https://www.faz.net/-gpf-9jbfk

Gegen Truppen-Abzug : Afghanischer Präsident schreibt Brief an Trump

  • -Aktualisiert am

Der afghanische Präsident Ashraf Ghani bei einer Fernsehansprache im Präsidentenpalast am Montag. Bild: Reuters

Der angekündigte Abzug amerikanischer Truppen bereitet dem afghanischen Präsidenten Sorge. Nun bietet Ashraf Ghani Donald Trump an, die Kosten für die Stationierung zu senken, denn ein Rückzug könne in einem Blutbad enden.

          Der afghanische Präsident Ashraf Ghani hat Donald Trump in einem Brief angeboten, die Kosten für den Einsatz amerikanischer Truppen in Afghanistan zu senken. Das berichtet die „New York Times“ mit Berufung auf drei Beamte. Der Brief verdeutlicht, wie besorgt Ghani angesichts des angekündigten Rückzugs der amerikanischen Truppen aus dem seit 20 Jahre andauernden Krieg ist.

          Die Vereinigten Staaten waren bis dato der stärkste Verbündete der afghanischen Regierung im Kamp gegen die Taliban. Ghani fürchtet, ein überstürzter Rückzug, ausgelöst durch Trumps Ungeduld, könnte zum Wiedererstarken der Taliban führen und das Land abermals in Chaos stürzen.

          Der afghanische Präsident schrieb den Brief an Trump nur wenige Tage nach der bislang ernsthaftesten Verhandlungsrunde zwischen den amerikanischen Diplomaten und den Taliban in Qatar. Trump hatte noch am Mittwoch getwittert, die Gespräche verliefen gut. Laut Chefdiplomat Zalmay Khalilzad haben sich die Parteien auf einen Rahmenplan bezüglich zweier Punkte geeinigt: die Taliban sollen verhindern, dass Terrororganisationen wie Al Qaida afghanisches Gebiet für ihre Zwecke gegen die Vereinigten Staaten nutzen und im Gegenzug würden die Amerikaner ihre Truppen abziehen.

          Vermeintliche Fortschritte bei Friedensverhandlungen

          Auch wenn beide Seiten von Fortschritten in den Verhandlungen sprechen, gehen die Kampfhandlungen in Afghanistan weiter. Die Taliban greifen weiterhin täglich Kontrollposten oder Militärstützpunkte der Regierung an und töten Sicherheitskräfte.

          Afghanische Regierungsbeamte, die ebenfalls an den Verhandlungen beteiligt sind, zeigen sich frustriert. Sie sähen sich in ihrer Sorge bestätigt, dass es der Trump-Administration mit ihrem Langzeitengagement in Afghanistan nicht ernst sei und sie sich nicht darum kümmere, wie sich ein amerikanischer Rückzug auf die 35 Millionen Afghanen auswirken könnte.

          Um dem vorzubeugen habe Ghani bereits seit langem mit dem vorigen amerikanischen Kommandanten John W. Nicholson über eine Reduzierung der Truppengröße und finanzielle Einsparungen diskutiert, berichtet ein ranghoher afghanischer Beamter, der den Brief an Trump gesehen hatte. In dem Brief schlage Ghani vor, die Truppengröße von den jetzigen 14.000 Soldaten auf ein „effizienteres Maß“ zu reduzieren. Dadurch könnten die Vereinigten Staaten bis zu zwei Milliarden Dollar pro Jahr einsparen. Die Truppen könnten auf bis zu 3000 Soldaten reduziert werden, sagte der Beamte.

          Ghani hatte bereits vergangene Woche auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos für Vorsicht beim Rückzug aus Afghanistan plädiert: „Die Vereinigten Staaten als souveräne, als globale Macht haben das Recht zu gehen. Aber wir müssen den Abzug gut koordinieren. Sind die fundamentalen Ziele, mit denen die Vereinigten Staaten nach Afghanistan gekommen sind erreicht? Das Hauptproblem sind die Kosten. Auch wir sind absolut der Meinung, dass die Kosten reduziert werden müssen.“

          Afghanische Regierung skeptisch gegenüber Friedensprozess

          Der afghanische Präsident und sein Innenminister, Amrullah Saleh, stehen den Friedensverhandlungen zwischen Amerikanern und Taliban kritisch gegenüber. Ghani sagte in einer Fernsehansprache am Montag, ein hektisch ausgehandeltes Abkommen könne in einem Blutbad enden. Er warf der amerikanischen Delegation vor, den Taliban zu viel zuzugestehen. Außerdem müsse der Friedensprozess in der Hand der Afghanen selbst liegen. Die Taliban weigern sich aber bislang, mit den Afghanen direkt zu verhandeln.

