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Gipfel-Kommentar : Roter Teppich für Putin

Donald Trump (links) und Wladimir Putin bei der gemeinsamen Pressekonferenz in Helsinki Bild: Reuters

Donald Trump wünscht sich ein „außergewöhnliches Verhältnis“ zu Wladimir Putin. Was er dem Kreml dafür anbietet, ist makaber.

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          Während einige der Zusammenkunft der Präsidenten Russlands und der Vereinigten Staaten bange entgegensahen (Stichwort Jalta II), legte Donald Trump für seinen Kontrahenten Wladimir Putin den roten Teppich aus: Schuld am schlechten Zustand des russisch-amerikanischen Verhältnisses seien Torheit und Dummheit Amerikas und, natürlich, die Untersuchungen des Sonderermittlers Mueller, also nicht etwa die Aggression Russlands in Osteuropa.

          Nach der Selbstanklage lobte er Russland in höchsten Tönen für die Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft. Putin nahm Freispruch und Lobpreis als Huldigung entgegen, wie überhaupt die Zusammenkunft in der finnischen Hauptstadt ein Prestigegewinn für ihn war – ohne jede Vorleistung. Sollte die verspätete Ankunft ein Wink mit dem Zaunpfahl in puncto Status und Macht sein?

          Trumps denkwürdige Europa-Reise

          Putin dürfte Trumps Wunsch nach einem „außergewöhnlichen Verhältnis“ teilen – wenn russische Machtansprüche und Einflusszonen vor allem in Osteuropa respektiert werden; wenn Russland als Großmacht „anerkannt“ wird; wenn sein autoritäres Herrschaftssystem nicht kritisiert wird. Selbst Washingtons Ultrarealisten täten sich damit schwer. Trump sah schon das Eis schmelzen: Russland und Amerika auf dem Weg zu einer neuen Stufe der Zusammenarbeit.

          Helsinki war die dritte und weltpolitisch brisanteste Station auf der denkwürdigen Europa-Reise Trumps. Was wird von seinen Auftritten und Äußerungen in Erinnerung bleiben? Eine kleine Auswahl: dass er Nato-Partner beschimpfte und später voll des (Selbst-)Lobs war; dass er die britische Premierministerin erst demütigte und dann würdigte; dass er sich an Deutschland abarbeitete und die EU zum Feind Amerikas erklärte; dass er seine Amtsvorgänger, wieder einmal, als Versager und Trottel und die Demokratische Partei als schlechte Verlierer verunglimpfte.

          Putin, Profiteur der amerikanischen Unordnung

          Sich selbst und Putin stellt Trump natürlich andere Prädikate aus. Er hält es ja auch für eine tolle Sache, Allianzen aufzumischen, zu spalten und Partner auf eine Stufe mit Diktatoren zu stellen. Das war bis vor kurzem unvorstellbar. Es kostet große Überwindung – jenseits des Glaubens an die Bedeutung des transatlantischen Verhältnisses –, in den Vereinigten Staaten unter diesem Präsidenten (noch) die Vormacht des Westens zu sehen.

          An der Rolle als Garantiemacht der globalen Ordnung haben sie sowieso kein Interesse mehr. Da ist Trump ganz bei seinen Wählern, und die sind nach wie vor ganz bei dem irrlichternden Präsidentendarsteller, dem sie die Behauptung abnehmen, die Ermittlungen wegen russischer Hackerangriffe im Wahlkampf 2016 zu Trumps Gunsten seien eine Hexenjagd. Putin, der Profiteur der großen Unordnung, weiß es besser, selbst wenn er jedwede russische Einmischung vehement bestritt. Trump traut „dem Wort“ des russischen Machthabers mehr als seinen eigenen Sicherheitsbehörden. Makaber!

          Das Treffen wurde mit großer Spannung verfolgt. Das war ein Indiz für die schlechten Beziehungen Russlands zu Amerika, zum anderen spiegelten sich darin Sorgen, Trump könne Vereinbarungen treffen, welche den Zusammenhalt der atlantischen Allianz gefährden. In künftigen Gesprächen wird sich zeigen, ob diese Sorgen übertrieben oder berechtigt waren. Die Wiederaufnahme des Gesprächsfadens ist zweifellos vernünftig. Aber die Interessengegensätze, jenseits von Trump, zwischen Russland und Amerika werden sich nicht in Luft auflösen.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

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