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Tötung von Khashoggi : Kronprinz bin Salman bestreitet Mitwissen

  • Aktualisiert am

Ein Plakat , das im April 2017 den saudischen König Salman (M.), seinen Sohn und heutigen Kronprinzen Mohammed bin Salman (r.) und den damaligen Kronprinzen Mohammed bin Nayef zeigt. Bild: dpa

Das saudische Königshaus bestätigt die Tötung von Jamal Khashoggi und präsentiert eine abenteuerliche Geschichte. Die bislang bekannten Puzzleteile ergeben aber kein schlüssiges Gesamtbild.

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          Jamal Khashoggi war gewarnt, als er ins saudi-arabische Konsulat in Istanbul ging. Freunde rieten ihm ab, sich in den Machtbereich von Kronprinz Mohammed bin Salman zu begeben, vor dem er vergangenes Jahr in die Vereinigten Staaten geflohen war. Doch Khashoggi fühlte sich sicher in der Türkei, zu unwahrscheinlich erschien eine Festnahme oder eine Entführung. Nun hat Saudi-Arabien gestanden, dass der unbequeme Kritiker im Konsulat getötet wurde.

          Die Führung in Riad teilte am frühen Samstagmorgen mit, dass Khashoggi am 2. Oktober während eines Besuchs im Konsulat bei einer „Schlägerei“ mit ungenannten Personen zu Tode gekommen sei. Zudem verkündete sie die Festnahme von 18 Verdächtigen und die Absetzung des Vize-Geheimdienstchefs Ahmad al Assiri und des königlichen Medienberaters Saud al Kahtani.

          Beide gehören zum inneren Zirkel von Kronprinz bin Salman, der verdächtigt wird, den Mord an seinem Kritiker angeordnet zu haben. Zwar bestreitet bin Salman jede Kenntnis von dem Geschehen im Konsulat. Doch wenn seine beiden Vertrauten al Assiri und al Kahtani hinter der Tat stecken, erscheint es fraglich, dass der Kronprinz selbst nicht informiert war.

          Die offizielle Darstellung aus Riad weicht deutlich von den Mutmaßungen ab, welche türkische Stellen geäußert hatte: Demnach wurde der Regierungskritiker von einem saudiarabischen Killer-Kommando gezielt ermordet. Ankara hat bisher noch keine offiziellen Ermittlungsergebnisse vorgelegt, doch veröffentlichen Medien täglich neue schockierende Details aus den Ermittlungen. Sie stützen sich auf türkische Behördenerkenntnisse. Demnach soll Khashoggi gefoltert und  ermordet worden sein.

          Khashoggi war keineswegs ein radikaler Gegner des Königshauses, die Bezeichnung Dissident lehnte der Journalist selber ab. Vielmehr galt er als gemäßigter Kritiker, der die von Kronprinz bin Salman eingeleiteten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Reformen durchaus begrüßte, aber den Mangel an Partizipation und Pressefreiheit kritisierte. Dennoch gab es Gründe dafür, warum die Saudis ihn fürchteten. Warum er der Führung zu gefährlich wurde, lesen Sie hier in der Analyse unseres Nahost-Kenners Rainer Hermann.

          Die Tötung des Kritikers wirft ein grelles Schlaglicht auf die Pressefreiheit unter bin Salman. Auf der dafür relevanten Rangliste von Reporter ohne Grenzen (RSF) steht Saudi-Arabien auf Platz 169 von 180, von einer freien Presse kann keine Rede sein. Der Tod Khashoggis dürfte im Westen die Debatte über den Umgang mit dem Verbündeten in Riad neu befeuern.

          Reaktion im Westen zeigt Dilemma auf

          Auf der einen Seite ist die Empörung über die Tötung des Journalisten im Westen groß. Sie kommt einer Verhöhnung allgemeingültiger Werte und der Verletzung diplomatischer Grundregeln gleich. Auf der anderen Seite gilt Saudi-Arabien als strategischer Partner, der auf vielfältige Weise gebraucht wird: Als Stabilitätsanker im Nahen Osten, als Gegenpol zu Iran, als Garant für die sichere Versorgung der Weltwirtschaft mit Erdöl und finanzkräftiger Investor. Und schließlich auch: Als (ambivalenter) Partner im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus.

          Wie verfahren die Situation ist, lässt sich in den Vereinigten Staaten beispielhaft verfolgen. Das beginnt schon mit dem Lavieren von Donald Trump, dessen erste Auslandsreise als Präsident ihn direkt nach Saudi-Arabien führte. Dort verkündete er stolz den Abschluss eines 100 Milliarden Dollar schweren Rüstungsprojekts. Er zeigte sich mit der abenteuerlichen Erklärung der Saudis schon nahezu zufrieden.

          Die Vereinigten Staaten und Saudi-Arabien verbindet eine regelrechte Waffenbrüderschaft. Nirgendwo kauft Riad mehr Kriegsgüter ein, wie Lorenz Hemicker analysiert. Umgekehrt exportieren auch amerikanische Rüstungsunternehmen die meisten Kriegsgüter dorthin. Saudisches Geld fließt auch in viele andere Bereiche der amerikanischen Wirtschaft, bis ins Silicon Valley. Unser Politik-Redakteur Andreas Ross schreibt in seinem Kommentar: Trump braucht Riad. Ähnlich halten es auch die Unternehmen hierzulande, wie unsere Autoren Rüdiger Köhn und Johannes Pennekamp berichten: Sie halten den Saudis die Treue.

          Dennoch nahm der politische Widerstand zu, seit sich die Hinweise auf eine Ermordung Khashoggis verdichteten. Selbst von Seiten der Republikaner wurden härtere Reaktionen gefordert, was Trump-Getreue dazu veranlasste, eine Schmierenkampagne gegen den saudi-arabischen Journalisten zu starten. Die Demokraten versuchten indes schon, aus Trumps Prahlen im Wahlkampf 2016 mit seinen guten wirtschaftlichen Verbindungen nach Riad Kapital zu schlagen. Sie fordern, dass Trump seine Finanzbeziehungen mit dem saudischen Königshaus offenlegt, wie Frauke Steffens aus New York berichtet.

          Für Saudi-Arabien wird die Lage nach dem Eingeständnis der Tötung, die das Königshaus in der Nacht von Freitag auf Samstag gegen ein Uhr morgens Ortszeit veröffentlichte, immer schwieriger. Es ist kaum anzunehmen, dass die nun präsentierten Verdächtigen ohne Wissen des Kronprinzen gehandelt haben. Vielmehr macht es den Anschein, als ob das saudische Königshaus der Weltöffentlichkeit ein Märchen aus 1001 Nacht präsentiere. Schon Anfang der Woche schrieb Rainer Hermann in seiner Analyse: Der internationale Druck im Fall Khashoggi könnte das Machtgleichgewicht in der Region zu Ungunsten von Saudi-Arabien verschieben. Das gilt heute mehr als je zuvor.

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