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Trudeau und der G-7-Gipfel : Mit dem Gast aus Amerika zurechtkommen

  • -Aktualisiert am

Vor einer heiklen Mission: Der kanadische Ministerpräsident Justin Trudeau Bild: AFP

Bisher hat Justin Trudeau jedes böse Wort über Trump vermieden. Jetzt kommt der amerikanische Präsident zum ersten Mal nach Kanada – und für den liberalen kanadischen Ministerpräsidenten steht viel auf dem Spiel.

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          Aus Europa und Japan hat Justin Trudeau zuletzt viel Zuspruch bekommen, wenn nicht gar Mitleid. Kanadas Ministerpräsident hat ein unglückliches Jahr erwischt, um als G-7-Präsident die Mächtigen der westlich geprägten Welt in seiner Heimatprovinz Québec zu begrüßen. Vor knapp drei Jahren hatte der Liberale die Wahl gewonnen, indem er den Kanadiern versprach, das Land werde sich wieder auf seine Werte besinnen, von Multikulturalismus bis Multilateralismus. Jetzt kommt ein entfesselter Donald Trump nach Kanada, und plötzlich scheint das Überleben der liberalen Handelsordnung und westlichen Wertegemeinschaft auf dem Spiel zu stehen. Also auch die Zukunft der G-7.

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für politische Nachrichten und Politik Online.

          Man könnte freilich sagen, dass niemand für die heikle Gastgeberrolle so lange geübt hat wie Trudeau. Seit Trumps Wahl hat der Sohn des legendären Ministerpräsidenten Pierre Trudeau einen Drahtseilakt vollführt und dabei nach außen ziemlich entspannt gewirkt. Er bekräftigte einerseits seine progressiven Werte: pro Klimaschutz, pro Entwicklungshilfe, pro Feminismus, pro Einwanderung, pro Welthandel. Sein vielleicht größter Coup war der Abschluss der „Umfassenden Progressiven Transpazifischen Partnerschaft“ – ein Handelsbündnis von nur noch elf Staaten, weil Trump den ursprünglichen TPP-Pakt verworfen hatte.

          Andererseits vermied Trudeau jedes böse Wort über Trump. Mit bübischem Lächeln erklärte er lieber, dass sein „amerikanischer Freund“ wie jeder Regierungschef für die Interessen seiner eigenen Nation kämpfe. In Wahrheit setzte Ottawa darauf, dass Trump mit seiner Abschottungspolitik eben nicht die Interessen der Vereinigten Staaten vertrete, und dass ihm das die eigenen Landsleute klarmachen müssten. Daher intensivierte Trudeaus Regierung ihre Kontakte zu Gouverneuren, Wirtschaftsvertretern und Meinungsmachern im Nachbarland.

          Doch ausgerechnet in der vorigen Woche kollabierte die Strategie. Da bot Trudeau an, persönlich in Washington die aus seiner Sicht letzten Details eines neuen Nafta-Vertrags auszuhandeln. Vizepräsident Mike Pence rief ihn an und sagte, Trump wolle ihn nur sehen, wenn Trudeau bereit wäre, ein Verfallsdatum des Handelspakts in fünf Jahren festzuschreiben. Trudeau erklärte das für „undenkbar“ – und zwar vor der Presse. Dann endeten für die Nafta-Länder Kanada und Mexiko ebenso wie für die EU die Ausnahmen von Trumps Stahl- und Aluminiumzöllen.

          Im amerikanischen Fernsehen nannte Trudeau Trumps Logik „beleidigend“, wonach die Zölle Amerikas nationaler Sicherheit dienten. Anderswo fragte Trudeau die Amerikaner: „In welchem Universum ist Kanada – euer Partner im Nordamerikanischen Luft- und Weltraum-Verteidigungskommando, der mit euch gekämpft und an eurer Seite an so vielen Orten der Welt gestorben ist – eine Sicherheitsbedrohung für euch?“ Trump aber sah das anders. Wie CNN enthüllte, fragte er Trudeau am Telefon: „Habt ihr nicht das Weiße Haus niedergebrannt?“ Das hatten 1814 die Briten getan, nachdem ihnen Präsident Madison den Krieg erklärt hatte und es Schlachten auf dem Gebiet des heutigen Kanadas gegeben hatte.

