https://www.faz.net/-gpf-952z2

Staatliche Unterdrückung : Kanadas Schuld und Trudeaus Sühne

  • -Aktualisiert am

Kanadas Premierminister Trudeau: „Wir entschuldigen uns. Es tut mir leid. Es tut uns leid.“ Bild: Reuters

Unter Tränen hat Premierminister Justin Trudeau Ureinwohner und Homosexuelle gebeten, den staatlichen Unterdrückern zu verzeihen. Das Land steht hinter ihm. Aber es will Taten sehen.

          6 Min.

          Im Sommer scherzte der amerikanische Comedian Stephen Colbert über den Beschluss des kanadischen Unterhauses, den Text der Nationalhymne zu ändern. Zwar sollte der Senat in Ottawa kurze Zeit später die Abgeordneten der Liberalen Partei von Premierminister Justin Trudeau fürs Erste daran hindern, Kanadas „Söhne“ in der Hymne durch ein geschlechterneutrales Pronomen zu ersetzen. Doch Colbert bekam die meisten Lacher sowieso für eine andere Pointe: Die Nachbarn wollten ihre Hymne ändern, so spöttelte er, „weil sie fürchten, sich darin nicht genug zu entschuldigen“. Eines der hartnäckigsten Klischees in den Vereinigten Staaten über Kanadier lautet, dass sie in jedem Gespräch mindestens dreimal „Sorry“ sagten. Wissenschaftler haben nördlich der Grenze zwar allenfalls eine minimal stärkere Neigung zur Entschuldigung ausgemacht. Doch wer in Donald Trumps Amerika diesen Herbst verfolgte, was Trudeau trieb, der konnte sich in seinem Vorurteil bestätigt sehen.

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten.

          Fast seine komplette Ansprache vor der UN-Vollversammlung nutzte der Premierminister im September, um Kanadas „schändlichen“ Umgang mit den Urvölkern zu beklagen. Ende November reiste er nach Neufundland, um eingeborene Völker dort und in der Provinz Labrador um Entschuldigung für das Unrecht zu bitten, das ihnen im 20. Jahrhundert in Internaten widerfuhr. Damit ergänzte er eine formale Entschuldigung, die sein konservativer Vorgänger Stephen Harper 2008 ausgesprochen hatte. In den staatlichen Schulen waren junge Ureinwohner vom späten 19. Jahrhundert an und noch bis 1996 systematisch ihren Familien und Kulturen entfremdet worden. Viele wurden überdies missbraucht. Eine nationale „Wahrheits- und Versöhnungskommission“ hat die Umerziehung als „kulturellen Völkermord“ gebrandmarkt. Da Neufundland und Labrador erst seit 1949 zu Kanada gehören, zählten die dortigen Internate aber nicht zu der Organisation, für deren Untaten Harper Abbitte geleistet hatte. Trudeau schloss die Lücke.

          Scham, Reue und tiefes Bedauern

          Keine Woche später stand er in Ottawa im Parlament und bat eine andere Minderheit um Verzeihung: Tausende frühere Militär- oder Polizeioffiziere, deren Karrieren zwischen den fünfziger und neunziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts zerstört wurden, weil sie der Homosexualität bezichtigt wurden. „Ich stehe hier heute mit Scham, Reue und tiefem Bedauern angesichts der Dinge, die wir getan haben“, sagte Trudeau und fügte unter Tränen hinzu: „Wir hatten unrecht. Wir entschuldigen uns. Es tut mir leid. Es tut uns leid.“ Erst in der vorigen Woche billigte das Unterhaus nun auch ein Gesetz, das es Betroffenen ermöglicht, Verurteilungen wegen Verstößen etwa gegen das Verbot homosexueller Handlungen aus dem Strafregister zu tilgen.

          Jaime Watt ist ein bekannter Politikberater in Toronto, der sich bei den „roten Tories“ zu Hause fühlt, also auf dem progressiven Flügel der Konservativen Partei. Er ist schwul und tritt seit Jahrzehnten für die Belange sexueller Minderheiten ein. Trotzdem, so erzählt Watt, sei er selbst überrascht gewesen, wie tief ihn Trudeaus Entschuldigung berührt habe – nicht zuletzt dieser Satz: „Die oberste Aufgabe jeder Regierung besteht darin, für den Schutz ihrer Bürger zu sorgen. Darin haben wir wieder und wieder versagt, wenn es um LGBTQ2-Personen ging.“ Trudeau benutzt grundsätzlich dieses Akronym, um neben Lesbierinnen, Schwulen, Transsexuellen und Transgendern sowohl „Queers“ einzuschließen, die sich keiner der anderen Kategorien zurechnen, als auch sogenannte Zweigeister: Indianer, deren Verhalten vom Rollenverständnis ihres biologischen Geschlechts abweicht und die in ihren Kulturen traditionell als Besitzer „zweier Seelen“ und Angehörige eines „dritten Geschlechts“ bewundert wurden.