          Saleh äußerte sich in einem Interview mit dem britischen Sender BBC sehr emotional: „Bedenken Sie, dass der Westen in Sicherheitsfragen auch von uns abhängig ist. Wir bringen das größtmögliche Opfer für die globale Sicherheit. Es waren immer unser Blut und unsere Knochen. Der Westen hat in letzter Zeit nur Geld und Waffen beigesteuert. Also vergewissern Sie sich bitte, dass wir kein Wohltätigkeitsfall sind. Wir sind ein Partner.“

          Kritik von der Opposition

          Die Oppositionsführer in Afghanistan werfen Ghani vor, er stelle sich aus strategischen Gründen gegen die Friedensverhandlungen, um die nächsten Präsidentenwahlen im Juli zu gewinnen. Hanif Atmar, der in den Wahlen gegen Ghani antreten will, sagte: „Anstatt der Bevölkerung Hoffnung zu schenken und diesen kritischen Prozess anzuleiten, versucht die Regierung, diesen zu untergraben und den Menschen noch mehr Angst einzujagen.“ Der Präsident müsse gewillt sein, seine Macht für den Frieden aufzugeben.

          Doch Davood Moradian, der Direktor des Afghanischen Instituts für Strategische Studien, sieht Ghanis Sorgen angesichts eines amerikanischen Rückzugs als begründet an. „Die Vereinigten Staaten haben schon oft ihre Verbündeten fallen lassen, beispielweise den iranischen Shah oder Mubarak in Ägypten.“

          Auch ein Bericht des Generalinspekteur für den Wiederaufbau in Afghanistan vom Donnerstagmorgen , einer amerikanischen Behörde, scheint Ghanis Besorgnis zu untermauern. Der Bericht besagt, die afghanische Regierung verliere zunehmend die Kontrolle über das Land, die afghanischen Streitkräfte würden zunehmend geschwächt. Momentan leben 63 Prozent der Bevölkerung in Gegenden, die von der zentralen Regierung kontrolliert werden.

          Moradian wies darauf hin, dass unabhängig von Ghanis politischen Interessen die Zukunft Afghanistans auf dem Spiel stehe: „So wie ich Ashraf Ghani kenne, denke ich, dass er aus Eigennutz handelt. Doch in diesem Kontext stimmen seine Interessen mit den Interessen der konstitutionellen Ordnung und dem Wiederaufbau des Staates überein.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Thomas Middelhoff beim Gespräch über sein neues Buch „Schuldig“ in Hamburg

          Middelhoff im Gespräch : „Es war die Gier nach Anerkennung“

          Thomas Middelhoff war Vorstandsvorsitzender von Bertelsmann und galt als „Wunderkind“ der Wirtschaft. Dann kam der Absturz: Steuerhinterziehung, Haft, Privatinsolvenz. Jetzt bekennt sich der gestürzte Manager: „Schuldig“
          Das durch den Abbau von jährlich rund 40 Millionen Tonnen Braunkohle entstandene „Hambacher Loch“.

          Gigantischer Stromspeicher : Die Wasserbatterie im Hambacher Loch

          Was ein visionärer Plan: Ein gigantischer Stromspeicher für überschüssigen Wind- und Solarstrom soll im „Hambacher Loch“ entstehen. Die Technik dürfte Kennern bekannt vorkommen.
          200 Nanometer Durchmesser: Virus Varicella Zoster (VZV)

          Gürtelrose : Höllischer Schmerz

          Die neue Impfung gegen Gürtelrose zahlen jetzt die Kassen. Gut so, denn wer einmal unter der Infektion litt, wird das so schnell nicht vergessen. Die Infektion ruft heftige Nervenschmerzen bei den Betroffenen hervor.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.