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Toulouse : Staatsanwalt: Attentäter plante weitere Anschläge

  • Aktualisiert am

Großeinsatz von Polizei, Feuerwehr und Rettungssanitätern in Toulouse Bild: AFP

Der mutmaßliche Attentäter von Toulouse plante einen Anschlag auf einen weiteren Soldaten. Außerdem habe er im Gespräch mit Polizisten bedauert, nicht noch mehr Opfer getötet zu haben, sagte der zuständige Staatsanwalt in Toulouse. Der Mann hält sich noch immer in einem Haus verschanzt.

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          Der mutmaßliche Serienmörder von Toulouse hat zugegeben, dass er am Mittwoch einen Anschlag gegen einen weiteren Soldaten geplant habe. Zudem habe der Mann Polizisten erschießen wollen, sagte der zuständige leitende Staatsanwalt François Molins am Mittwoch in Toulouse. Er habe im Gespräch mit Polizisten bedauert, nicht noch mehr Opfer getötet zu haben. Ein Renault Clio werde noch gesucht, der wahrscheinlich Waffen und Sprengstoff enthalte. Ein Motorroller sei ebenso wie eine Kamera gefunden worden.

          Zuvor hatte der französische Innenminister Claude Guéant Berichte über die Festnahme des mutmaßlichen Serienmörders von Toulouse dementiert. Der TV-Nachrichtensender BFM und das Magazin „Le Point“ hatten übereinstimmend berichtet, der Mann sei überwältigt worden. Er hat sich in einem Haus verschanzt und steht in Verdacht, in Toulouse und Umgebung sieben Menschen getötet zu haben.

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          Innenminister Claude Guéant gibt in der Nähe des Einsatzortes Auskunft :

          Mit einem Aufruf zu „nationaler Einheit“ begleitete der französische Staatspräsident Sarkozy den Polizeieinsatz zur Festnahme des mutmaßlichen Todesschützen. Der Präsident sagte nach Gesprächen mit Vertretern des Muslimischen Repräsentativrates sowie den Repräsentanten der anderen Religionen, der Islam dürfe nicht mit dem Islamismus gleichgesetzt werden. Die nationale Gemeinschaft müsse stärker denn je zusammenstehen, sagte Sarkozy. Die Polizisten der Eliteeinheit Raid hatten in den frühen Morgenstunden das Versteck des mutmaßlichen Todesschützen Mohamed Merah, eines 24 Jahre alten Franzosen mit algerischen Wurzeln, in einem ruhigen Wohnviertel von Toulouse ausfindig gemacht.

          Laut Innenminister Claude Guéant handelt es sich bei dem Mann mit großer Gewissheit um den Mörder, der am 11., am 15. und am 19. März in Toulouse und Montauban kaltblütig sieben Menschen, unter ihnen drei Soldaten, erschossen und zwei weitere Menschen schwer verletzt hatte. Der sich zunächst in einer Erdgeschosswohnung verschanzt haltende mutmaßliche Täter sagte den Polizisten, er habe „aus Rache für die Kinder Palästinas“ und als Anhänger des „Heiligen Krieges“ gehandelt. Auch soll er erklärt haben, zum Terrornetz Al Qaida zu gehören.

          Dem französischen Geheimdienst soll Merah seit längerem bekannt sein, da er 2010 und 2011 in sogenannten Ausbildungslagern der Taliban im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet verweilte. Laut afghanischen Behörden war Merah zeitweise im südafghanischen Kandahar inhaftiert. Zuvor soll er nach Angaben aus Polizeikreisen wegen mehrerer Straftaten – Diebstahl und Raub unter Gewaltanwendung – in Frankreich verurteilt worden sein.

          Mutter verweigert Kontakt

          Die französische Justiz stuft die Morde als Terrorakte ein. Der Täter habe seine Opfer mit Kopfschüssen getötet, hatte der zuständige Pariser Staatsanwalt François Molins am Dienstag berichtet. „Der Bruder des Verdächtigen wurde festgenommen. Die Mutter wurde zu dem Haus gebracht und gebeten, Kontakt zu ihrem Sohn aufzunehmen, was sie nicht gewollt hat.“

          Begonnen hatte der Einsatz in Toulouse kurz nach drei Uhr nachts in einem nur drei Kilometer von der jüdischen Schule entfernten Stadtviertel. Der Mann sei bereits nach den Morden an drei Soldaten ins Visier der Fahnder geraten. Er habe der Polizei nun gesagt, er habe palästinensische Kinder rächen wollen und auch ein Zeichen gegen den französischen Einsatz in Afghanistan setzen wollen. „Er spricht viel von seinem Engagement für Al Qaida“, sagte Guéant. „Diese Person war in Afghanistan und Pakistan. Er ist den Salafisten und Dschihadisten verbunden.“ Der 24 Jahre alte Mann stamme aber aus Toulouse und besitze die französische Staatsangehörigkeit.

