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Trauer um Václav Havel : Auf dem Königsweg zur Burg

  • -Aktualisiert am

Spalier: Der Sarg mit den sterblichen Überresten Václav Havels auf dem Weg zur Prager Burg Bild: AFP

In Prag beginnen die Trauerzeremonien für Václav Havel. Das Volk strömt auf die Straßen. Und sogar sein alter Gegenspieler Klaus findet Worte der Würdigung.

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          Der letzte Weg Václav Havels endete dort, wo vor fast genau 22 Jahren seine Amtszeit als tschechoslowakischer Präsident begann. Im Wladislaw-Saal auf der Prager Burg wurde am Mittwochvormittag sein in die Nationalfahne gehüllter Sarg aufgebahrt. Präsident Václav Klaus, die tschechische Regierung, Abgeordnete, Senatoren und das diplomatische Korps gaben einem Staatsmann die letzte Ehre, der sich - wie Klaus in seiner Trauerrede sagte - „wie kein anderer um die internationale Stellung, das Prestige und die Autorität der Tschechischen Republik in der Welt verdient gemacht hat“. Havels letzter Weg hatte am frühen Morgen in der ehemaligen Annakirche in der Prager Innenstadt begonnen, nicht weit vom Theater am Geländer, für das er in den sechziger Jahren als Dramaturg und Bühnenautor gearbeitet hatte.

          Der Annakirche hatte seit jeher Havels besondere Fürsorge gegolten. Er hatte das aus dem 14. Jahrhundert stammende Gebäude mit Geldern aus seiner Stiftung „Vize 97“ in ein Begegnungszentrum umgewandelt, das er „Prager Kreuzung“ nannte, weil sich dort die geistigen Strömungen der Zeit kreuzen sollten. In der Annakirche konnten seine Freunde von ihm seit Montag Abschied nehmen. Hunderte warteten auf der Straße, bis sie eingelassen wurden, um sich vor dem Sarg zu verneigen.

          Der offizielle Teil der Begräbnisfeierlichkeiten, der im tschechischen Fernsehen live übertragen wurde, begann in der Nacht zum Mittwoch mit der dreitägigen Staatstrauer, die die Regierung in einer Sondersitzung angeordnet hatte. Am frühen Morgen wurde der Sarg von der Annakirche abgeholt und über einen Straßenzug, der größtenteils dem alten Königsweg durch Prag entsprach, über die Karlsbrücke auf den Hradschin gebracht. Havels Witwe Dagmar, deren Schwester sowie Havels Bruder Ivan und die engsten Freunde des Verstorbenen aus Dissidententagen, unter ihnen Alexandr Vondra, Jiří Ruml und Michael Kocab, folgten dem Leichenwagen. Tausende Prager, ganze Schulklassen und auch zahlreiche Touristen schlossen sich dem Zug an.

          Nationales Gewissen

          Vor der Kaserne der Burgwache wurde der Sarg mit militärischen Ehren empfangen. Soldaten in Kampfanzügen und Gardisten übernahmen nun das Geleit, mit sich führten sie die historischen Banner der tschechischen Legionen, die im Ersten Weltkrieg gegen Österreich-Ungarn und später in Russland gekämpft hatten, der tschechoslowakischen Armee der Zwischenkriegszeit sowie der Truppenteile, die sich während des Zweiten Weltkrieges den Alliierten angeschlossen hatten.

          Václav Havel (1936 - 2011)
          Václav Havel (1936 - 2011) : Bild: REUTERS

          Havels Sarg wurde auf eine Haubitzen-Lafette aus dem Ersten Weltkrieg geladen, die schon am 21. September 1937 beim Begräbnis des tschechoslowakischen Staatsgründers Tomáš Garrigue Masaryk verwendet worden war. Gezogen von sechs Altkladruber Rappen aus dem staatlichen Gestüt Kladubry (Kladrau), dessen Gründung auf Kaiser Rudolf II. zurückgeht, fuhr die Lafette durch den Burgdistrikt bis in den Innenhof der Burg, wo der Sarg von sechs Gardisten in den Wladislaw Saal getragen wurde.

          Havel hatte seine Präsidentschaft im Dezember 1989 mit denselben Worten angetreten, mit denen T. G. Masaryk am 22. Dezember 1918 seine erste Rede als Präsident an die Nationalversammlung begann: „Deine Regierung, oh Volk, ist zu dir zurückgekehrt.“ Das öffentliche Ritual, mit dem die Tschechische Republik von ihm Abschied nahm, vollendete nun die Inszenierung seines Präsidentenlebens in der Masaryk-Nachfolge. Wie sein großes Vorbild verkörpert Havel das nationale Gewissen, das den geistigen Gehalt der Republik ausmacht und sie gegen ihre Entstellungen in Schutz nimmt.

          Bis zum Donnerstag soll der Sarg im Wladislaw-Saal aufgebahrt bleiben.
          Bis zum Donnerstag soll der Sarg im Wladislaw-Saal aufgebahrt bleiben. : Bild: AFP

          Beisetzung im Familienkreis

          Václav Klaus, einst sein schärfster politischer Gegenspieler, würdigte ihn in seiner Trauerrede als bedeutenden Staatsmann und große Persönlichkeit, als unermüdlichen Gegner der Diktatur, als Sinnbild der Erneuerung der Freiheit und Demokratie, als „Präsidenten, Politiker, Intellektuellen, Künstler, Menschen“, der auch dann, wenn er Diskussionen und Polemiken auslöste, „die Dinge in Bewegung“ gebracht habe.

          Bis Donnerstag bleibt der Sarg im Wladislaw-Saal aufgebahrt. Am Freitag zelebriert Erzbischof Dominik Duka im Veitsdom die Trauermesse, zu der unter anderen die Präsidenten Wulff und Sarkozy sowie Hillary und Bill Clinton erwartet werden. Havels Leichnam wird danach eingeäschert. Die Beisetzung der Urne findet zu einem späteren Zeitpunkt im Familienkreis statt.

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