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Trump, Bolton und der Brexit : Amerikanische Märchenerzähler

Der amerikanische Präsident Donald Trump und sein Sicherheitsberater John Bolton Bild: Reuters

Trump phantasiert wieder über die vermeintlich segensreichen Wirkungen eines amerikanisch-britischen Handelsabkommens und eines harten Brexits – genau wie sein Sicherheitsberater. Wenigstens die Briten sollten nicht auf Boltons „Rat“ hereinfallen.

          Donald Trump hatte schon vor seiner Ankunft in London Öl ins Feuer der Brexit-Debatte im Vereinigten Königreich gegossen; genau so, wie er das vor einem Jahr getan hatte, aber da war er „nur“ zu einem Arbeitsbesuch im Land gewesen. Aber auch da hatte ein Interview, in dem er, wie jetzt, einem No-Deal-Brexit das Wort redete, abschätzige Bemerkungen über Premierministerin May machte und den May-Gegner Boris Johnson zu seinem Lieblingspremierminister erhob, zu seinen Mitbringseln gehört. Trump weiß eben, wie man sich beliebt macht oder eben auch nicht.

          Der Präsident und sein Sicherheitsberater Bolton phantasierten wieder über die vermeintlich segensreichen Wirkungen eines amerikanisch-britischen Handelsabkommens, das natürlich erst nach einem Ausscheiden aus der EU geschlossen werden kann, wenn also, aus der Sicht von Trump, Brexit-Ultras & Co., die Fesseln zu Europa durchtrennt worden sind.

          Hauptsache Krawall

          So groß würden die Handelsgewinne sein, dass sie die dann eintretenden Verluste im Austausch mit der EU leicht kompensieren würden. Sagt der Mann, der gegenwärtig wie ein Irrwisch durch die internationale Handelspolitik wütet und dabei keine Rücksicht nimmt, was die eigene Wirtschaft davon hält. Hauptsache Krawall, Hauptsache, Amerikas engste Handelspartner kriegen das Fracksausen.

          Man muss sich das vorstellen: 44 Prozent der Exporte des Vereinigten Königreichs gingen 2017 in die EU, 53 Prozent seiner Importe kamen von dort. Der Austausch von Waren und Dienstleistungen mit den Vereinigten Staaten kann da nicht annähernd mithalten. Und das soll dann auf wunderbare Weise alles anders werden? „Much bigger than European Union?“

          Glauben diese Leute an Hokuspokus oder sind sie Opfer ihrer eigenen Ideologien? Vermutlich beides. Und dass Freihandelsabkommen quasi im Expresstempo durchgezogen würden, ist auch so ein Glaubenssatz des Präsidenten.

          Man darf gespannt sein, was aus den „großen, riesigen Vorteilen“ werden wird, die dann für Großbritannien anfallen würden. Das ist aus dem gleichen Märchen entnommen, das Trumps Berater Bolton erzählt, dass nämlich ein von der EU losgelöstes Land wieder Weltmacht werde.

          Träume von alten Kolonialzeiten

          Selbst May sah am Horizont ein globales Britannien rosarot leuchten. Dass die englischen Brexiteers auf ihren Nachttischchen Bilder von Queen Victoria haben, ist nicht auszuschließen, bei all der Verklärung von „Britain’s global role“ in früheren, aber leider untergegangenen Zeiten.

          Wie viele Mitglieder des alten Empire werden Schlange stehen und, von alten Kolonialzeiten träumend, mit London Wirtschaftsabkommen schließen – Indien wäre ein interessanter Fall –, wenn ihre eigentliche Priorität doch im Abschluss solcher Abkommen mit der EU liegt? Schließlich ist der europäische Markt knapp achtmal größer als der britische. Aber egal. Man wird ja sehen, wie heiter oder beschwerlich Britanniens Solotour wird, dessen Politiker und Wähler sich so in den Haaren liegen.

          Aber es stimmt überhaupt nicht heiter, sondern ist geradezu tragisch, wenn Leute wie John Bolton an Schaltzentren der Macht sitzen und das Ohr des Präsidenten haben: Leute, die zerstören wollen, die keinen Respekt vor Institutionen haben, denen immer nur der große Hammer einfällt, wenn sie ein politisches Problem lösen sollen.

          Diese Leute sind gefährlich. Auch das ist beängstigend an diesem amerikanischen Präsidenten, dass er einen nationalistischen Zerstörer mit dem Amt des Sicherheitsberaters betraut hat. Wenigstens die Briten sollten nicht auf dessen „Rat“ hereinfallen.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

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