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Italien bangt um Tourismus : „Wir werden keine bilateralen Abkommen dulden“

Normalerweise viel von ausländischen Touristen besucht: Jesolo nahe Venedig Bild: AFP

Ohne das Auslandsgeschäft ist der italienische Tourismussektor kaum überlebensfähig. Die geplanten und bereits geschlossenen Vereinbarungen zwischen einzelnen EU-Ländern kritisiert Regierungschef Conte deshalb scharf.

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          Am Mittwochabend konnten der italienische Ministerpräsident Giuseppe Conte und seine zerstrittene Linkskoalition einen seltenen Erfolg feiern: Nach wochenlangen zähen Verhandlungen war endlich die Einigung auf ein neues Hilfspaket im Umfang von rund 55 Milliarden Euro zur Ankurbelung der Wirtschaft und zur Unterstützung von Notleidenden geglückt. Das Geld soll dem Tourismus und der Landwirtschaft, der Bauindustrie und der Kultur, aber auch Erntehelfern, Arbeitslosen und Familien zugutekommen.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Der Fremdenverkehr macht in Italien mit mehr als 200 Milliarden Euro Umsatz gut 13 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung aus. Nach offiziellen Angaben sind etwa 4,2 Millionen Menschen in diesem Wirtschaftsbereich tätig. Nach dem Totalverlust des Frühjahrsgeschäfts hofft der Sektor, im Sommer und Herbst zu retten, was noch zu retten ist. Schon jetzt wird mit Einbußen von mindestens 70 Milliarden Euro gerechnet. Im jetzt beschlossenen Konjunkturpaket der Regierung gibt es Urlaubsgutscheine für bedürftige Familien, damit diese mit Staatshilfe zur Sommerfrische an die heimischen Strände fahren können.

          Conte will einheitliche Standards für den Tourismus

          Doch ohne das Auslandsgeschäft ist der Sektor kaum überlebensfähig, viele Unternehmen könnten den Betrieb gar nicht wieder aufnehmen. Die Abhängigkeit von Touristen aus dem Ausland ist regional unterschiedlich. Am stärksten betroffen vom dauerhaften Ausbleiben der Gäste aus dem Ausland wäre Südtirol: Dort machen Ausländer 70 Prozent der Gäste aus, jeder zweite Urlauber kommt aus Deutschland. Auch am Gardasee, an der Adria und in der Toskana sowie in Florenz, Rom und Venedig ist man auf Besucher aus dem Ausland angewiesen.

          Deshalb kritisierte Regierungschef Conte bei der Vorstellung des sogenannten „Neustart-Dekrets“ vom Mittwochabend die bereits geschlossenen und geplanten Vereinbarungen zwischen einzelnen EU-Ländern scharf. „Wir werden keine bilateralen Abkommen dulden, die in Europa bevorzugte Korridore für Touristen schaffen. Das würde die Zerstörung des gemeinsamen EU-Markts bedeuten“, sagte Conte. Er habe das in einem Telefongespräch mit Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in aller Deutlichkeit klar gemacht. Stattdessen solle sich die EU auf einheitliche Schutz- und Gesundheitsstandards  in der gesamten Union einigen.

          In Italien sollen am 1. Juni die bisher noch gültigen Einschränkungen der Reisefreiheit aufgehoben werden, sofern die Infektionskurve weiter nach unten zeigt. Dann wären Fahrten über die Grenzen der Region des Hauptwohnsitzes hinweg wieder erlaubt, zumal zur Zweit- und Ferienwohnung an der Küste. Auch die Verpflichtung zu einer Selbstauskunft über Ziel und Zwecke der Reise soll wegfallen.

          Vor allem für Südtirol wäre eine fortgesetzte Schließung der Außengrenzen des Landes dramatisch. Zwar hat die autonome Provinz im Alleingang mit einem eigenen Gesetz den „Lockdown“ faktisch schon beendet. Seit Wochenbeginn sind in Südtirol Gaststätten und Geschäfte wieder geöffnet, vom 25. Mai an sollen auch Hotels und Seilbahnen den Betrieb aufnehmen. Aber das Grenzregime ist Sache der Zentralregierung in Rom. Die hat sich noch nicht zu einer Entscheidung durchringen können, wann die Grenzen für Ausländer wieder ohne Einschränkung geöffnet werden sollen.

          Sardinien und Südtirol werben um Urlauber aus dem Ausland

          Hinzu kommt, dass das Nachbarland Österreich seinerseits zwar die Grenze zu Deutschland am 15. Juni wieder vollständig öffnen will, einen solchen Schritt mit Italien aber nicht plant: Wegen der immer noch hohen Ansteckungszahlen im südlichen Nachbarland gebe es derzeit „keine Basis, über eine Grenzöffnung zu Italien nachzudenken“, sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz am Mittwoch in Wien. Dabei sind gerade im unmittelbar benachbarten Südtirol die Infektionszahlen sehr niedrig: 49 der 116 Gemeinden der Provinz sind komplett virenfrei, nur in vier Gemeinden – darunter die Hauptstadt Bozen – gibt es jeweils mehr als zehn bestätigte Coronafälle.

          Auch die Insel Sardinien ist so gut wie virenfrei und wirbt energisch um Urlauber aus dem Ausland. Überhaupt ist in Mittel- und Süditalien der befürchtete Corona-Tsunami ausgeblieben. In Kalabrien an der „Stiefelspitze“ hat die Regionalregierung deshalb schon vor gut einer Woche den „Lockdown“ beendet. Allenfalls in der besonders heimgesuchten Lombardei und im Piemont zeigen die Ansteckungskurven noch nicht so steil nach unten, um den „Sieg“ über die Pandemie verkünden zu können.

          In Südtirol will man nun eine Kampagne starten, um sich als „sicheres Urlaubsland“ zu präsentieren – daheim in Italien wie vor allem im Ausland. Gegen bilaterale Abkommen mit Wien, Bern und vor allem Berlin zur baldigen Öffnung der Provinz für Besucher aus diesen drei Ländern hätte die Regierung in Bozen unter Landeshauptmann Arno Kompatscher nichts einzuwenden.

          Derzeit fühlt man sich dort buchstäblich eingeklemmt zwischen Italien, wo die Regionen mit hohen Infektionszahlen noch immer den Rhythmus der Lockerungen bestimmen, und Österreich, wo man das Geld der „Piefkes“ lieber in Kärnten und Tirol behalten will, statt die deutschen Urlauber nach Südtirol und an den Gardasee durchzuwinken.

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