          „Schwulen-Säuberung“

          Kanadas Umgang mit den Ureinwohnern war der wichtigste Grund dafür, dass der konservative Homosexuellen-Aktivist Watt wenig von regierungsamtlichen Entschuldigungen hielt. Er verweist darauf, dass sich die Probleme in den Reservaten seit Harpers Abbitte noch verschlimmert hätten. So haben heute noch weniger Ureinwohner Zugang zu sauberem Trinkwasser. In den „First Nations“ grassiert die Armut; die Selbstmordrate ist siebenmal so hoch wie im restlichen Kanada. „Wenn uns der Umgang mit den Ureinwohnern wirklich leid täte, würden wir das zulassen?“, fragt Watt. Die Versuchung für Politiker sei groß, durch hehre Worte von materiellem Versagen abzulenken. Also sei er skeptisch gewesen, als Trudeau der „LGBTQ2-Gemeinde“ eine Entschuldigung für die „systematische Unterdrückung und Zurückweisung“ ankündigte. Aus faktisch unbegründeter Sorge, die Sowjetunion könnte homosexuelle Kanadier erpressen, waren diese in den Sicherheitsbehörden ohne Pensionsansprüche entlassen oder zur Kündigung gedrängt worden. In großem Stil wurden Schwulenkneipen ausgespäht und sogar ein vermeintlicher Homosexualitätsdetektor entwickelt. An dem berüchtigten „Früchtchen-Apparat“ bekamen Verdächtige Pornofilme gezeigt; Puls und Pupillenweite sollten ihre Erregtheit ermitteln. Erst 1992 hörte die „Schwulen-Säuberung“ auf. Die Opfer werden nun mit umgerechnet 66 Millionen Euro entschädigt.

          Nur eine Handvoll kanadischer Kommentatoren stört sich noch an dieser Form der Vergangenheitsbewältigung. Allenfalls mokieren sich einige Konservative über Trudeaus zur Schau gestellte Rührseligkeit. Sie versuchen, den 45 Jahre alten Premierminister zu einem Sonnyboy ohne Tiefgang abzustempeln. Diese Woche kam ihnen dabei die Ethik-Kommissarin des Landes zu Hilfe, die Trudeau für einen Karibikurlaub auf einer Privatinsel des Aga Khan rügte. Der Milliardär und geistliche Führer der ismailitischen Nizariten sei kein „Freund“ des Premierministers, erklärte Mary Dawson – jedenfalls nicht im Sinne des Gesetzes, das Interessenkonflikte vermeiden soll; für Freunde gibt es nämlich Ausnahmen. Der Luxusurlaub an Weihnachten 2016 habe ein Geschmäckle, weil Ottawa Projekte der Aga-Khan-Stiftung jährlich mit Dutzenden Millionen Dollar unterstützt. Trudeau kündigte am Mittwoch zerknirscht einen Weihnachtsurlaub in der kalten Heimat an. Und natürlich sagte er wieder einmal „Sorry“ – ausnahmsweise nicht für anderer Leute Fehler.

          Doch auch diese Episode dürfte dem Regierungschef nicht nachhaltig schaden. Den Konservativen gelingt es einfach nicht, Trudeaus internationalen Star-Appeal gegen ihn zu wenden. „Die Kanadier sind stolz auf ihn“, bekräftigt der Konservative Watt und schwärmt von einer London-Reise, auf der er kürzlich mehr Anerkennung für Kanada erfahren habe denn je. Zu Hause wissen Regierungs- wie Oppositionsparteien freilich, dass der Erfolg des Premierministers weder mit seinen Selfies noch mit seinen Sorrys steht und fällt – sondern mit Donald Trump. Beim Ringen um die Zukunft des nordamerikanischen Freihandels steht für Kanada so viel auf dem Spiel, dass alles andere in Trudeaus Bilanz zur Fußnote werden dürfte.

