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Tokio zieht Notbremse : Japan erlebt Corona-Schreck

Japanische Passanten am Donnerstag in einem Einkaufsviertel in Tokio Bild: EPA

Japan verzeichnet ausgerechnet während der Olympischen Spiele so viele Infektionsfälle wie noch nie seit Beginn der Pandemie. Der Bevölkerung rät die Regierung nun zuhause zu bleiben – und fernzusehen.

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          Während in den Sporthallen und Stadien in der Hauptstadt Athleten aus aller Welt um olympische Medaillen kämpfen, erlebt die japanische Bevölkerung den Schreck neuer Corona-Höchststände. Tokio meldete am Donnerstag die Rekordzahl von 3865 Neuinfektionen. Landesweit stieg die tägliche Infektionszahl erstmals auf mehr als 10.000, berichtete der Fernsehsender NHK. Nach japanischen Medienberichten wird die Regierung an diesem Freitag den Virusnotstand von Tokio auf drei Nachbarpräfekturen ausweiten und bis Ende August verlängern.

          Patrick Welter
          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Die Regierung versucht damit die Notbremse zu ziehen, nachdem sich die Zahl der Infektionen mit dem Vordringen der Delta-Variante zuletzt drastisch erhöht hat. Die Sieben-Tage-Inzidenz stieg in Tokio am Donnerstag auf etwa 111 Infizierte je 100.000 Bewohner. Zwei Wochen zuvor lag sie bei nur 44. Ministerpräsident Yoshihide Suga wird die Corona-Lage an diesem Freitag mit Fachleuten beraten und danach im Kabinett die Entscheidung fällen. Der wichtigste Corona-Berater Sugas, der Virologe Shigeru Omi, sagte im Parlament, es fehle in der Bevölkerung ein Verständnis für den Ernst der Lage. Er bezeichnete das als entscheidend, um die rasante Infektionsentwicklung zu stoppen.

          Zwei ausländische Olympiateilnehmer im Krankenhaus

          Japan hatte sich in der Pandemie bislang vergleichsweise gut geschlagen. Das Land mit seinen 126 Millionen Einwohnern verzeichnete nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation etwa 880.000 Infektionsfälle und etwa 15.200 Virustote. Kritiker in Japan monieren, dass die Olympischen Spiele in Tokio den Ernst der Corona-Lage konterkarierten.

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          Regierung und Mediziner raten dringend dazu, die Wettbewerbe im Kreis der Familie vor dem Fernseher zu verfolgen. Doch haben die Spiele viele Japaner auch in räumliche Bewegung versetzt. Zur Eröffnungsfeier und bei den Außenwettbewerben versammelten sich Hunderte Sportfans vor den Stadien oder an den Strecken. Das olympische Feuer und das neue Olympia-Stadion ziehen täglich viele Menschen an, die dort Erinnerungsfotos machen.

          Am Beginn der Spiele hatten die Japaner ein viertägiges Urlaubswochenende, das in Tokio viele nutzten, um vor dem olympischen Verkehr zu fliehen und in die Provinz zu fahren. Fachleute halten diese indirekten Wirkungen für das größte Corona-Risiko der Olympischen Spiele. Die Zahl der Infektionen unter den Athleten und den aus dem Ausland angereisten Funktionären und Journalisten ist dagegen mit 198 seit dem 1. Juli relativ gering. 89 von mehr als 39.000 eingereisten olympischen Gästen sind infiziert. Zwei ausländische Olympiateilnehmer liegen im Krankenhaus, sollen aber nicht ernsthaft erkrankt sein.

          Wohl keine Zuschauer bei den Paralympischen Spielen

          Die Olympiateilnehmer werden oft getestet und haben wenig bis gar keinen Kontakt zur Bevölkerung. Tokios Gouverneurin Yuriko Koike verneinte einen Zusammenhang zwischen dem Anstieg der Infektionsfälle und den Olympischen Spielen. Der Anstieg der Fernsehzuschauerzahlen zeige, dass mehr Menschen zu Hause blieben, sagte Koike.

          Vor drei Wochen hatte die Regierung über Tokio und die südliche Insel Okinawa einen Virusnotstand und über die Nachbarpräfekturen verschärfte Antivirusmaßnahmen verhängt. In Japan bedeutet das vor allem, dass Bars und Restaurants keinen Alkohol ausschenken und um 20 Uhr schließen sollen. Diese Regeln werden von fast allen Etablissements eingehalten. Große Kaufhäuser sollen auch schon um 20 Uhr schließen. Die Bevölkerung wird gebeten, möglichst zu Hause zu bleiben. Pandemiemüdigkeit macht sich breit. Mit der Ausweitung und Verlängerung des Virusnotstands rund um Tokio sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass japanische Zuschauer für die am 24. August beginnenden Paralympischen Spiele zugelassen werden. Ausländische Sportfans sind schon ausgeladen.

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