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Nach Attentat in Danzig : Der Klang des Schweigens

Gegen politischen Hass: Nach dem Tod des Bürgermeisters zogen Tausende am Montagabend durch Danzigs Zentrum. Bild: Imago

Nach dem Tod des Danziger Bürgermeisters nach einer Messerattacke herrscht Bestürzung in ganz Polen. Viele im Land fragen sich jetzt, wie es überhaupt so weit kommen konnte.

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          Polen am Tag danach: In einem nüchternen Verwaltungsgebäude unweit des Hauptbahnhofs hatte Bürgermeister Pawel Adamowicz seinen Sitz. Jetzt säumt ein Meer aus Hunderten von Grablichtern den Eingang. Fast im Minutentakt zündet jemand ein weiteres an. Mitarbeiter der Stadtverwaltung begrüßen einander mit Umarmungen; manche Augen sind gerötet. Am Montagnachmittag war Adamowicz, Stadtvater seit 20 Jahren und erst im Herbst wiedergewählt, seinen Verletzungen erlegen, die ihm ein Messerstecher vor Hunderten Zuschauern am Vorabend zugefügt hatte. Jetzt herrschen im Land Trauer und Fassungslosigkeit.

          Gerhard Gnauck
          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Von Lichtern beschwert, liegt ein Blatt Papier auf dem Bürgersteig. Darauf hat eine junge Hand mit rotem Stift Sätze geschrieben, die der Bürgermeister auf einem Treffen mit der Schülerselbstverwaltung gesagt hatte: „Mit der Demokratie ist es wie mit der Liebe: Wenn man sie nicht praktiziert, schwindet sie.“ Drinnen im Verwaltungsgebäude zieht sich eine lange Menschenschlange vom Treppenhaus in den ersten Stock. Hier stehen Danziger Bürger, um sich mit einem Eintrag ins Kondolenzbuch von ihrem Oberhaupt zu verabschieden. Eine Frau murmelt etwas von drei Stunden Wartezeit. Die Pressesprecherin des Ermordeten erläutert, im Rathaus sei ein Psychologe im Einsatz – manche Mitarbeiter bräuchten Betreuung. Fühlen sie sich womöglich auch bedroht? Nein, sagt die Sprecherin: „Sie fühlen sich in dieser Situation verloren. Es ist ein Trauma, ein Schock.“

          Lange Jahre konnte man in Polen den Eindruck einer etwas schizophrenen Situation haben. Eine verbreitete, durch die sozialen Medien immer mehr verstärkte verbale Aggressivität kontrastierte mit einem weitgehend gewaltfreien Alltag. Gegen die Justizreform gingen Zehntausende Menschen im ganzen Land auf die Straße, Höhepunkt war der Sommer 2017. Doch Ausschreitungen wie zum G-20-Gipfel in Hamburg oder kürzlich in Paris? An der Weichsel undenkbar. Dabei stand viel auf dem Spiel in Polen: Es ging und geht um nichts weniger als die Demontage der Gewaltenteilung. Die Proteste dagegen endeten jedoch schlimmstenfalls in Handgemenge.

          Die stärkste Erinnerung

          Ein Wort, so lautet ein Sprichwort, kann schlimmer verletzen als ein Schwert. Die Flut hasserfüllter Worte hat in Polen ein Klima entstehen lassen, in dem auch Stefan W., offenkundig ein Einzeltäter mit Vorstrafenregister, die Versuchung spürte, auf diese Welle aufzuspringen. Aber sind die Tiraden des Attentäters gegen die bis 2015 amtierende liberale Regierung überhaupt ernst zu nehmen? „Ja“, sagt der Danziger Schriftsteller Stefan Chwin, einer der scharfsinnigsten Beobachter der polnischen Gesellschaft. „Der Täter hat klar eine politische Motivation ausgesprochen. Das würde sich auch nicht ändern, wenn er psychisch gestört sein sollte“, sagte Chwin dieser Zeitung. Nach Behördenangaben war der vorbestrafte Mann psychisch krank. Der Schriftsteller kommt – wie viele Kommentatoren in diesen Tagen – auf das Jahr 1922 zu sprechen, als Polens erster Staatspräsident Gabriel Narutowicz nur fünf Tage nach seiner Wahl erschossen wurde; dem Täter missfiel die Tatsache, dass die Parteien der ethnischen Minderheiten Narutowicz unterstützt hatten. „Wie damals geht es auch heute um die politische Rechte. Damals stand der Attentäter unter dem Einfluss der Rechtsparteien.“ Das polnische öffentlich-rechtliche Fernsehen TVP versuche, den Täter „als reinen Kriminellen erscheinen zu lassen. Der politische Aspekt wird völlig ausgeblendet“. Chwin sagt, er habe auf den Internetportalen des rechten Randes in Polen auch etliche Kommentare gesehen, die den Mord begrüßt hätten.

          Auf die Frage, was ihr von Adamowicz am stärksten in Erinnerung sei, antwortet Barbara Frydrych, die Kulturchefin des Rathauses: „Wie er mit den Leuten geredet hat. Dabei war ganz egal, welche Weltanschauung sie hatten.“ Vielleicht hat die junge Beamtin mit der schwarzen Schleife an der Bluse damit den wunden Punkt in Polens Gesellschaft berührt: Man redet nicht mehr mit Leuten, die anderer „Anschauung“ sind, die einem anderen „Lager“ angehören. Der Riss geht oft genug mitten durch die Familien.

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