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Trump in Warschau : Die Bedrohung

Donald Trump bei seiner umjubelten Rede in Warschau. Bild: EPA

In seiner Warschauer Rede fordert Donald Trump eine Rückbesinnung auf westliche Traditionen und Werte. Damit liegt Amerikas Präsident nicht falsch – und vergreift sich doch im Ton. Ein Kommentar.

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          Donald Trump hat in Warschau eine Kulturkampf-Rede gehalten. Nicht das überfällige Bekenntnis zur Beistandsverpflichtung in der Nato war der Kern seiner Botschaft, sondern die Warnung vor einer aus dem Inneren kommenden Gefahr für den Westen, die darin bestehe, dass er seine Traditionen und Werte vergesse. Darin steckt ein Körnchen Wahrheit: Das Bewusstsein, dass Freiheit und Demokratie keine Selbstverständlichkeiten sind, sondern Werte, für die immer wieder neu gekämpft werden muss, war in Teilen der westlichen Öffentlichkeit offenbar etwas verschüttet.

          Reinhard Veser
          Redakteur in der Politik.

          Zu sehen war das in den Diskussionen darüber, wie man so unterschiedlichen Herausforderungen wie dem radikalen Islamismus oder dem aggressiv-autoritären Regime in Russland begegnen soll. Polen, das von beiden großen Totalitarismen des 20. Jahrhunderts verheert wurde und in aussichtsloser Lage dagegen Widerstand geleistet hat, ist ein guter Ort, um an den Wert des Willens zur Freiheit zu erinnern.

          Unangebracht und geschmacklos

          Aber es ist unangebracht – um nicht zu sagen: geschmacklos –, die heutige Lage des Westens mit jener der polnischen Aufständischen von 1944 zu vergleichen, wie Trump das getan hat. Die Widerstandskämpfer damals sind mit dem Mut der Verzweiflung und der Aussicht auf den sicheren Tod gegen die drückende Überlegenheit der skrupellosen deutschen Besatzungsmacht angerannt. Die Länder Europas und Nordamerikas, die als „Westen“ bezeichnet werden, dagegen sind von niemandem besetzt, sondern, gerade im weltweiten Vergleich, gut funktionierende Staaten, in denen eine Mehrheit der Leute trotz aller wirtschaftlichen und sozialen Schwierigkeiten und trotz der Bedrohung durch den islamistischen Terror gut und sicher lebt.

          Besuch in Warschau : Trump in Polen

          Trump forderte in seiner Warschauer Rede eine Besinnung auf „Familie, Freiheit, Land und Gott“. Die dahinterstehenden (konservativen) Werte haben in einer freiheitlichen Gesellschaft ihren Platz. Selbstverständlich. Aber wenn es eine aus dem Inneren kommende Bedrohung für den Westen gibt, dann sind es jene Kräfte, die sich wie Trump und seine Brüder im Geiste in der polnischen Regierung an Untergangsphantasien weiden und allen, welche die Welt anders sehen, mit ungebremster Aggression begegnen. Die Pfiffe, mit denen Lech Walesa, als Anführer der historischen Solidarność ein wahrer Freiheitsheld, in Warschau von Anhängern der polnischen Regierung begrüßt wurde, sind ein trauriges Zeichen dafür.

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