https://www.faz.net/-gpf-a0wpe

Trump weist Berichte zurück : Russisches Kopfgeld für Anschläge auf Amerikaner?

Die Leichname von zwei in Afghanistan gefallenen amerikanischen Soldaten werden auf dem amerikanischen Luftwaffenstützpunkt in Dover im Bundesstaat Delaware aus einem Militärflugzeug getragen. Bild: AFP

Haben russische Agenten den Taliban Prämien für die Tötung amerikanischer und anderer ausländischer Soldaten angeboten? Das Dementi von Trump, Putin und den Taliban sagt nicht viel aus. Es gibt aber einen anderen Grund, der dagegen spricht.

          3 Min.

          Medienberichte über angebliche russische Störmanöver in Afghanistan und die Untätigkeit des Weißen Hauses in dieser Angelegenheit haben dem Wahlkampf in den Vereinigten Staaten neuen Stoff gegeben und Donald Trump in Erklärungsnot gebracht. Hat der Präsident es monatelang versäumt, auf Geheimdiensterkenntnisse zu reagieren, nach denen russische Agenten den Taliban Kopfgelder für die Tötung amerikanischer und anderer ausländischer Soldaten angeboten haben? Vor allem sein Herausforderer Joe Biden kritisierte Trump am Wochenende deswegen scharf, aber auch Politiker der eigenen Partei verlangen Aufklärung.

          Christian Meier

          Redakteur in der Politik.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Wie oft erklärte der Präsident sich daraufhin auf Twitter. Die Geheimdienste hätten ihm „ soeben berichtet, dass sie diese Info nicht für glaubwürdig hielten“, schrieb Trump am Sonntagabend in dem Kurznachrichtendienst. Daher seien die Erkenntnisse auch weder ihm noch Vizepräsident Mike Pence unterbreitet worden. Womöglich, so unterstellte Trump weiter, handele es sich bei der ganzen Angelegenheit um eine von den Medien fabrizierte Geschichte, um den Republikanern zu schaden.

          Indirekte Bestätigung durch das Weiße Haus?

          Eine Mitteilung der Sprecherin des Weißen Hauses vom Samstagabend könnte derweil immerhin als indirekte Bestätigung gewertet werden, dass die besagten Geheimdiensterkenntnisse existieren. Über diese hatten mehrere Zeitungen berichtet, zuerst die „New York Times“; sie beriefen sich dabei auf Angaben namentlich nicht genannter Geheimdienstmitarbeiter. Diesen Medienberichten zufolge sind die amerikanischen Dienste schon vor Monaten zu dem Schluss gelangt, dass eine Einheit des russischen Militärgeheimdienstes im vergangenen Jahr heimlich Kopfgelder für erfolgreiche Anschläge auf Soldaten der Nato-geführten Mission „Resolute Support“ in Afghanistan geboten habe.

          Die Erkenntnisse basieren demnach teilweise auf Verhören mit gefangen genommenen afghanischen Aufständischen und Kriminellen. Aber auch der Fund einer großen Menge von Dollars nach der Erstürmung eines Taliban-Außenpostens soll Geheimdienstmitarbeiter alarmiert haben. Mindestens ein amerikanischer Soldat, so schrieb die „New York Times“ am Montag unter Berufung auf ihre Quellen, sei als Folge der Kopfgeldangebote getötet worden. Im März sollen die geheimdienstlichen Erkenntnisse erstmals im Nationalen Sicherheitsrat erörtert worden sein, und auch Trump soll unterrichtet worden sein. Eine Reihe möglicher Gegenmaßnahmen sei vorgeschlagen worden, eine Entscheidung wurde demnach bislang jedoch nicht getroffen.

          Nicht nur der amerikanische Präsident bestritt diese Darstellung. Auch Russland und die Taliban dementierten. Die Islamisten teilten mit, sie hätten keine Hilfe ausländischer Geheimdienste oder Staaten nötig. Derartige „Gerüchte“ sollten nur den Abzug der amerikanischen Truppen behindern. In Moskau bezeichnete Dmitrij Peskow, der Sprecher des russischen Präsidenten Wladimir Putin, die amerikanischen Berichte am Montag als „Lüge“. Es sei zu bedauern, dass „einstmals größte, geschätzte und hochklassige Weltmedien sich in den vergangenen Jahren nicht davor ekeln, absolute ‚Enten‘ zu veröffentlichen“, sagte Peskow. Das spiegelte einerseits das übliche Moskauer Bemühen, auch frühere Berichte amerikanischer Zeitungen zu Russland in Zweifel zu ziehen.

          Doch andererseits würde die in den amerikanischen Berichten beschriebene Prämien-Praxis tatsächlich einen Bruch mit Verfahren darstellen, mit denen Russland in Verbindung gebracht worden ist. Die „New York Times“ zog selbst eine Linie zum Militärgeheimdienst GRU und Operationen, die diesem in den vergangenen Jahren vorgeworfen worden sind: Vergiftungen in England (der Fall Skripal) und Bulgarien, ein Putschversuch in Montenegro, Hacking-Angriffe auf Trumps Gegner und Publikationen im amerikanischen Präsidentenwahlkampf 2016.

          Kopfgeld gehörte bislang nicht zum russischen Repertoire

          Aus Moskauer Sicht ist Afghanistan, wo in den achtziger Jahren Tausende sowjetische Soldaten fielen, einerseits ein Sicherheitsrisiko, andererseits ein Schauplatz im geopolitischen Ringen mit dem Westen. Aber ein Kopfgeld-Deal mit den Taliban, die auch in Moskau als schwierige Verhandlungspartner bekannt sind, wäre ein reichlich exotischer Schritt. Die „New York Times“ konzediert auch selbst, dem GRU sei noch nie vorgeworfen worden, Angriffe auf westliche Soldaten zu orchestrieren.

          Russlands Engagement in Afghanistan ist regelmäßig Gegenstand von Spekulationen. Vor einigen Jahren gab es wolkige Berichte über Waffenlieferungen an die Taliban. Moskau wies sie als „Hirngespinste“ zurück, und auch die Taliban bestritten am Wochenende, je Waffen aus dem Ausland erhalten zu haben. Dass Moskau Kontakte zu den Taliban unterhält, gab man Ende 2015 bekannt. In Russland selbst ist die Gruppe als terroristisch verboten, aber man hat Delegationen der Islamisten empfangen. Ende 2018 und im Frühjahr 2019 gab es gar Afghanistan-Konferenzen in Moskau unter Beteiligung der Taliban. Derlei verbucht man unter Kontaktpflege, wie sie auch im Westen betrieben wird.

          Im amerikanischen Wahlkampf stehen freilich eher andere Russland-Verbindungen im Fokus. Joe Biden erklärte Trumps angebliche Untätigkeit gegenüber den Kopfgeld-Berichten am Wochenende mit dessen fortgesetzter „Ehrerbietung und Selbsterniedrigung“ gegenüber Putin. Trump keilte zurück, indem er behauptete, keine Regierung sei härter gegenüber Russland vorgegangen als seine. Biden dagegen habe als Barack Obamas Vizepräsident Russland frei walten lassen, etwa in der Ukraine, schrieb Trump und brachte in diesem Zusammenhang einmal mehr Bidens Sohn Hunter ins Spiel, den er wie den Vater der Korruption bezichtigt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Brasilianischer Präsident : Bolsonaro ist an Covid-19 erkrankt

          Seine Infektion bestätigte der Präsident am Dienstag – und beteuerte, es gehe ihm gut. Die Maskenpflicht hatte er nicht nur oft missachtet, er hatte sie energisch bekämpft. Nun wird er mit Häme überschüttet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.