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Staatliche Unterdrückung : Kanadas Schuld und Trudeaus Sühne

  • -Aktualisiert am

„Schwulen-Säuberung“

Kanadas Umgang mit den Ureinwohnern war der wichtigste Grund dafür, dass der konservative Homosexuellen-Aktivist Watt wenig von regierungsamtlichen Entschuldigungen hielt. Er verweist darauf, dass sich die Probleme in den Reservaten seit Harpers Abbitte noch verschlimmert hätten. So haben heute noch weniger Ureinwohner Zugang zu sauberem Trinkwasser. In den „First Nations“ grassiert die Armut; die Selbstmordrate ist siebenmal so hoch wie im restlichen Kanada. „Wenn uns der Umgang mit den Ureinwohnern wirklich leid täte, würden wir das zulassen?“, fragt Watt. Die Versuchung für Politiker sei groß, durch hehre Worte von materiellem Versagen abzulenken. Also sei er skeptisch gewesen, als Trudeau der „LGBTQ2-Gemeinde“ eine Entschuldigung für die „systematische Unterdrückung und Zurückweisung“ ankündigte. Aus faktisch unbegründeter Sorge, die Sowjetunion könnte homosexuelle Kanadier erpressen, waren diese in den Sicherheitsbehörden ohne Pensionsansprüche entlassen oder zur Kündigung gedrängt worden. In großem Stil wurden Schwulenkneipen ausgespäht und sogar ein vermeintlicher Homosexualitätsdetektor entwickelt. An dem berüchtigten „Früchtchen-Apparat“ bekamen Verdächtige Pornofilme gezeigt; Puls und Pupillenweite sollten ihre Erregtheit ermitteln. Erst 1992 hörte die „Schwulen-Säuberung“ auf. Die Opfer werden nun mit umgerechnet 66 Millionen Euro entschädigt.

Nur eine Handvoll kanadischer Kommentatoren stört sich noch an dieser Form der Vergangenheitsbewältigung. Allenfalls mokieren sich einige Konservative über Trudeaus zur Schau gestellte Rührseligkeit. Sie versuchen, den 45 Jahre alten Premierminister zu einem Sonnyboy ohne Tiefgang abzustempeln. Diese Woche kam ihnen dabei die Ethik-Kommissarin des Landes zu Hilfe, die Trudeau für einen Karibikurlaub auf einer Privatinsel des Aga Khan rügte. Der Milliardär und geistliche Führer der ismailitischen Nizariten sei kein „Freund“ des Premierministers, erklärte Mary Dawson – jedenfalls nicht im Sinne des Gesetzes, das Interessenkonflikte vermeiden soll; für Freunde gibt es nämlich Ausnahmen. Der Luxusurlaub an Weihnachten 2016 habe ein Geschmäckle, weil Ottawa Projekte der Aga-Khan-Stiftung jährlich mit Dutzenden Millionen Dollar unterstützt. Trudeau kündigte am Mittwoch zerknirscht einen Weihnachtsurlaub in der kalten Heimat an. Und natürlich sagte er wieder einmal „Sorry“ – ausnahmsweise nicht für anderer Leute Fehler.

Doch auch diese Episode dürfte dem Regierungschef nicht nachhaltig schaden. Den Konservativen gelingt es einfach nicht, Trudeaus internationalen Star-Appeal gegen ihn zu wenden. „Die Kanadier sind stolz auf ihn“, bekräftigt der Konservative Watt und schwärmt von einer London-Reise, auf der er kürzlich mehr Anerkennung für Kanada erfahren habe denn je. Zu Hause wissen Regierungs- wie Oppositionsparteien freilich, dass der Erfolg des Premierministers weder mit seinen Selfies noch mit seinen Sorrys steht und fällt – sondern mit Donald Trump. Beim Ringen um die Zukunft des nordamerikanischen Freihandels steht für Kanada so viel auf dem Spiel, dass alles andere in Trudeaus Bilanz zur Fußnote werden dürfte.

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