https://www.faz.net/-gpf-8umsu

Merkel in Warschau : Ein Tabu ist gefallen

Kalt war nur das Wetter: Merkel und Szydlo sind per Du - und rückten in Warschau auch inhaltlich näher zusammen. Bild: Reuters

Von einem Europa der zwei Geschwindigkeiten wollte Polen bisher nichts wissen. Nun zeigt sich Ministerpräsidentin Szydlo erstmals offen für die Vorschläge der Bundeskanzlerin.

          4 Min.

          Die Bundeskanzlerin und Polens Ministerpräsidentin haben sich „Angela“ und „Beata“ genannt, als sie sich am Dienstag in Warschau der Presse stellten. Merkel und Szydlo kommen gut miteinander aus. Sie sind per Du, trotz aller Unterschiede in der Weltsicht einer polnischen Nationalkonservativen und einer deutschen Christdemokratin.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das Duzverhältnis der beiden ist nur eines von vielen Zeichen dafür, dass Polen seit einiger Zeit versucht, sich der europäischen Führungsmacht Deutschland zu nähern. Warschau liegt zwar mit der EU in vielen Dingen über Kreuz, seit die nationalkonservative Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) unter ihrem Vorsitzenden Jaroslaw Kaczynski hier regiert. Wegen dessen Kreuzzug gegen die Justiz, die er gerade gleichrichtet, hat die EU ein Rechtsstaatsverfahren gegen Polen eröffnet. In Bezug auf die Migrationskrise weigert sich Szydlo außerdem weiter strikt, die Zusagen der liberalen Vorgängerregierung zu erfüllen und 7000 Flüchtlinge aufzunehmen. Polen beharrt auf der Nullquote.

          Ohnehin hat die katholische Rechte in Polen die „Kolonisierung“ durch das „liberale“ Europa mit seinen Schwulenrechten und Gendertheorien nie gemocht. Trotzdem: Ein wichtiger Pfeiler des euroskeptischen Weltbildes im nationalkatholischen Lager ist zuletzt merklich ins Wanken geraten: die von den deutschen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs genährte Angst vor Berlin. Dass nämlich die EU das nach der Wehrmacht gefährlichste deutsche Unterwerfungsmittel in der jüngeren Geschichte sei, war lange Zeit das Alpha der polnischen Europa-Deutung. Das Omega war dann, dass Merkel dieses Ziel durch eine „Achse“ nach Moskau verfolge – genau wie seinerzeit Hitler und Stalin in ihrem Teilungspakt von 1939.

          Merkel schafft, was keine schafft: Sie eint Polen

          Diese Sichtweise tritt jetzt in den Hintergrund. Kaczynski, der mächtigste Mann des Landes, hat seine einst sehr harte Weise, über die Kanzlerin zu sprechen, zuletzt in atemberaubendem Tempo verändert. Eben noch sprach er von der Gefahr eines deutsch-russischen „Kondominiums“ über Polen, und über Merkel machte er Andeutungen, die als Stasi-Vorwürfe gedeutet wurden. Plötzlich aber lobt er sie. Mehrmals hat er ihr den Sieg in der nächsten Bundestagswahl gewünscht, am Mittwochabend sollten sich die beiden am Rande von Merkels Visite in Warschau zum ersten Mal seit langer Zeit persönlich treffen.

          Blickt man in die polnische Landschaft, zeigt sich, dass Kaczynski mit seinem Damaskuserlebnis nicht allein steht. Merkel schafft, was keine schafft: Sie eint Polen. Die liberale Opposition steht sowieso auf ihrer Seite. Jetzt aber geben auch deutschlandkritische Publikationen des rechten Lagers für einen Augenblick das Agitieren auf, präsentieren Gemeinsamkeiten. Von „Modernisierungspartnerschaft“ und „Vernunftehe“ ist die Rede.

          Der Grund dieses Wandels ist, was der Publizist Adam Krzeminski die deutsch-polnische „Bredouillengemeinschaft“ genannt hat: Deutschland und Polen haben dieselben Probleme: Sie liegen nahe an Europas Ostgrenze und blicken mit Sorge auf Russland. Sie sehen, dass die Bündnisse wackeln, die ihnen Sicherheit gaben. Der Brexit hat sie alarmiert, ein Frexit wäre für beide eine Katastrophe. Aus polnischer Sicht ist Angela Merkels Versuch, die EU zu stabilisieren, deshalb ein Notanker, der nicht brechen darf. Das alte Misstrauen gegen Deutschland ist zwar noch da, aber die Angst vor Russland ist größer.

          Weitere Themen

          Wieso die Jugend aufbegehrt Video-Seite öffnen

          Massenproteste in Nigeria : Wieso die Jugend aufbegehrt

          In Nigeria spitzt sich die Lage weiter zu: Die Jugend fordert Fortschritt, sozialen Wandel und ein Ende der Polizeigewalt. Doch die Regierung setzt den Protesten schwere Maßnahmen entgegen.

          Topmeldungen

          Abgeordnete im Deutschen Bundestag

          Corona-Kompetenzen : Die Gesetze macht immer noch der Gesetzgeber

          Beim Streit über die Kompetenzen des Bundestages geht es um mehr als nur um Formalitäten. Die Debatte ist auch eine Abrechnung mit der Art, wie die Corona-Politik bisher zustande gekommen ist.
          Schönau am Königssee: Alle Touristen mussten den Landkreis Berchtesgadener Land bis zum Beginn des Lockdowns verlassen. (Archivbild)

          Lockdown am Königssee : Jetzt ist auch für den Tourismus Schluss

          2500 Gäste mussten bis 14 Uhr den Landkreis Berchtesgadener Land verlassen. Bergbahnen und Ausflugsschiffe stehen still. Bei den Einheimischen macht sich Wut breit – über all jene, die den Lockdown durch ihr sorgloses Verhalten provoziert haben.
          Ein Kühlschrank mit kostenlosen Lebensmitteln im Stadtteil Brooklyn.

          Lebensmittelversorgung : Von New Yorkern für New Yorker

          In New York stehen auf den Bürgersteigen Kühlschränke mit kostenlosen Lebensmitteln. In Zeiten der Corona-Krise ist die Nachfrage danach immens. Das Konzept ist unkomplizierter als die Tafeln.
          Schön hier? Das dachten sich auch zahlreiche Millionäre von außerhalb der EU: Zypern verkauft schon seit Jahren Staatsbürgerschaften seines Landes.

          Goldene Pässe : „Europäische Werte sind keine Ware“

          Sieben Milliarden Euro hat allein Zypern in den vergangenen Jahren mit dem Verkauf von Staatsbürgerschaften verdient. Die EU-Kommission geht dagegen nun vor – und betritt damit rechtliches Neuland.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.