimi war stets Verlass. Ihre Rebellengruppe operiert aus Darfur heraus, wird mutmaßlich von Khartum sowohl militärisch als auch finanziell unterstützt und war zusammen mit einer zweiten Gruppe im April vergangenen Jahres bis in die Vororte der tschadischen Hauptstadt N'Djamena vorgedrungen. Die tschadische Armee wiederum setzt diesen Rebellen regelmäßig nach Darfur nach, wo es ebenso regelmäßig zu schweren und vor allem opferreichen Zusammenstößen mit der sudanesischen Armee kommt.

          Déby will kein ausländisches Militär im Land

          Diese tschadische Komponente des Darfur-Konflikts ist beinahe ausschließlich einem Machtkampf innerhalb der dominierenden Ethnie der Zaghawa geschuldet. In Darfur zählen die Zaghawas zu den Opfern der Vertreibung, in Tschad hingegen sind sie Täter. Déby, selbst ein Zaghawa, der einst aus Darfur heraus den Despoten Hissène Habré stürzte, muss sich einer Palastrevolte erwehren, bei der es nicht um mehr politische Teilhabe aller Tschader geht, sondern ausschließlich um die Frage, welcher Zaghawa Déby als Präsident nachfolgen darf.

          Derart um seine alte Machtbasis gebracht, steht Déby jeder Form von ausländischer Militärpräsenz im Land skeptisch gegenüber. Er fürchtet, die Präsenz fremder Soldaten könnte sein Regime zu politischen Konzessionen zwingen, die er nicht zu machen bereit ist.

          Als die Rebellen im April vergangenen Jahres fast N'Djamena eingenommen hätten, war es trotzdem die französische Armee, die Déby vor einer Niederlage bewahrte. Frankreich unterhält in Abéché an der sudanesischen Grenze und in N'Djamena zwei Stützpunkte („Dispositif Epervier“) mit etwa 1000 Soldaten, die mit modernen Kampfflugzeugen, Hubschraubern und Transportflugzeugen ausgerüstet sind.

          „Warnschüsse“ der französischen Luftwaffe

          Die Franzosen unterstützen von Tschad aus auch die Darfur-Mission der Afrikanischen Union (Amis) logistisch sowie mit Treibstoff und Lufttransporten. Logistische Hilfe geben sie auch in Tschad Hilfsorganisationen, die von dort aus in der westsudanesischen Provinz aktiv sind.

          Das Eingreifen seiner Luftwaffe zu Débys Verteidigung hatte Paris im April zwar als „Warnschüsse“ deklariert, gleichwohl stand der tschadische Generalstab damals faktisch unter französischem Kommando. Die massive Einmischung der ehemaligen Kolonialmacht hatte indes nichts mit Sympathie für Déby zu tun, nicht einmal mit den tschadischen Ölvorkommen, sondern war einzig der Sorge geschuldet, neben einem implodierenden Sudan auch noch einen implodierenden Tschad zu vergegenwärtigen.

          „Humanitäre Korridors nicht machbar“

          Gleiches gilt für die weiter südlich liegende Zentralafrikanische Republik, die sich ebenfalls seit mehreren Monaten Rebellen erwehren muss, die aus Darfur einsickern. Dort war die französische Armee mit Bodentruppen aktiv am Kampf gegen die Rebellen beteiligt.

          Eine europäische Schutztruppe für sudanesische Flüchtlinge in tschadischen Lagern mit „starker europäischer Komponente“, wie sie der EU-Außenbeauftragte Solana ins Gespräch gebracht hat, würde alleine aufgrund der Vertrautheit mit den lokalen Gegebenheiten in erster Linie eine französische sein. Der französische Generalstab aber ist Abenteuern in Tschad alles andere als zugetan. Als der französische Außenminister Bernard Kouchner kurz nach seinem Amtsantritt die Idee eines „humanitären Korridors“ aus Darfur heraus nach Tschad ins Gespräch brachte, wurde dies vom französischen Generalstab als „nicht machbar“ abgelehnt.

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