          Ottawa hat Vergeltungszölle auf amerikanische Produkte im Wert von etwa 13 Milliarden Dollar angekündigt. Die Liste reicht von Orangensaft bis zu Schlauchbooten. Wie die EU nimmt Kanada dabei Firmen aus Staaten ins Visier, wo Republikaner um ihre Wiederwahl bangen müssen. In Washington heißt es, Trump reise seinerseits mit zusätzlichen Zolldrohungen nach Kanada. Sein leutseliger Wirtschaftsberater Larry Kudlow versuchte am Mittwoch zwar, den Streit mit Amerikas G-7-Freunden als „Familienzwist“ herunterzuspielen, der mit „Gesprächen“ beigelegt werden könne. Doch anonym versicherten Berater Reportern, dass Trump in Charlevoix die Konfrontation suchen werde.

          „Wir haben die animalischen Instinkte freigesetzt“

          Für ihn seien die anderen Sechs am Tisch die Protektionisten, weil sie mit Tarifen und Handelshemmnissen seit Jahrzehnten Amerika übervorteilten. Trump will den G-7-Partnern Amerikas glänzende Arbeitsmarkt- und Wachstumszahlen vorhalten und ihnen abverlangen, seine Steuer- und Wirtschaftspolitik als Blaupause für Wachstum anzuerkennen. „Der Krieg gegen den Erfolg ist vorbei“, schwärmte Kudlow. „Wir haben die animalischen Instinkte freigesetzt.“ Damit benutzte er einen Begriff, mit dem der Ökonom John Maynard Keynes einst irrationale Entscheidungen kritisierte, die zu Instabilität führten. Kanada, Japan sowie die EU-Staaten Deutschland, Frankreich, Großbritannien und womöglich Italien dürften Trump in der Tat entgegenhalten, dass von seinem Handelskrieg die größte Gefahr für die Weltwirtschaft ausgehe.

          Europäer, Kanadier und andere Leidtragende der Trumpschen Stahl- und Aluminiumzölle setzen darauf, dass die Welthandelsorganisation ihnen Recht gibt. Berater Kudlow bestritt denn auch, dass sich Amerika von der selbst errichteten Ordnung abwende. Die Trump-Regierung habe schließlich selbst bei der WTO Beschwerden etwa über China eingelegt. Dann aber sagte Kudlow: „Internationale multilaterale Organisationen werden die amerikanische Politik nicht bestimmen. Ich glaube, das hat der Präsident sehr klar gemacht.“ Berlin hält weniger als etwa Paris oder Tokio davon, aus Protest eine Art G-6+1-Gipfel abzuhalten, sich also öffentlich gegen Trump zu verbünden. Ob es trotz aller Differenzen eine G-7-Erklärung geben könne, bezweifeln aber auch die Deutschen.

          Es ist Trumps erster Besuch in Kanada. Mehr als ein Jahr nach seinem Schwerttanz in Riad betritt der amerikanische Präsident zum ersten Mal eines der beiden Nachbarländer. Für Trudeau steht viel auf dem Spiel. Seine Popularität hat im dritten Amtsjahr stark nachgelassen. Der 46 Jahre alte Ministerpräsident hat früher als Lehrer gearbeitet – aber er weiß, dass sich Trump nicht belehren lässt. Manche Kommentatoren raten ihm, sich eher auf seine Erfahrung als Schauspieler zu besinnen. Vielleicht aber fühlt sich der Politiker mit der bunten Vergangenheit am ehesten in die Zeit versetzt, in der er sich als Boxer und Türsteher versuchte. 

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