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Trump und Europa : Freund, Feind oder was?

Der amerikanische Präsident Donald Trump und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kommen im Juli 2017 zur ersten Arbeitssitzung beim G-20-Gipfel in Hamburg zusammen. Bild: dpa

Für Nostalgie ist im transatlantischen Verhältnis kein Platz mehr. Die Amerikaner haben die Nase voll, die Lasten des Westens zu tragen. Auf uns kommt einiges zu.

          1982, im zweiten Jahr der Präsidentschaft Reagans, kam in Deutschland ein Buch auf den Markt, das sich mit den Innereien, dem politischen Innenleben Amerikas befasste. Es nahm auch unseren Blick darauf unter die Lupe. Autor war Klaus Harpprecht; das Buch trug den Titel „Der fremde Freund“. Damit war eigentlich schon fast alles gesagt: Freund und dennoch fremd. Es dauerte einige Jahre, und auch Reagan wurde für verehrungswürdig gehalten.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

          Wenn Klaus Harpprecht heute ein ähnliches Buch schreiben würde, welchen Titel würde er ihm geben? Die große Entfremdung? America First, Europe Last? Aufstand der Populisten? Vielleicht „Unser Feind und Partner“.

          Tatsächlich, seit Donald Trump der Herr im Weißen Haus ist, scheinen alte Gewissheiten nicht mehr zu gelten. Dass Verbündete als Trittbrettfahrer abqualifiziert werden, ist nicht neu. Die Kritik ist auch nicht unberechtigt. Dass sie aber plötzlich zu Rivalen, Gegnern und gar Feinden werden, das ist ein neuer Ton. Und dass sie von wichtigen Entscheidungen über Twitter erfahren, ist schmerzhaft. Immerhin gibt es auch in der Regierung Trump Leute, Traditionalisten, die Amerikas Verbündete mit Respekt behandeln.

          Bei seinem Besuch an der amerikanischen Westküste neulich hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier festgestellt, dass es Streit über den Atlantik hinweg immer gegeben habe. Um dann besorgt hinzuzufügen: „Aber der Schaden der heutigen Erschütterungen kann tiefgreifender, langfristiger und vor allem irreparabel sein.“ Wiederholung: tiefgreifender, langfristiger, irreparabler. Dabei haben die Kräfte, die uns auseinandertreiben, nicht nur mit Donald Trump zu tun. Er ist vielleicht nur Spitze, Wortführer und Beschleuniger einer unter Umständen strukturellen Entfremdung.     

          Die Lage hat sich geändert

          Deutschland war einmal so etwas wie der Lieblingsverbündete der Vereinigten Staaten. Es war neben Japan der große Erfolg der amerikanischen Nachkriegspolitik: in Bezug auf Bündnisfestigkeit, politische Verfasstheit und Stabilität sowie hinsichtlich der wirtschaftlichen Grundorientierung. Die alte Bundesrepublik hatte sich, weitgehend unverrückbar, an die Seite der westlichen Vormacht gestellt. Es gab Dispute und ernste Konflikte; die aber stellten die Beziehung niemals in Frage, jedenfalls nicht im Grundsatz.

          Diese Enge hatte Bestand bis weit über den Fall der Mauer hinaus. Die Beziehung lebte von Empathie, übereinstimmenden Grundprinzipien („Werten“) und kompatiblen Interessen, selbst wenn die amerikanischen immer auch eine globale Dimension hatten – die Vereinigten Staaten sind Weltmacht; eine Weltmacht, die sich vorübergehend auf unipolarer Höhe sah.

          Unter Donald Trump hat sich die Lage geändert, auch, aber nicht nur, weil er den Rückzug der Vereinigten Staaten als globale Ordnungsmacht (Herfried Münkler) fortsetzt und stattdessen eng definierten amerikanischen Interessen Vorrang gibt. Es heißt, eben, „America first“. Trump verachtet und untergräbt in zerstörerischer Absicht den liberalen Multilateralismus, der sowohl im europäischen Selbstverständnis als auch hinsichtlich des Erreichens europäischer Interessen zentral ist.

          Kein Wunder, dass nach einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung das Vertrauen in die Vereinigten Staaten als Ordnungsmacht auf einem Tiefpunkt angekommen ist. Eine große Mehrheit der Befragten in Deutschland nimmt das deutsch-amerikanische Verhältnis als tiefgreifend gestört wahr. Aus gutem Grund!     

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