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Trump über Syrien : „Wir behalten das Öl, wir haben das Öl, das Öl ist sicher“

Amerikanische Soldaten, die offiziell zur Sicherung von Ölfeldern nach Syrien entsandt wurden. Bild: AP

Wenn man den Präsidenten fragt, dann sind Hunderte amerikanische Soldaten nur deshalb in Syrien geblieben, um dessen Erdöl zu konfiszieren. Trumps Militärs verfolgen andere Ziele.

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          Für Außenstehende bleibt es schwer einzuschätzen, was die verbliebenen amerikanischen Streitkräfte in Syrien tun. Doch für Donald Trump scheint die Sache klar. Am Mittwoch, als er den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan empfing, bekräftigte er: „Wir behalten das Öl, wir haben das Öl, das Öl ist sicher, wir haben Truppen nur für das Öl zurückgelassen.“

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Als Verteidigungsminister Mark Esper am selben Tag auf die ostsyrischen Ölfelder angesprochen wurde, sagte er: „Nun, die dauerhafte Niederlage des ,Islamischen Staates‘ (IS) ist die Mission, oder?“ Ein Weg diese Niederlage sicherzustellen, sei es, den Dschihadisten den Zugang zu  den Ölfeldern und damit zu einer wichtigen Einnahmequelle zu verwehren. „Wenn sie Einnahmen erzielen können, dann können sie Kämpfer bezahlen, können sie Waffen kaufen, können sie Operationen durchführen“, erklärte Esper. Der Verteidigungsminister hatte Ende Oktober deutlich gemacht, die Öleinkünfte sollten an die von kurdischen Milizionären dominierten „Syrien Democratic Forces“ gehen, die den IS in Syrien unter enormen Verlusten bekämpft und zurückgedrängt hatten, bis er ganz von der Landkarte getilgt wurde.  

          Die Dissonanzen in der Außendarstellung sind ein weiterer Hinweis darauf, dass die Fachleute in Pentagon und State Department den Einsatz in Syrien aus anderen Gründen führen als der Präsident, in dessen Vorstellung der Nahe und Mittlere nur aus Blut, Sand und eben Öl zu bestehen scheint. Immer wieder hatte es aus dem Sicherheits-Establishment in Washington geheißen, die amerikanische Präsenz stelle den fortgesetzten Kampf gegen den IS sicher, sie bilde außerdem ein wichtiges Gegengewicht gegen die Expansion Irans in der Region und diene als Hebel gegen das Assad-Regime.

          Schützenpanzer vom Typ Bradley in Syrien

          Trump war aber nicht davon abzubringen, nach einem Telefonat mit Erdogan unvermittelt den Abzug der amerikanischen Soldaten aus dem Norden Syriens anzuordnen – und damit blutiges Chaos heraufzubeschwören.  Offenbar besannen sich die Abzugsgegner in der Regierung danach darauf, dass Trump eine ausgeprägte Schwäche für Öl als Kriegsbeute hat. Mit dem Argument konnten sie ihn zu einer abermaligen Kehrtwende bewegen, um den Schaden zu begrenzen und die SDF zu stärken, denen Trump mit seinem Abzugsbefehl in den Rücken gefallen war. Amerikas kurdische Alliierte waren völlig unvorbereitet, als Trump mit seiner Order einer türkischen Invasion den Weg frei machte. Für Erdogan sind die kurdischen Kräfte im Norden Syriens Terroristen, weil sie treue Gefolgsleute des PKK-Anführers Abdullah Öcalan sind. Von Amerika im Stich gelassen, erlaubte die kurdische Autonomieverwaltung unter Vermittlung Russlands Einheiten des syrischen Regimes den Wiedereinmarsch. Erdogan und Putin schlossen ihrerseits einen Handel über den Norden Syriens.           

          Der amerikanische Präsident behauptete während Erdogans Besuch, die dortige Waffenruhe halte, auch wenn die Lage „kompliziert“ sei. Von einer Waffenruhe kann allerdings keine Rede sein. Täglich werden Gefechte gemeldet, immer wieder auch türkische Drohnenangriffe. Und mit „kompliziert“ ist die Lage auch noch einigermaßen optimistisch umschrieben. Im Grenzort Qamischli detonierten zu Beginn der Woche drei Autobomben, der IS bekannte sich zu einem Mordanschlag auf einen armenischen, katholischen Priester. Russisches und türkisches Militär unternehmen gemeinsame Patrouillenfahrten im Grenzgebiet und werden von Einwohnern angegriffen. Arabische, meist islamistische Milizen unter türkischer Führung liefern sich Gefechte mit den Truppen des Regimes, plündern und morden.  Ein amerikanischer Offizier berichtete der Nachrichtenagentur AP, wie eine Gruppe seiner Panzerfahrzeuge angefordert wurde, um einen  amerikanischen Konvoi zu schützen, der das Kampfgebiet um die Ortschaft Tel Tamr durchqueren musste.

          Über die künftige Truppenstärke herrscht indes Klarheit. Verteidigungsminister Esper hat jetzt bestätigt, das etwa 500 bis 600 Soldaten bleiben sollen. Die Zahl umfasst womöglich nicht das kleine Kontingent , das im südsyrischen in Al Tanf im Grenzgebiet zu Jordanien stationiert ist. Ein Abzug von dort war nicht Teil der Debatte. Die  Gegend ist heikel: Iranisch geführte Kräfte stehen dort nahe der syrischen Grenze zu Israel.

          Im Norden scheint sich die amerikanische Präsenz auf mehrere Gegenden zu verteilen. Einwohner haben amerikanische Truppen in der Nähe mehrerer wichtiger Felder gesehen, unter anderem denen von Al Omar oder Al Tanak. Von amerikanischen Militärs heißt es, Truppen würden nicht nur an den Ölfeldern, sondern auch in der Gegend von Qamischli und dem Ort Derik stationiert. Nach Angaben von Diplomaten ist es Washington außerdem wichtig, dass der Grenzübergang in den kurdisch kontrollierten Nordirak für Truppenverlegungen offen und gesichert ist. Die Agentur AP zitierte Soldaten vor Ort mit den Worten, sie würden dort auch wichtige Verkehrsverbindungen und Anlagen zur Wasserversorgung sichern.

          Auch das spricht dafür, dass es dem Pentagon um mehr geht, als das Öl Ostsyriens, das laut  Einschätzung von Experten auch nur einen sehr begrenzen Ertrag bringen dürfte. Mark Esper wurde am Mittwoch auch mit einem Thema konfrontiert, das schon lange Gegenstand von Streitigkeiten zwischen Washington und den Kurden ist: Die Berichte darüber, dass korrupte SDF-Funktionäre wegschauen und mitprofitieren, wenn Öl von Schmugglern an Geschäftsleute verkauft wird, die dem Regime nahe stehen. Damaskus ist ein dankbarer Abnehmer, weil es angesichts der Sanktionen kein Geld für Importe hat. Esper wurde gefragt, ob Amerika dann womöglich indirekt auch Assad schütze? „Ich bin mir nicht sicher, wie der Ölmarkt in Syrien funktioniert“, antwortete der Minister. „Also müssten wir uns in dieser Sache nochmal bei Ihnen melden.“

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