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Trumps Mauer zu Mexiko : So nah, so fern

  • -Aktualisiert am

Von der Familie getrennt: David Castillo sieht am Grenzzaun von Tijuana zum ersten Mal nach acht Monaten Frau und Kinder wieder. Bild: Andreas Ross

Seit mehr als zwanzig Jahren trennt ein hoher Zaun das amerikanische San Diego von Tijuana in Mexiko. Doch die Städte sind auf besondere Weise eng verschlungen.

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          „Papi?“, ruft eine Kinderstimme zaghaft. Nur wenn man die Augen gegen die Vormittagssonne abschirmt und genau im rechten Winkel auf den sechs Meter hohen Zaun starrt, kann man dahinter die Schemen des Jungen, seines Bruders, seiner Mutter und seiner kleinen Schwester erkennen. „Papi, Papi“, rufen die beiden Grundschüler nun zusammen. David Castillo rennt herbei. Vor lauter Aufregung hat er den Moment verpasst, als seine Familie endlich ankam. Nun schiebt er sich die Sonnenbrille ins kurze Haar, drückt das dunkelhäutige Gesicht gegen eine rostige Stele, kneift das linke Auge zu und sucht sich im engmaschigen Stabmattenzaun eine Öffnung für das rechte. Bald geht er in die Hocke und streckt seinen Kindern die kleinen Finger entgegen. Mehr passt nicht durch die quadratischen Löcher. Dann wieder richtet Castillo sich auf und presst seine Lippen ans bemalte Metall, wo er seine Frau vermutet. Mit dem grauen T-Shirt wischt er sich den Staub vom Mund und die Tränen aus den Augen, dann setzt er zum nächsten Kuss an. Acht Monate lang hat er darauf gewartet. Acht Monate lang hatte er seine Familie nicht gesehen.

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten.

          Denn David Castillo lebt jetzt in Tijuana. Er ist Mexikaner, aber das Land ist ihm fremd. Schließlich war er schon 1987 nach Kalifornien übergesiedelt. Damals war er sieben, jünger als sein Zweitgeborener heute. Auch Castillos Frau kam einst ohne Erlaubnis aus Mexiko nach Los Angeles, damals, in den Achtzigern, als das noch einfach war, als auch in Tijuana noch kein Zaun stand und niemand eine Betonmauer hochzuziehen versprach. Doch zu Hause sprachen die Castillos stets Englisch. Vater David tut sich nicht ganz leicht mit der Sprache in seinem vermeintlichen Heimatland, in das er vor wenigen Wochen abgeschoben wurde.

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