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Trauer um George Floyd : „Wenn sich jetzt nichts ändert, dann nie”

  • -Aktualisiert am

Trauer um George Floyd in Houston Bild: AFP

In Houston haben Tausende Menschen Abschied von George Floyd genommen. Die Trauerfeier für ihn ist ein internationales Großereignis – und für viele der Beginn von etwas Neuem.

          3 Min.

          Die Straße, die zur „Fountain of Praise”-Kirche im Südwesten von Houston führt, ist gesäumt mit amerikanischen Flaggen. Sie wurden in die Grünstreifen zwischen den Fahrbahnen gesteckt. Im Park vor der Kirche haben sich etliche Kamerateams aufgebaut. Der Abschied von George Floyd, des Afroamerikaners, der vor zwei Wochen bei einem brutalen Polizeieinsatz getötet wurde, ist ein internationales Großereignis.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Es ist Montagabend, 18 Uhr. Eigentlich soll die Kirche, in der der Leichnam Floyds aufbahrt wurde, jetzt schließen. Sechs Stunden hatten die Bürger Houstons Zeit, Abschied zu nehmen. Doch die Menschenschlange nimmt immer noch kein Ende. Busse fahren auch am späten Nachmittag noch vor. Ein Park & Ride-Service war eingerichtet worden, weil man ahnte, dass der Parkplatz der Kirche nicht ausreichen würde. Draußen sind es 34 Grad. Helferinnen bieten den Wartenden Wasserflaschen an. Beim Eintritt in die Kirche wird jedem Trauernden die Temperatur gemessen. Dann geht es in zwei Schlangen in die riesige Saalkirche – unter Einhaltung der Abstandsregeln.

          „Er wird für immer in unseren Herzen atmen“

          Ordner drücken den Wartenden einen Flyer in die Hand. Es ist eine Danksagung der Familie Floyd: „Dank Ihnen haben wir Trost und Kraft gefunden“, schreiben die Angehörigen. „Wir möchten, dass Sie wissen, George ist nun einer von Gottes Engeln. Er wird für immer in unseren Herzen atmen“. „Atmen“, schreiben sie bewusst - nicht „sein“. Der Sarg steht nicht auf einer Bühne, sondern vor dem Altar. Es ist eine dezente Form des Abschieds am offenen Sarg. Die Trauernden verweilen kurz, einige sprechen ein Gebet oder schütteln nur den Kopf. Viele weinen bitterlich und gehen dann schluchzend weiter. Draußen auf einem Parkplatz kann sich die Trauergemeinde in ein Kondolenzbuch eintragen.

          Unter Tränen tritt eine Frau an den aufgebahrten Sarg des getöteten Afroamerikaners George Floyd. Vor der Beerdigung können sich die Trauernden öffentlich verabschieden. Bilderstrecke

          Charles und Bobby sind am Morgen aus Dallas gekommen. Als die Familie Floyds bekannt gegeben habe, dass der Verstorbene in Houston beerdigt würde, habe für beide festgestanden, dass sie zur Gedenkfeier fahren würden, sagt Charles. Wie viele in der Schlange trägt er eine etwas unkonventionelle Trauerkleidung. Einen Mundschutz mit der Aufschrift: „I can‘t breathe“. Und ein T-Shirt, auf dem Floyds letzte dokumentierten Worte stehen: „Bitte, ich kann nicht atmen. Mein Magen tut weh, mein Nacken tut weh. Alles tut weh. Sie werden mich umbringen.“ Auf den Tag genau vor zwei Wochen war Floyd in Minneapolis festgenommen worden und hatte Handschellen angelegt bekommen. Obwohl er sich nicht wehrte, drückte ein  weißer Polizist minutenlang sein Knie auf Floyds Nacken – bis dieser letztlich das Bewusstsein verlor und starb.

          Floyd habe Respekt verdient, sagt Charles, der selbst wie auch sein Freund Bobby Afroamerikaner ist. Alle Schwarzen lebten mit dem Bewusstsein, dass jede Begegnung mit der Polizei gefährlich sei. Charles, 30 Jahre alt, ein Ölarbeiter, derzeit in Kurzarbeit, verweist auf die Schlange: „Schauen Sie sich die Leute an. George ist nicht umsonst gestorben.“ Er ist optimistisch, dass die Proteste in Folge von Floyds Tod etwas bewirken. „Ich glaube, es wird eine Polizeireform geben, die ihren Namen verdient.“

          Biden nimmt nicht an Beisetzung teil

          Am Dienstag enden die mehrtägigen Trauerfeierlichkeiten für Floyd. Zunächst hatte es einen Gedenkgottesdienst in Minneapolis gegeben. Dann wurde Floyd in seinem Geburtsort Raeford in North Carolina geehrt. Nach der Aufbahrung am Montag soll es am Dienstag in Houston, wo Floyd aufwuchs, einen weiteren Gottesdienst geben. Danach wird er im privaten Kreis beigesetzt. In der Stadt wird es schließlich noch einen letzten Trauermarsch geben.

          Joe Biden, der Präsidentschaftskandidat der Demokraten, hatte ursprünglich erwogen, an der Beisetzung teilzunehmen. Weil er aber inzwischen mit Sicherheitspersonal reist, entschied er sich dagegen. Er fürchtete, mit seiner Entourage die Trauergemeinde zu stören. Biden traf stattdessen am Montag in Houston mit Angehörigen des Getöteten zusammen. „Sich gegenseitig zuzuhören ist das, was Amerika heilen wird.“ Genau das habe Biden der Familie Floyd versprochen, schrieb später ein Anwalt der Familie auf Twitter. Biden selbst äußerte, er habe der Familie versprochen, dass George nicht nur ein Hashtag auf Twitter bleibe. „Ich habe die Absicht, mich an das Versprechen zu halten“, so Biden. Es bedürfe nun einer echten Polizeireform.

          Unter den Trauergästen ist auch Rosa, eine alte Dame, die sich mit ihrem Gehstock in die Schlange vor der Kirche einreiht. Sie ist mit einem der Busse gekommen. „Es schmerzt mich sehr, hier zu sein. Aber ich musste einfach kommen“, sagt die weiße Frau, die in der Menge auffällt. 90 Prozent der Trauernden sind schwarz. Auch Rosa ist trotz allem zuversichtlich: „Wenn sich jetzt nichts ändert, ändert sich nie etwas“, sagt sie.

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