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Trotz steigender Zahlen : Warum Iran keine zweite Welle fürchtet

Fußgänger in Teheran tragen Mund-Nase-Masken zum Schutz vor dem Coronavirus. Bild: AFP

Die Corona-Zahlen in der Islamischen Republik sind wieder fast so hoch wie im März – aber die Regierung gibt sich nicht beunruhigt. Das Ansehen der Regierung von Präsident Rohani sinkt dennoch weiter.

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          Die neue Sprecherin des iranischen Gesundheitsministeriums macht es genau so, wie es die Führung der Islamischen Republik erwartet: Jeden Tag liest sie vom Blatt die aktuellen Zahlen zur Corona-Epidemie vor: Neuinfektionen, Tote, Genesene, Tests. Ihr Vorgänger Kianoush Dschahanpour war zwar kenntnisreich und von der Bevölkerung als Autorität respektiert. Doch er sei, so lautete die Begründung für seine Absetzung, „zu politisch“ gewesen. Wiederholt war er mit Kritik an China aufgefallen. Einmal sagte er, die chinesischen Statistiken seien ein „bitterer Witz“, ein anderes Mal, man müsse sich doch wundern, ob die Behauptung Pekings, die Pandemie sei unter Kontrolle, wahr sei. Am 7. Juni trat er zum letzten Mal vor die Mikrofone. Bei seiner Nachfolgerin Sia Sadat Lari muss sich die Führung nicht mehr fürchten, dass sie die Beziehungen zum wichtigen Partner China belasten könnte.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Dschahanpours Entlassung fügt sich nahtlos ein in die Erosion des Ansehens der Regierung von Präsident Hassan Rohani. Spekulationen hat nun Gesundheitsminister Saeed Namaki ausgelöst, als er davon sprach, dass er nach dem Ende seiner Amtszeit ein Buch mit den Fakten zur Corona-Pandemie schreiben werde. Seither sehen sich viele Iraner in ihrer Vermutung bestätigt, dass ihr die Regierung solche Fakten vorenthalte.

          Viele Iraner wollen der nächsten Wahl fernbleiben, auch wenn dann ein Hardliner gewinnt

          Beschleunigt hatte sich diese Erosion, als Rohani nach dem Abschuss des ukrainischen Passagierflugzeugs durch die Revolutionswächter im Januar einräumte, darüber lange nicht informiert worden zu sein. Viele Wähler, die ihm 2017 zu einem zweiten Mandat verholfen hatten, wollen aus Enttäuschung künftig nicht mehr wählen, selbst wenn dann bei der nächsten Präsidentenwahl im Juni 2021 wieder ein Hardliner gewählt werden sollte. So will der frühere Präsident Mahmud Ahmadineschad wieder antreten. Damit wären die – nach dem Revolutionsführer – drei wichtigsten Ämter in der Hand der Hardliner. Denn seit Ende Mai ist Mohammad Bagher Ghalibaf Sprecher des Parlaments, und Ebrahim Raisi steht seit März 2019 an der Spitze der iranischen Justiz.

          Die neue Sprecherin trägt zwar steigende Zahlen vor, das beunruhigt die Bevölkerung anscheinend aber nicht. So starben demnach bislang knapp 10.000 Iraner an den Folgen einer Coronavirus-Infektion, knapp 200.000 wurden positiv getestet, und die Zahl der täglichen Neuinfektionen liegt wieder bei durchschnittlich 2500, also wieder fast so hoch wie Ende März. Im Gegensatz zu damals, als nur wenig getestet wurde und es eine hohe Dunkelziffer gab, gelten die heutigen Zahlen als realistischer. Dennoch spricht die Regierung nicht von einer „zweiten Welle“.

          Ein weiterer Grund für die geringe Beunruhigung ist, dass sich das Leben in den frühen Epizentren – wie Teheran, Qom, Rasht oder Arak – zu einem großen Teil normalisiert hat. Derzeit werden die höchsten Zahlen aus Provinzen gemeldet, die – wie Khusistan, Hormozgan, Kordestan oder Sistan-Belutschistan – zum ersten Mal betroffen sind. Die Regierung empfiehlt daher, weiter auf unnötige Reisen zu verzichten und zu Hause zu bleiben. Nachdem vor allem Hochzeitsfeste Infektionsherde waren, erwägt sie neue Einschränkungen für die „rot“ markierten, besonders betroffenen Provinzen. Das Gesundheitsministerium dringt aber nicht mit seiner Forderung durch, einige Städte und Provinzen ganz zu isolieren. In Teheran hat sich unterdessen das Leben bis auf Sportveranstaltungen weitgehend normalisiert. Die Angst vor Sars-CoV-2 nimmt ab. Bei einer aktuellen Umfrage sagten in Teheran weniger als 40 Prozent, sie fürchteten sich vor einer Infektion.

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