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Hungersnot in Zimbabwe : Willkommen im Mafia-Staat

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Im August, als dieses Foto aufgenommen wurde, war die Dürre besonders schlimm. Mittlerweile hat es wieder geregnet. Bild: Bloomberg

Zimbabwe hat Platin, Gold und Touristenattraktionen – trotzdem hungert dort jeder Zweite. Das Übel brachte der mittlerweile verstorbene Präsident Mugabe ins Land. Doch auch der Nachfolgeregierung klebt Blut an den Händen.

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          Nächste Woche gibt es noch einmal eine warme Suppe. „Dann schlachten wir die letzten sechs Hühner“, sagt Su Hove. Betrübt blickt sie hinüber zu den Ställen. „Danach kann uns nur noch der liebe Gott helfen.“ Hove, eine ältere Dame vom Stamm der Ndebele, leitet ein Pflegeheim. Es liegt am Rande der Stadt Bulawayo im Südwesten Zimbabwes, in der Mzilikazi-Township. 48 Alte leben dort, keiner jünger als 65 Jahre.

          Einer ist der 73 Jahre alte David Ramjee. Früher hatte er einen Job als Feldarbeiter. Nun ist er gebrechlich und kann sich die Miete für eine Hütte schon lange nicht mehr leisten. Seit drei Jahren lebt Ramjee im Ekuphumuleni-Heim und wird dort betreut. 46 Leute arbeiten in Su Hoves Einrichtung. Zum Glück übernimmt eine Hilfsorganisation einen Teil der Löhne.

          Bislang sind sie im Heim so einigermaßen über die Runden gekommen, doch es wird immer schwerer. Allein in den vergangenen Wochen ist in der 1978 gegründeten Einrichtung viermal eingebrochen worden, und jetzt kann Su Hove das Hühnerfutter nicht mehr bezahlen. In Zimbabwe liegt die Inflation derzeit bei rund 500 Prozent; nur in Venezuela ist sie noch höher. „Wenn die Hühner weg sind, ist dieses Feld alles, was uns bleibt.“ Hove zeigt auf einen kleinen Acker hinter den Schlafsälen. Ein wenig Gemüse bauen sie dort an, Mais, Tomaten, Kartoffeln. Es gibt auch ein paar Mango-Bäume. Das ist besser als nichts. Doch der Traum, sich halbwegs selbst versorgen zu können, hat sich nicht erfüllt.

          Früher galt Zimbabwe als Kornkammer des südlichen Afrikas. Dann kamen 1980 Robert Mugabe und seine sozialistischen Spießgesellen an die Macht. 37 Jahre lang regierte der Tyrann und führte das Land ins Elend. Vor zwei Jahren wurde „Comrade Bob“ durch das Militär gestürzt, doch seine alte Clique regiert immer noch. Besser ist es nicht geworden seitdem.

          Jetzt schlachten sie also das letzte Vieh, weil die Futterpreise zu hoch sind – nicht nur in der seit Jahren vernachlässigten Oppositions-Hochburg Bulawayo. 3,6 Millionen Menschen seien in Zimbabwe „von akuter Unterernährung betroffen“, sagt Michael Charles von der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung. Sieben Millionen Personen benötigen nach Angaben des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen Nahrungsmittelhilfe. Das ist fast jeder zweite Zimbabwer, der noch im Land lebt. Von Januar an will das Programm rund 4,1 Millionen Menschen vorwiegend auf dem Land mit Lebensmitteln versorgen. Geschätzte Kosten: 293 Millionen Dollar bis Juni 2020.

          Ein tödlicher Mix aus Dürre und Geldentwertung

          Die Ursache für die dräuende Katastrophe liegt in einer Kombination von Naturgewalten und dem fast vollständigen Versagen der politischen Führung. Monatelang herrschte Dürre im südlichen Afrika, in etlichen Ländern zwischen Moçambique am Indischen Ozean und Angola am Atlantik hat sie die Ernten vernichtet. Nun hat es in Zimbabwe zwar wieder zu regnen begonnen, aber die nächste Ernte kann erst im Frühjahr eingeholt werden. Gleichzeitig leidet das Land unter der Inflation. Es ist die größten Geldentwertung seit der Hyperinflation vor rund zehn Jahren.

          Bild: F.A.Z.

          „Diesem tödlichen Mix hat das Land im Moment kaum etwas entgegenzusetzen“, sagt der 62 Jahre alte Jurist David Coltart aus Bulawayo. „Um die Wirtschaft ist es noch schlechter bestellt als zu Mugabes Zeiten.“ Möglicherweise befinde sich Zimbabwe sogar in der schwersten Krise, seit das Land 1980 unabhängig geworden war. Damals übernahm Mugabes „Zimbabwe African National Union“, die mittlerweile den Zusatz „Patriotic Front“ trägt und abgekürzt Zanu-PF heißt, die Kontrolle.

          Coltart ist Mitglied der Oppositionspartei „Bewegung für Demokratischen Wandel“. Zwischen 2009 und 2013, als Mugabe für eine kurze Zeit in eine Koalition mit dem verhassten Gegner gezwungen wurde, amtierte er als Bildungsminister. „Erst hat Mugabe das Land mit seinem Sozialismus in den Ruin getrieben, dann schwächte er die Wirtschaft, indem er rund 4000 weiße Farmer vertrieb“, sagt Coltart. „Seitdem haben wir es mit einem Mafia-Staat zu tun.“ Die herrschende Klasse plündere das Land schamlos aus.

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