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Tote im Himalaja-Grenzkonflikt : Mit Steinen und Knüppeln

Ein Angehöriger der hindunationalistischen Organisation Rashtriya Swayamsevak Sangh wird während einer antichinesischen Demonstration in Delhi am 17. Juni festgenommen. Bild: Reuters

Peking und Delhi rufen nach dem archaischen Kampf im umstrittenen Grenzgebiet im Himalaja zur Ruhe auf. Dort gab es so viele Tote wie seit Jahrzehnten nicht. Wollte Chinas Armee Stärke und Einsatzbereitschaft demonstrieren?

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          Die Einzelheiten, die nach und nach über die schärfste Auseinandersetzung zwischen chinesischen und indischen Grenztruppen seit Jahrzehnten bekannt werden, klingen archaisch. Offenbar waren die Soldaten mit Steinen, Eisenstangen und mit Nägeln versehenen Knüppeln aufeinander losgegangen. Der indischen Presse zufolge war ein kommandierender indischer Soldat einen Abhang hinuntergestürzt worden. Andere Soldaten fielen in einen eiskalten Fluss oder wurden hineingestoßen. Stundenlang soll der Kampf im Himalaja am Montag gedauert haben.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Die Zahl der Toten und Verletzten lässt darauf schließen, dass es ein wildes Aufeinandertreffen gewesen sein muss. Indien meldete 20 Tote. Unter ihnen sollen zahlreiche Verwundete gewesen sein, die anschließend in den eisigen Bergen erfroren. China schwieg sich aus über die Zahl der Gefallenen in den eigenen Reihen. Das ist nicht ungewöhnlich für die chinesische Informationspolitik. „Ich kann mich an keinen bewaffneten Konflikt mit Chinas Beteiligung erinnern, in dem es Gefallenenzahlen während des Konflikts veröffentlicht hat“, schrieb der Militär- und China-Fachmann Taylor Fravel auf Twitter.

          Der Chefredakteur der Parteizeitung „Global Times“, Hu Xijin, der sich gern als inoffizieller Außenamtssprecher betätigt, erklärte das Schweigen in Peking auf Twitter so: Man wolle vermeiden, dass die Bevölkerung in beiden Ländern die Totenzahlen vergleiche, um die Stimmung in der Öffentlichkeit nicht weiter anzuheizen. Im nächsten Tweet goss Hu Xijin dann allerdings doch Öl ins Feuer: „17 verletzte indische Soldaten starben Berichten zufolge, weil sie nicht rechtzeitig gerettet werden konnten.“ Die indische Armee sei offenbar nicht in der Lage zu „echter moderner Kriegsführung auf dem Bergplateau“.

          Unbewaffnet, um Eskalationen zu vermeiden

          Schüsse sollen bei der Auseinandersetzung nicht gefallen sein. Um eine ungewollte Eskalation zu verhindern, sind die Soldaten in dem Gebiet auf ihren Patrouillen meist unbewaffnet unterwegs. Beide Seiten beschuldigen einander, den Anlass für die Konfrontation geliefert zu haben. Indische Medien berichteten, chinesische Soldaten hätten einen Wachposten in einer Gegend errichtet, die laut einer vorherigen Abmachung als Pufferzone zwischen den Truppen der beiden Seiten eingerichtet worden sei. Das chinesische Militär warf hingegen indischen Soldaten vor, auf chinesischem Territorium „gezielt provokative Angriffe durchgeführt“ und damit gegen jene Abmachungen verstoßen zu haben, die vergangene Woche auf Kommandeursebene erzielt worden waren. Außenminister Wang Yi verlangte in einem Telefonat mit dem indischen Außenminister eine Untersuchung des Vorfalls und eine „Bestrafung der Verantwortlichen“.

          Nach Angaben indischer Fachleute ist es das erste Mal seit 1975, dass es im Grenzkonflikt zwischen China und Indien Tote gegeben hat. Der Vorfall wird in Indien als Aggression Chinas gesehen und schürt antichinesische Gefühle. Am Mittwoch fand vor der chinesischen Botschaft in Delhi eine Demonstration statt. Rufe nach einem Boykott chinesischer Waren wurden laut. Die hindunationalistische Regierung soll ihre Anhänger zur Zurückhaltung angehalten haben. Indiens Ministerpräsident Narendra Modi fand aber deutliche Worte. Das Opfer, das die indischen Soldaten gebracht hätten, werde nicht umsonst gewesen sein. „Für uns sind Einheit und Souveränität des Landes das Wichtigste. Indien wünscht Frieden, aber es ist in der Lage, die gebührende Antwort zu geben, wenn es provoziert wird“, sagte Modi am Mittwoch.

          Bild: Levinger

          China bemühte sich hingegen, die Kampfhandlungen herunterzuspielen. Die chinesischen Parteimedien berichteten nur kurz und am Rande darüber. In den zensierten sozialen Netzwerken kam es nicht zu nationalistischem Furor, der sonst in China leicht zu entfachen ist. Peking zeigt erkennbar kein Interesse daran, die Lage durch ein Aufstacheln von Emotionen zu eskalieren.

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