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Truppenrückzug im Irak : Stützpunkte zu Einkaufszentren

Packen: Amerikanische Soldaten räumen Mitte Juni einen Stützpunkt im Bagdader Stadtteil Sadr City Bild: AFP

Die Amerikaner haben sich im Irak aus den Stadtvierteln und Dörfern zurückgezogen. Das haben sie schon einmal getan - es endete in einem Chaos und in Gewalt. Doch die Regierung Maliki dringt auf einen abermaligen Rückzug.

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          Hauptmann Andrew Graziano und seine Leute waren ausgesprochen guter Dinge. Zwar waren sie gerade ein weiteres Mal aufgesprungen, weil es geheißen hatte, ihr Flugzeug nach Kuweit stehe zum sofortigen Einsteigen bereit. Dann war es doch wieder nichts gewesen. Der Abflug verzögere sich unbefristet, man solle auf neue Durchsagen warten, hatte es geheißen. Also setzten die Männer und Frauen der Kompanie Alpha ihre Rucksäcke wieder ab, legten ihre Sturmgewehre auf den Betonboden der Wartehalle und machten es sich irgendwie so gut es ging gemütlich. Die meisten schliefen sofort ein.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Die Szene ereignete sich am 7. Februar am Bagdader Flughafen. Hauptmann Andrew Graziano und seine Leute waren auf dem Weg nach Hause. Sie waren seit 36 Stunden unterwegs, nur um mit dem Hubschrauber vom Bagdader Stadtteil Adl ins riesige Heerlager am Flughafen im Westen der irakischen Hauptstadt zu kommen. Dort wurden sie ein ums andere Mal auf ein anderes Frachtflugzeug vertröstet, aber das schien niemanden zu stören. Nur waren alle sichtlich todmüde.

          Hals über Kopf

          „Die vergangenen Tage waren unglaublich, wir haben kaum ein paar Stunden geschlafen“, erzählte Hauptmann Graziano. Denn es galt, so schnell wie möglich ihren Stützpunkt zu räumen. Der hatte sich seit Anfang 2007 in einem mehrstöckigen Betongebäude im Stadtteil Adl im Westen Bagdads befunden. Vor dem Krieg waren in dem wuchtigen Zweckbau ein Supermarkt und Veranstaltungsräume untergebracht.

          Abschied von der Bevölkerung: Die Amerikaner ziehen sich zurück

          Gerade einmal eine Woche vor den irakischen Kommunal- und Provinzwahlen vom 31. Januar hatte die Kompanie von Hauptmann Graziano den Befehl erhalten, die „Joint Security Station“ (JSS) Adl zu räumen. Ursprünglich hätte das erst zwei Wochen nach den Wahlen sein sollen. Aber weil die Iraker darauf gedrungen hatten, den Bau möglichst rasch wieder seiner ursprünglichen Verwendung zuzuführen, musste der Abzug aus der „JSS Adl“ Hals über Kopf erfolgen. In aller Eile wurden Hunderte von Lastwagen beladen, um von den Überwachungskameras auf dem Flachdach des Gebäudes bis zu den Töpfen der Feldküche im Erdgeschoss alles zu verfrachten.

          Zum Schluss verließen die gut 70 Männer und Frauen den Stützpunkt, ihre gepanzerten Fahrzeuge und die letzten Lastwagen vollgepackt bis unters Dach.

          Szenen wie diese haben sich in den vergangenen sechs Monaten überall im Irak ereignet. Mehr als 150 amerikanische Stützpunkte inmitten der Dörfer und Stadtteile des Iraks wurden seit Jahresbeginn von den Amerikanern geräumt und den Irakern übergeben – entweder rückten dort irakische Sicherheitskräfte ein oder sie wurden wieder zu zivilen Zwecken genutzt. Der Kommandeur der derzeit noch knapp 130.000 amerikanischen Soldaten im Irak, Heeres-General Raymond Odierno, sagte am Montag dem Nachrichtensender CNN, dass der Rückzug seiner Soldaten aus den Städten und Dörfern des Iraks faktisch schon abgeschlossen sei – einen Tag vor dem Stichtag an diesem Dienstag.

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