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IS-Anführer Bagdadi : Totgesagte leben länger

Das letzte Foto von ihm ist vier Jahre alt. Abu Bakr al Bagdadi beu der Ausrufung des Kalifats am 04.07.2014 in Mossul. Bild: dpa

Wie aus dem Nichts taucht nach Monaten der Stille eine Rede des IS-Terrorchefs auf. Es sind Durchhalteparolen eines Phantoms.

          4 Min.

          Die Botschaft kam wie aus dem Nichts. Am Mittwochabend veröffentlichte „Nashir“, der wichtigste Nachrichtenkanal der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS), eine knapp 55 Minuten lange Ansprache von Abu Bakr al Bagdadi – obwohl der IS-Anführer bereits mehrfach als getötet galt. Zuletzt waren es die Russen, die den Tod des selbsternannten Kalifen verkündet hatten. Doch Totgesagte leben häufig länger.

          Was die Stimme verkündete, war nicht wirklich überraschend. Das Offenkundige gestand sie ein: massive Gebietsverluste, die der IS in den vergangenen Jahren durch die gegen ihn gerichtete Allianz hinnehmen musste. Kontrollierte die Terrormiliz während ihrer Hochzeit 2014 ein Gebiet von der Größe Großbritanniens, ist ihr Einflussbereich unter den Luftschlägen und Bodenoffensiven ihrer Gegner inzwischen auf zehn Prozent der einstigen Ausdehnung zusammengeschmolzen.

          Eine Durchhalteparole?

          Ihre Hochburgen, Raqqa und Mossul, sind längst gefallen, die meisten ihrer Kämpfer getötet, geflohen oder untergetaucht. Die verbliebenen Milizionäre kontrollieren nur noch ein paar Wüstenstriche in Syrien und im Irak. Von dort aus greifen die Zellen ihre Gegner immer wieder an. In der Ansprache Bagdadis heißt es, die Anhänger der Terrormiliz sollten sich nicht sorgen. Schließlich sei der IS auf keinen Ort beschränkt.

          Vom Islamischen Staat

          kontrollierte Gebiete

          August 2018

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          Bagdad

          Grafik: F.A.Z. / Quelle: liveuamap.com

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          Grafik: F.A.Z. / Quelle: liveuamap.com

          Vieles deutet darauf hin, dass die Aufnahme jetzt öffentlich wurde, weil der IS es für notwendig hielt, eine Durchhalteparole an seine Anhänger auszugeben. Nicht nur das Kalifat ist quasi zerbrochen. Auch die Zahl aufsehenerregender internationaler Anschläge im Westen ist zurückgegangen. Die Anhänger werden in der Ansprache daran erinnert, wie einfach es sei, zuzuschlagen. Nicht nur Messerattacken oder Sprengstoffanschläge böten sich an. Man könne ja auch einfach Ungläubige mit dem Auto überfahren. So spricht jemand, der merklich in die Defensive geraten ist.

          Aber ist es tatsächlich Bagdadi, der auf der Aufnahme zu hören ist? Noch gibt es aus Geheimdienstkreisen keine abschließenden Einschätzungen, noch werten Sprachexperten die Aufnahmen aus und vergleichen sie mit früheren Ansprachen des Terrorführers. Seine letzte Audiobotschaft veröffentlichte der IS im September 2017.

          „Der Terrorist Bagdadi ist definitiv tot“

          Seit Bagdadi im Juni 2014 das Kalifat in einer Moschee in Mossul ausgerufen hatte, kursierten immer wieder Gerüchte über seinen Tod. Zuletzt hatten sich die Berichte vor einem Jahr verdichtet. Im Juni 2017 verkündete das russische Verteidigungsministerium, Bagdadi könnte bei einem Angriff am 28. Mai ihrer Luftwaffe auf die IS-Hochburg Raqqa nach einem Treffen mit ranghohen Mitgliedern seiner Terrororganisation ums Leben gekommen sein. Zwei Wochen später hatte Irans staatliche Nachrichtenagentur Irna unter Berufung auf einen ranghohen Vertreter von Religionsführer Ajatollah Ali Chamenei gemeldet, „der Terrorist Bagdadi ist definitiv tot“.

          Amerikas Verteidigungsminister Jim Mattis ging damals indes weiterhin davon aus, dass Bagdadi noch lebt. Vor wenigen Wochen dann sagte der Generaldirektor der Anti-Terror-Abteilung des irakischen Innenministeriums in Bagdad der Regierungszeitung „As-Sabah“, Bagdadi lebe. Er sei bei zwei Luftangriffen schwer verletzt worden und werde im Nordosten Syriens medizinisch behandelt. Der IS-Führer leide zudem an Diabetes sowie den Folgen mehrerer Knochenbrüche. Er könne nur noch mit fremder Hilfe laufen.

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