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Tschad : Gemeinsam gegen Déby

  • -Aktualisiert am

Seit 2004 gab es fünf Putschversuche gegen Déby Bild: AFP

Wenn sich die Rebellengruppen auch darin einig sind, den tschadischen Präsidenten Déby stürzen zu wollen, so sind ihre Motive doch sehr unterschiedlich: Die einen möchten einen Machtwechsel, die anderen haben sogar das Regierungssystem selbst im Visier.

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          Sollten sich die jüngsten Berichte aus Tschad bestätigen, nach denen die Rebellen zurückgeschlagen wurden, wäre es der fünfte Putschversuch, den der tschadische Präsident Idriss Déby innerhalb weniger Jahre überlebt hat. Zuletzt hatten zwei der drei in einem Bündnis zusammengeschlossenen Rebellengruppen Ende vergangenen Jahres versucht, aus Sudan heraus Déby zu stürzen – schon als Déby 1990 den Diktator Hissène Habré stürzte, tat er das aus Darfur heraus.

          Wenn sich die Rebellengruppen auch darin einig sind, Déby zu stürzen, so sind ihre Motive doch sehr unterschiedlich. Das „Rassemblement des forces pour le changement“ (RFC) der Zwillingsbrüder Tom und Timan Erdimi will zwar einen Machtwechsel. Gleichwohl wollen die Brüder die bisherige Machtbasis in Tschad, nämlich ein Regierungssystem, das sich ausschließlich auf eine Ethnie, die Zaghawa, stützt, nicht antasten. Der zweiten großen Rebellengruppe, „Union des forces pour la démocratie et le développement“ (UFDD), geht es aber genau darum: Sie wollen nicht nur Déby entmachten, sondern die Vormachtstellung der Zaghawas brechen.

          Sämtliche Wahlen wurden gefälscht

          Die Brüder Erdimi, die Neffen Débys sind, waren lange Zeit verlässliche Stützen des Systems: Timan Erdimi als Chef des Präsidialbüros, sein Bruder Tom als Direktor der staatlichen Erdölfirma. Der Ärger mit den eigenen Leuten begann im November 2003, als Déby die Verfassung dahingehend ändern ließ, seine auf zwei Legislaturperioden beschränkte Amtszeit unbegrenzt fortzusetzen.

          Tschadische Soldaten warten an der Grenze zu Sudan

          Sämtliche Wahlen seit 1990 wurden gefälscht und beim letzten Mal die gesamte Opposition ins Gefängnis geworfen. Die angesichts dieses politischen Selbstverständnisses logisch erscheinende Verfassungsänderung indes wirkte auf den inneren Kreis des Zaghawa-Clans wie der Versuch, eine Dynastie zu schaffen und damit wie das Ende des Kollektivitätsprinzips, nach dem der Clan das Land bislang unter sich aufteilte. Mit dem knapp 30 Jahre alten Déby-Sohn Brahim steht zudem ein Nachfolger bereit, der sämtliche Ambitionen der jüngeren Zaghawas in der Umgebung des Präsidenten zunichte machen könnte. Es geht dabei nicht zuletzt um die Einnahmen aus den Ölfeldern im Süden des Landes.

          Déby konnte nicht tatenlos zuschauen

          Ein erster Putsch gegen Déby im Mai 2004, ausgeführt von seiner eigenen Leibgarde, schlug fehl. Im Oktober 2005 unternahmen die Dissidenten innerhalb der Präsidentengarde den zweiten Versuch, der wieder scheiterte. Der dem Präsidenten ergeben Teil der Zaghawa-Garde weigert sich jedoch, auf die Putschisten zu schießen, die sich daraufhin nach Darfur zurückzogen, wo sie mit offenen Armen empfangen wurden. Déby beschuldigt seither Sudan, sein Regime destabilisieren zu wollen.

          Richtig daran ist, dass die sudanesischen Rebellengruppen in Darfur ihre Waffen zumindest teilweise über Tschad beziehen und in den Grenzdörfern sichere Rückzugsgebiete haben. Dies hat damit zu tun, dass die Zaghawas zu den ersten Schwarzafrikaner gehörten, die von den berüchtigten sudanesischen Reitermilizen der Djandjawid aus Darfur vertrieben wurden und Déby dem nicht tatenlos zuschauen konnte.

          Fundamentaler Wechsel in der tschadischen Politik

          Auch hier sind die Hintergründe kompliziert. Die Ursprünge der Djandjawid, die sich aus arabischen Viehnomaden rekrutieren, liegen in Tschad. Nach Débys Machtergreifung konnten sich die Araber nicht länger in Tschad halten, weil die Zaghawas in der Annahme, sie stünden über dem Gesetz, weil der oberste Zaghawa nun Präsident des Landes sei, zu ihrem uralten Broterwerb zurückgekehrt waren, dem Viehdiebstahl. Die arabischen Nomaden wichen daraufhin nach Darfur aus, wo sie zwar wieder auf Zaghawas trafen, gleichzeitig aber auf eine nicht existierende sudanesische Verwaltung. Dieses Vakuum füllten sie mit eigenen Wehrgruppen, den Djandjawid, die später von Khartum für politische Zwecke manipuliert und missbraucht werden sollten. Insofern ist der Konflikt in Darfur auch ein tschadischer Bürgerkrieg auf fremdem Territorium.

          Die zweite große tschadische Rebellengruppe, „Union des forces pour la démocratie et le développement“ (UFDD), ist im Gegensatz zu der Gruppierung der Erdimi-Brüder eine multiethnische Gruppe, der es um einen fundamentalen Wechsel in der tschadischen Politik geht. Die UFDD war 2006 von dem ehemaligen tschadischen Verteidigungsminister und Botschafter in Saudi-Arabien, General Mahamat Nouri, gegründet worden.

          Nouri stammt aus dem Norden Tschads und gilt als enger Vertrauter des 1990 von Déby gestürzten und mittlerweile in Senegal lebenden, ehemaligen tschadischen Präsidenten Hissène Habré. Beide gehören der Ethnie der Gorana an. Nouri wirft Déby und seiner Ethnie Zaghawa vor, die Macht in Tschad zu monopolisieren. Dieses Misstrauen gegenüber den Zaghawa hatte bislang eine Allianz der UDFF mit den Gebrüdern Erdimi verhindert.

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