          Trudeau spricht von großer Schande

          Wohl deshalb hatte sich der Premierminister am Tag nach Trumps Lobgesang des Nationalismus vor den Vereinten Nationen nicht an gleicher Stelle zum letzten Leuchtturm der liberalen Weltordnung stilisieren mögen. Vielmehr zimmerte er seine Rede im September um diesen Satz: „Das Scheitern einer kanadischen Regierung nach der nächsten, die Rechte der Urvölker in Kanada zu respektieren, ist unsere große Schande.“ Statt über Nordkorea, Syrien oder Trumps Amerika zu reden, geißelte Trudeau eine halbe Stunde lang sein eigenes Land für seine vielen „Fehler“ und das „Erbe des Kolonialismus“. Trudeau bekannte sich kurz danach vor Journalisten zu „meiner Begierde, Kanadas Schande mit der ganzen Welt zu teilen“, denn Kanada sei eben noch unfertig, Einsicht aber der erste Schritt zur Besserung – und Selbstkritik demnach eine gute Werbung für ein Land, das in den UN-Sicherheitsrat zurückstrebt.

          Trudeaus Vater, der legendäre Premierminister Pierre Trudeau, hatte das Land wie kein anderer auf diesen progressiven Kurs gesteuert. Von Entschuldigungen allerdings hatte Trudeau senior wenig gehalten. 1984 forderte ihn der Konservative Brian Mulroney auf, für die Internierung der Japanokanadier im Zweiten Weltkrieg um Entschuldigung zu bitten. Doch Pierre Trudeau erwiderte: „Es ist nicht der Zweck einer Regierung, die Vergangenheit zu korrigieren. Sie kann die Geschichte nicht umschreiben. Es ist unsere Aufgabe, in unserer Zeit zu wirken.“ Mulroney konnte die Entschuldigung vier Jahre später selbst als Premierminister verkünden. Stephen Harper bat 2006 sogar für die Kopfsteuer um Verzeihung, mit der Ottawa zwischen 1885 und 1923 chinesische Einwanderer geschröpft hatte. Solche Manöver hält Jaime Watt immer noch für schal. Doch inzwischen hält er Entschuldigungen für sinnvoll, wenn viele Opfer noch leben – und wenn sich der Staat die Wiedergutmachung Geld kosten lasse.

          Justin Trudeau jedenfalls muss nicht bangen, dass ihm die Kanadier massenweise eine „Identitätspolitik“ vorwerfen, welche alle erdenklichen Minderheiten ermuntere, sich zu Opfern zu erklären. Dieser in den Vereinigten Staaten dominierende Diskurs schwappt seit Trumps Sieg zwar etwas häufiger auch in kanadische Internetdebatten. Doch die politische Klasse hält Kurs. Im Oktober hatte sich Trudeau denn auch gern ein dunkles Gewand übergestreift und eine Botschaft zum hinduistischen Lichterfest Diwali verbreitet. Allerdings unterlief ihm dabei ein multikulturelles Missverständnis, denn er schrieb „Diwali Mubarak!“, benutzte also ein arabisches Wort, das besser im Wunsch „Eid Mubarak“ (Gesegnetes Fest) nach dem Ramadan aufgehoben gewesen wäre. Auf Twitter legten sich danach Trudeau-Fans, die nun erst recht vor seiner Geste dahinschmolzen, mit jenen an, die scharf den Fehler rügten. Trudeau lieferte ein Video nach, in dem er alle Kanadier aufforderte, sich an Diwali ihrer geteilten Werte wie dem „Respekt vor Unterschieden“ zu erfreuen. Auf eine Entschuldigung verzichtete er.

          Weitere Themen

          „Wir werden nie wieder ein Lockdown machen“ Video-Seite öffnen

          Trumps Große Versprechen : „Wir werden nie wieder ein Lockdown machen“

          Der Bundesstaat Florida könnte für den Wahlausgang am 3. November eine wichtige Rolle spielen. In dem Bundesstaat gibt es große lateinamerikanische Bevölkerungsgruppen. Die kubanischen Amerikaner im Süden tendieren traditionell zu den Republikanern, die Puerto Ricaner in Zentralflorida eher zu den Demokraten.

          Wahlbeobachter nach Amerika

          FAZ Plus Artikel: OSZE : Wahlbeobachter nach Amerika

          Die amerikanischen Präsidentenwahl wird von internationalen Beobachtern begleitet. Sie berichten, dass rund zehn Millionen Amerikanern das Wahlrecht ganz oder teilweise verwehrt sei und von weiteren Herausforderungen.

          Topmeldungen

          Angst vor Anschlägen: Ein Polizist bewacht am Freitag vor dem Freitagsgebet die Große Moschee in Paris.

          Lehren aus Nizza : Woher kommt dieser Hass?

          Mit Attentaten wie in Nizza versuchen Islamisten freiheitliche Gesellschaften in den „Clash of civilizations“ zu treiben. Welche Ursachen hat das – und was kann getan werden, um es zu verhindern?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.