          Kurze Liste von Verdächtigen

          Die Polizei war durch mehrere Hinweise auf den mutmaßlichen Täter gestoßen. Es habe zwei kurze Listen mit Verdächtigen gegeben - eine zu Rechtsextremen und zu radikalen Islamisten, hieß es am Mittwoch unter Ermittlern. Letztere habe unter anderem über eine Internet-Adresse zu dem mutmaßlichen Täter geführt. Das erste Opfer, ein Fallschirmjäger in Zivil, hatte eine Anzeige zum Verkauf seines Motorrades im Internet aufgegeben. Der mutmaßliche Täter hatte sein Opfer offenbar darüber ausgewählt. Bei ihren Untersuchungen habe die Polizei die IP-Adresse des Bruders des Verdächtigen ausfindig gemacht, hieß es weiter.

          Zudem habe der Yamaha-Motorroller vom Typ T-MAX 530, der nach den Attentaten mit insgesamt sieben Todesopfern in den vergangenen Tagen als Fluchtfahrzeug verwendet worden war, zu dem mutmaßlichen Täter geführt, hieß es weiter. Ein Yamaha-Händler in der Region habe berichtet, vor einigen Tagen habe ihn ein Mann aufgesucht, um in Erfahrung zu bringen, wie er die Diebstahlsicherung eines solchen Motorrollers abschalten könne. Die  Motorroller sind mit einem Chip ausgestattet, mit dem sie nach einem  Diebstahl gefunden werden können.

          Beisetzung in Jerusalem

          Unterdessen haben in Jerusalem am Mittwoch Tausende an den Beisetzungen der vier Menschen teilgenommen, die am Montagmorgen vor der jüdischen Schule Ozar Hatorah in Toulouse erschossen wurden waren. Der französische Außenminister Alain Juppé hatte zusammen mit den Angehörigen die Leichname des getöteten Rabbiners, dessen beider Söhne sowie der Tochter des Schulleiters nach Jerusalem begleitet, wo sie auf dem Friedhof von Givat Schaul beigesetzt wurden. Auch mehrere israelische Kabinettsmitglieder und die beiden Oberrabbiner nahmen an der Trauerfeier teil. „Ganz Frankreich steht unter Schock“, sagte Juppé, der versprach, dass seine Regierung alles tun werde, damit sich eine solche Tat nicht wiederhole.

          Antisemitische Gewalt sei ein Problem aller Franzosen, nicht nur für die jüdischen Bürger des Landes, versicherte er. Zuvor hatte Juppé den israelischen Staatspräsidenten Schimon Peres aufgesucht. Er wolle damit Frankreichs Solidarität mit Israel zum Ausdruck bringen, sagte Juppé. Der israelische Parlamentspräsident Reuven Rivlin sagte, das jüdische Volk sehe sich „wilden Tieren gegenüber, die unersättlich und von blindem Hass getrieben sind“. Aber Israel werde dafür sorgen, dass diese Kräfte nicht siegen und Juden überall auf der Welt leben können.

          Mordserie in Südfrankreich : Verdächtiger in Toulouse beruft sich auf Al Qaida

          „Bitte weine und bete dafür, dass Gott Mama und Papa Kraft gibt, damit sie diese schwerste Prüfung überstehen“, sagte der Bruder der getöteten Tochter des Schulleiters vor deren Grab. Zuvor hatte es Streit gegeben, weil der getötete Rabbiner im Unterschied zu den getöteten Kindern kein israelischer Staatsbürger war und damit keinen Anspruch darauf hatte, auf Staatskosten nach Israel übergeführt und bestattet zu werden. Schließlich übernahm die israelische Sozialversicherung aber laut Presseberichten die Kosten in Höhe von rund 50 000 Dollar.

          Unterdessen korrigierte das Büro der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton den Text der Rede, die in Israel Empörung hervorgerufen hatte. Während eines Treffens mit palästinensischen Jugendlichen hatte sie am Montag die Morde in Toulouse in Verbindung mit dem Tod unschuldiger Kinder im Gazastreifen erwähnt. Nun teilte ihr Sprecher der Deutschen Presseagentur mit, dass die zunächst veröffentlichte Niederschrift unvollständig gewesen sei. Es sei dabei überhört worden, dass sie nach Gaza auch den israelischen Ort Sderot erwähnt habe. Er wird von Gaza seit Jahren mit Raketen beschossen. Tatsächlich habe der kritisierte Satz daher gelautet: „Wenn wir sehen, was in Gaza und Sderot passiert, in unterschiedlichen Teilender Welt, dann erinnern wir uns an junge Menschen und Kinder, die ihr Leben verloren haben.“

          Paketbombe in Paris

          In Paris explodierte am Morgen eine Paketbombe vor der indonesischen Botschaft. Nach ersten Erkenntnissen hatten drei Unbekannte das Paket vor dem Gebäude im 16. Pariser Arrondissement deponiert, berichtete die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf Polizeikreise. Verletzt wurde niemand. Der Schaden am Gebäude blieb gering, weil ein Angestellter der Botschaft das Paket zuvor entdeckt hatte. Er transportierte es an eine Straßenkreuzung, bevor er floh. Da zu der Zeit nur wenig Menschen auf der Straße waren, wurde niemand verletzt.

          Die Wucht der Explosion beschädigte jedoch in einem Umkreis von 50 Metern mehrere Fahrzeuge. Ein Großaufgebot von Polizisten und Feuerwehrleute sowie Sprengstoff-Fachleuten war im Einsatz. Ein Bekennerschreiben gab es zunächst nicht.

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