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Staatliche Unterdrückung : Kanadas Schuld und Trudeaus Sühne

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Trudeau spricht von großer Schande

Wohl deshalb hatte sich der Premierminister am Tag nach Trumps Lobgesang des Nationalismus vor den Vereinten Nationen nicht an gleicher Stelle zum letzten Leuchtturm der liberalen Weltordnung stilisieren mögen. Vielmehr zimmerte er seine Rede im September um diesen Satz: „Das Scheitern einer kanadischen Regierung nach der nächsten, die Rechte der Urvölker in Kanada zu respektieren, ist unsere große Schande.“ Statt über Nordkorea, Syrien oder Trumps Amerika zu reden, geißelte Trudeau eine halbe Stunde lang sein eigenes Land für seine vielen „Fehler“ und das „Erbe des Kolonialismus“. Trudeau bekannte sich kurz danach vor Journalisten zu „meiner Begierde, Kanadas Schande mit der ganzen Welt zu teilen“, denn Kanada sei eben noch unfertig, Einsicht aber der erste Schritt zur Besserung – und Selbstkritik demnach eine gute Werbung für ein Land, das in den UN-Sicherheitsrat zurückstrebt.

Trudeaus Vater, der legendäre Premierminister Pierre Trudeau, hatte das Land wie kein anderer auf diesen progressiven Kurs gesteuert. Von Entschuldigungen allerdings hatte Trudeau senior wenig gehalten. 1984 forderte ihn der Konservative Brian Mulroney auf, für die Internierung der Japanokanadier im Zweiten Weltkrieg um Entschuldigung zu bitten. Doch Pierre Trudeau erwiderte: „Es ist nicht der Zweck einer Regierung, die Vergangenheit zu korrigieren. Sie kann die Geschichte nicht umschreiben. Es ist unsere Aufgabe, in unserer Zeit zu wirken.“ Mulroney konnte die Entschuldigung vier Jahre später selbst als Premierminister verkünden. Stephen Harper bat 2006 sogar für die Kopfsteuer um Verzeihung, mit der Ottawa zwischen 1885 und 1923 chinesische Einwanderer geschröpft hatte. Solche Manöver hält Jaime Watt immer noch für schal. Doch inzwischen hält er Entschuldigungen für sinnvoll, wenn viele Opfer noch leben – und wenn sich der Staat die Wiedergutmachung Geld kosten lasse.

Justin Trudeau jedenfalls muss nicht bangen, dass ihm die Kanadier massenweise eine „Identitätspolitik“ vorwerfen, welche alle erdenklichen Minderheiten ermuntere, sich zu Opfern zu erklären. Dieser in den Vereinigten Staaten dominierende Diskurs schwappt seit Trumps Sieg zwar etwas häufiger auch in kanadische Internetdebatten. Doch die politische Klasse hält Kurs. Im Oktober hatte sich Trudeau denn auch gern ein dunkles Gewand übergestreift und eine Botschaft zum hinduistischen Lichterfest Diwali verbreitet. Allerdings unterlief ihm dabei ein multikulturelles Missverständnis, denn er schrieb „Diwali Mubarak!“, benutzte also ein arabisches Wort, das besser im Wunsch „Eid Mubarak“ (Gesegnetes Fest) nach dem Ramadan aufgehoben gewesen wäre. Auf Twitter legten sich danach Trudeau-Fans, die nun erst recht vor seiner Geste dahinschmolzen, mit jenen an, die scharf den Fehler rügten. Trudeau lieferte ein Video nach, in dem er alle Kanadier aufforderte, sich an Diwali ihrer geteilten Werte wie dem „Respekt vor Unterschieden“ zu erfreuen. Auf eine Entschuldigung verzichtete er.

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