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Corona in Großbritannien : Mehr als 40.000 Infektionen am Tag – aber keine Einschränkungen

Nach dem „Freedom Day“ gab es keine vorgeschriebenen Corona-Einschränkungen mehr, jedoch konnten Firmen weiterhin Vorsichtsmaßnahmen verlangen. Bild: Reuters

In Großbritannien gibt es Streit über die Corona-Politik. Der Gesundheitsminister warnt, bald könnten 100.000 tägliche Neuinfektionen möglich sein. Restriktionen will die Regierung trotzdem nicht einführen.

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          Angesichts ihrer Weigerung, Corona-Restriktionen in Kraft zu setzen, sieht sich die britische Regierung immer heftigerer Kritik ausgesetzt. Es sei jetzt an der Zeit, Maßnahmen zu ergreifen, forderte am Mittwochabend die Ärztegewerkschaft. Sollte die Regierung das nicht tun, sei das „bewusste Fahrlässigkeit“, sagte der Gewerkschaftsvorsitzende. Bereits am Dienstag hatte eine Vereinigung von Gesundheitsdienstleistern vor einer neuen Corona-Welle im Winter gewarnt. Es brauche eine große Portion Glück, wolle sich das Land in den nächsten drei Monaten nicht in einer „profunden Krise“ finden, sagte der Vorstandsvorsitzende der Vereinigung. Am Mittwoch mahnte auch die Denkfabrik des früheren britischen Premierministers Tony Blair die Regierung, „uns die beste Chance zu geben, eine abermalige Eskalation der Krankheit zu verhindern.“

          Oliver Kühn
          Redakteur in der Politik.

          Die Kritiker fordern eine sofortige Umsetzung des von der Regierung im September vorgestellten Plan B. Diese Alternativstrategie sieht eine Masken- und Abstandspflicht vor und Lüftungsvorschriften in geschlossenen Räumen. Außerdem sollten die Menschen wieder von zu Hause aus arbeiten und Impfausweise eingeführt werden. Gesundheitsminister Sajid Javid machte jedoch schon am Dienstag klar, die Regierung werde das zu diesem Zeitpunkt nicht tun. Mit Bezug auf den Nationalen Gesundheitsdienst NHS sagte er, der Druck sei zur Zeit nicht „unaushaltbar“. Als Instrument gegen eine neue Corona-Welle pries Javid vielmehr Auffrischungsimpfungen an. Fachleute gehen jedoch davon aus, dass der derzeitige Anstieg der Fallzahlen von Schulkindern getrieben ist, da in den Schulen keine Masken getragen werden müssen. Für Kinder gibt es noch keinen zugelassenen Impfstoff.

          Der Gesundheitsminister appelliert an die Abgeordneten

          Der Gesundheitsminister rief in der Pressekonferenz ebenso die Abgeordneten auf, sich ihrer Vorbildrolle bewusst zu sein und Schutzmasken zu tragen. Im Unterhaus, das ein enger Raum mit wenig Ventilation ist, waren immer wieder Volksvertreter zu sehen, die keine Masken trugen. Wer so prominent sei, spiele zwar eine öffentliche Rolle. „Aber wir müssen uns auch unserer Vorbildrolle als Privatpersonen bewusst sein“, so Javid. Der Minister warnte, die Pandemie sei noch lange nicht vorbei, sondern weiterhin eine Gefahr „für Menschen, die wir lieben und für den Fortschritt, den wir erzielt haben, die Nation wieder näher zur Normalität zurückzuführen.“

          Am Mittwoch verzeichnete das Vereinigte Königreich 49.139 neue Corona-Infektionen. Seit einer Woche liegt die Zahl der täglichen Neuinfektionen bei mehr als 40.000. Der bisherige Höchststand war im Januar mit mehr als 68.000 Fällen an einem Tag. Javid sagte jedoch, dass im Winter mehr als 100.000 tägliche Neuinfektionen möglich seien, wenn es so weitergehe. Dass sich die Regierung dennoch weigert, Restriktionen einzuführen, hängt mit den gegenwärtigen Zahlen der Hospitalisierungen und den täglichen Todesfällen im Zusammenhang mit Covid-19 zusammen. Diese sind von den Höchstständen im vergangenen Winter weit entfernt. So seien von 95.000 im Land zur Verfügung stehenden Krankenhausbetten derzeit 7000 von Corona-Patienten belegt und 6000 seien noch frei, sagte Edward Argar, der Staatssekretär im Gesundheitsministerium, am Donnerstag.

          Großbritannien war eines der ersten Länder, das ein großflächiges Impfprogramm startete und im Juli sämtliche Corona-Einschränkungen aufgehoben hat, was von Boulevard-Medien als „Freedom Day“ gefeiert worden war. Die Infektionszahlen stiegen danach an, sanken zwischenzeitlich aber auch wieder.

          Die wissenschaftlichen Berater der Regierung plädierten dagegen weiter für Vorsicht. Schon im September forderte die Wissenschaftliche Beratergruppe für Notfälle, die im Plan B vorgesehenen Maßnahmen unverzüglich in Kraft zu setzen. Der wichtigste Berater der Regierung sagte damals, es sie wichtig, die Maßnahmen so früh wie möglich einzuführen, um die Pandemie unter Kontrolle zu behalten.

          Am Donnerstag erteilte der Gesundheitsstaatssekretär dem jedoch abermals eine Absage. Die Regierung prüfe, wann es notwendig sei, den Plan zu implementieren. Es gebe dafür jedoch keinen eindeutig definierten Zeitpunkt, da immer eine Vielzahl von Überlegungen in die Entscheidungsfindung einflößen. Der Druck auf den Nationalen Gesundheitsdienst sei noch auszuhalten, wiederholte er die Worte seines Ministers. Auch bestritt er einen Bericht der Zeitung The Telegraph, die Regierung arbeite schon an einem Plan C. Dieser sehe unter anderem ein Verbot für Treffen zwischen mehreren Haushalten vor, heißt es in dem Bericht.

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