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Corona-Lockerungen in England : Liebend gerne paranoid

  • -Aktualisiert am

Pendler Mitte Juli in einer U-Bahn in London Bild: dpa

In England wurden die meisten Corona-Beschränkungen schon vor Wochen aufgehoben. Trotzdem gehen viele Bürger lieber auf Nummer sicher – und leben weiter mit Maske und Abstand.

          5 Min.

          In Hungerford, 125 Kilometer westlich von London, warten Leute vor einem Supermarkt auf das grüne Licht, das ihnen Einlass gewährt, sobald genügend Kunden den Laden verlassen haben. Viele tragen Masken. Dabei liegt der sogenannte Tag der Freiheit, an dem in England die meisten Corona-Beschränkungen aufgehoben wurden, schon mehr als drei Wochen zurück. Eine ältere Dame ohne Gesichtsschutz, die in einer ebenfalls Maskenlosen eine Gesinnungsverwandte wittert, bekundet dieser ihre Verwunderung darüber, dass die Vorschriften dennoch geblieben zu sein scheinen. Die Frau antwortet achselzuckend: „Wir lieben es, paranoid zu sein.“

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Das widerspricht dem Selbstmythos des „frei geborenen Engländers“, der sich unter Verweis auf die Magna Charta von 1215 und die Bill of Rights von 1689 auf seine absoluten Freiheitsrechte beruft. Als Boris Johnson sich im März 2020 zur Verhängung einer Ausgangssperre durchrang, bedauerte der Premierminister, dem „frei geborenen Volk des Vereinigten Königreiches“ sein „unveräußerliches Recht“ auf den Pub-Besuch entziehen zu müssen. Die Regierung war selber überrascht, wie bereitwillig sich die Bevölkerung den Beschränkungen fügte. Jonathan Sumption, bis vor Kurzem Richter am Höchsten Gericht, ebenfalls. Es war für ihn ein Schock, wie mühelos die Menschen sich einschüchtern ließen, wesentliche Grundrechte abzutreten.

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