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Russisch-türkische Beziehungen : Mein Syrien, dein Syrien

Vladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan beim Treffen in Istanbul Bild: dpa

Der türkische Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs belastete die Beziehungen zwischen Russland und der Türkei schwer. Doch beim Treffen in Istanbul gehen Putin und Erdogan weiter auf Annäherungskurs – und besiegeln ein gemeinsames Großprojekt.

          Es ist noch nicht einmal ein Jahr her, dass Wladimir Putin zuletzt bei Recep Tayyip Erdogan zu Gast war: Bei dem vorvorigen Gipfel der 20 wirtschaftlich wichtigsten Staaten im November 2015 in Antalya sprachen der russische und der türkische Präsident miteinander, als sei fast alles normal, obschon ihre Staaten in Syrien schon auf eine Kollision zusteuerten. Eine Woche nach Putins Abreise aus Antalya war die Kollision dann da: Der türkische Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs, das bei einem Einsatz zur Unterstützung des syrischen Diktators Baschar al Assad kurzzeitig in den Luftraum der Türkei eingedrungen war, belastete die Beziehungen schwer.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          So schwer, dass in der Nato bereits Sorge vor einem ernsthaften Konflikt zwischen dem türkischen Bündnismitglied und dem russischen Antagonisten aufkam. Doch die russische Reaktion zielte auf die Wirtschaft. Moskau verhängte Sanktionen gegen den Import türkischer Nahrungsmittel, schloss türkische Baufirmen von Ausschreibungen aus, schikanierte türkische Geschäftsleute und strich russische Charterflüge in die Türkei, was die Krise des Tourismus dort deutlich verschärfte. Beide Regierungen warfen sich zudem, zum Teil wohl zu Recht, eine Unterstützung des Terrorismus vor.

          Weniger als ein Jahr später sind die beiden Autokraten nun wieder auf Annäherungskurs. Seit Erdogan im Sommer Putin schriftlich um Entschuldigung für den Abschuss des russischen Flugzeugs bat, haben sich die beiden lupenreinen Präsidenten schon drei Mal in ebenso vielen Monaten getroffen. Erst Anfang August in St. Petersburg, danach auf dem diesjährigen G-20-Gipfel im September in Hangzhou sowie nun am Montag in Istanbul. Putin nahm dort an einem Energiekongress teil, und um Energiepolitik ging es auch in seinem Gespräch mit Erdogan.

          Energieprojekt „Turkish Stream“ besiegelt

          Das von beiden im Dezember 2014 angekündigte Projekt „Turkish Stream“, das den Bau einer Leitung für russisches Gas unter dem Schwarzen Meer hindurch vorsieht, wurde am Montagabend besiegelt. Die Energieminister beider Länder unterzeichneten im Beisein der Staatschefs ein Regierungsabkommen über das lange geplante Projekt. Durch die Turkish-Stream-Pipeline soll russisches Erdgas durch das Schwarze Meer und die Türkei bis an die griechische Grenze gebracht werden. Der Chef des staatlich kontrollierten russischen Energiekonzerns Gasprom, Alexej Müller, sagte, das Abkommen sehe den Bau von zwei Röhren auf dem Grund des Schwarzen Meeres vor. Der Bau könne 2017 beginnen und 2019 beendet sein. Die Türkei ist nach Deutschland der zweitgrößte Markt für Gasprom.

          Auch sonst ist man wieder im Gespräch. Für die Gesichtswahrung hilfreich war dabei der Umstand, dass die Türkei die Bewegung des im amerikanischen Exil lebenden islamischen Predigers Fethullah Gülen nun als Allzwecksündenbock einsetzen kann. Von der türkischen Regierungspartei AKP kontrollierte Medien wollen durch investigative Methoden herausgefunden haben, dass für den Abschuss des russischen Flugzeugs „Gülenisten“ in der türkischen Armee verantwortlich gewesen seien. Hilfreich bei der Annäherung ist aber vor allem, dass Türken und Russen gemeinsame Interessen haben.

          Am 2. September landete der erste russische Charterflug wieder in Antalya, einem der populärsten Ziele für Russen in der Türkei. Mehr als hundert Flüge bringen seither Zehntausende russische Touristen wöchentlich in die Türkei und bessern damit vielen touristischen Großunternehmen samt den Banken, die ihnen Kredite verliehen haben, die Bilanzen auf, auch wenn die Saison insgesamt mit großen Einbußen enden wird.

          Syrien-Gesprächskanal eingerichtet

          Knapp zwei Wochen nach den russischen Touristen kamen auch die russischen Streitkräfte, wenn auch einstweilen nur im Singular: in Gestalt von Russlands Generalstabschef Walerij Gerassimow, der am 15. September Gespräche mit seinem türkischen Pendant Hulusi Akar in Ankara führte. Jenseits der offiziellen Mitteilungen erfuhr die Öffentlichkeit nicht, worüber die beiden Militärs berieten, doch allein dass sie es taten, galt angesichts der vorherigen türkisch-russischen Eiszeit als bemerkenswert.

          Unter anderem berichteten türkische und russische Medien, hier wie da von offizieller Seite unwidersprochen, dass zwischen beiden Streitkräften ein direkter Syrien-Gesprächskanal eingerichtet worden sei. Er soll verhindern, dass man sich dort ungewollt wieder in die Quere kommt. Die Türkei will ungestört Kurden und Terroristen des „Islamischen Staates“ aus ihrem Grenzgebiet vertreiben, Russland in Ruhe das Assad-Regime bei der Rückeroberung der Ruinenlandschaft unterstützen, die einst Aleppo war.

          Dieser Kompromiss ist zwar weit von dem einstigen türkischen Hauptziel eines Sturzes von Assad entfernt, doch ist es Ankara derzeit offenkundig wichtiger, die syrischen Kurden zurückzudrängen. So wäre jedenfalls das auffällige Schweigen Erdogans zu den Kriegsverbrechen in und um Aleppo zu erklären. Als der türkische Präsident vor wenigen Tagen einem saudischen Fernsehsender ein Interview gab, bezichtigte er zwar den Westen in bekannter Manier der Verantwortungslosigkeit, doch zu Aleppo und der Rolle der Russen dort fiel ihm nicht viel ein.

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