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Todesstrafe auf Bewährung : Immer neue Merkwürdigkeiten aus Chonqing

  • -Aktualisiert am

Gu Kailai und ihr mitangeklagter Hausdiener Zhang Xiaojun werden zur Urteilsverkündung in den Gerichtssaal gebracht Bild: Reuters

Todesstrafe auf Bewährung - das ist nicht unüblich in China. Aber sonst war nichts normal an dem Verfahren gegen die Funktionärsgattin Gu Kailai.

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          „Ein kaltblütig geplanter Mord, und dann keine Todesstrafe? Man muss nur mit einem hohen Parteifunktionär verwandt sein, um in China der Strafe zu entgehen“. In diesem Sinn kommentierten chinesische Internet-Nutzer am Montag das Urteil im Mordprozess gegen Gu Kailai, die Ehefrau des ehemaligen Politbüromitglieds Bo Xilai. Dabei war das Strafmaß vielleicht noch die kleinste Merkwürdigkeit in diesem Prozess, der wegen seiner politischen Wirkung China und die Welt beschäftigt.

          Das Mittlere Volksgericht in der chinesischen Stadt Hefei befand am Montag Gu Kailai für schuldig, im November vergangenen Jahres den britischen Geschäftsmann Neil Heywood in Chongqing vergiftet zu haben. Es verurteilte die 53 Jahre alte Juristin zu einer Todesstrafe mit zweijähriger Bewährung. Das bedeutet in China, dass die Strafe bei guter Führung in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt wird. Der mitangeklagte Zhang Xiaojun wurde zu einer Haftstrafe von neun Jahren verurteilt.

          Prozess vor handverlesenem Publikum

          Die Verhandlung gegen die beiden hatte am 9. August nur wenige Stunden gedauert. Ausländische Journalisten waren nicht zugelassen. Die handverlesenen Beobachter, darunter auch zwei britische Botschaftsangehörige, durften während der Verhandlung keine Aufzeichnungen machen. Somit gibt es über den Prozess nur einen offiziellen Bericht der Nachrichtenagentur Xinhua und einige Gedächtnisaufzeichnungen, die Zuhörer im Internet veröffentlicht haben.

          Xinhua hat das Bild einer aufwendigen Ermittlung und eines nach chinesischen Maßstäben korrekten Verfahrens gezeichnet. 400 Zeugen seien vernommen und mehr als 200 Dokumente ausgewertet worden, hieß es. Trotzdem bleiben so viele wichtige Fragen offen, dass eindeutig erscheint, dass hier politische Einflussnahme am Werk war, damit bestimmt Fragen nicht zur Sprache kamen.

          Email liefert Tatmotiv

          Frau Gus Ehemann, Bo Xilai, der in der Stadt des Mordes allmächtiger Parteichef war und im April seiner Ämter „wegen Verstößen gegen die Parteidisziplin“ enthoben wurde, wird mit keinem Wort erwähnt. Wäre da nicht die ungewöhnliche Tatsache, dass Frau Gu in allen offiziellen Berichten auch mit dem Familiennamen ihres Mannes, mit dem Doppelnamen Bo-Gu bezeichnet wird, was in China nicht üblich ist, könnte man leicht vergessen, dass es sich hier um eine Skandalgeschichte aus der Führungselite des Landes handelt.

          Nach der offiziellen Darstellung während der Verhandlung stellt sich der Tathergang so dar: Gu Kailai und der ermordete Neil Heywood waren Geschäftspartner, die sich seit Jahren kannten. Als Heywood von Frau Gu 22 Millionen Dollar forderte, die sein Anteil in einem gemeinsamen Geschäft waren, und diese nicht zahlen wollte, habe er den Sohn von Gu Kailai und Bo Xilai, Bo Guagua, per Email bedroht. Die Email wurde im Gericht in englischer Sprache mit chinesischer Übersetzung vorgelegt. Heywood drohte demnach, er werde Bo Guagua „vernichten“.

          Mordpläne aus Sorge um den Sohn?

          Gu Kailai sei aus Sorge um ihren Sohn in Panik geraten. Zunächst habe sie zusammen mit dem Polizeichef von Chongqing, Wang Lijun, geplant, Heywood zu erschießen. Es sollte so aussehen, als sei Heywood bei einer Drogenrazzia ums Leben gekommen. Nachdem Wang Lijun sich von diesem Plan zurückgezogen habe, habe Frau Gu den Giftmord geplant.

          Sie beauftragte demnach den mitangeklagten Zhang Xiaojun, Heywood „zu einem Gespräch“ nach Chongqing zu holen. Zhang Xiaojun brachte Heywood in das Hotel „Lucky Holiday“, wo Frau Gu ihn besuchte und mit ihm Whisky trank . Als Heywood betrunken war, sich erbrach und um Wasser bat, flößte ihm Frau Gu einen Gifttrank ein, den Zhang Xiaojun besorgt hatte und in das Zimmer brachte. Als Heywood tot war, verließen die beiden das Hotelzimmer, hängten das Zeichen „bitte nicht stören“ an die Tür. Die Leiche wurde erst zwei Tage später gefunden.

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