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Tod von Milizenführer Godane : Der Machiavelli der somalischen Dschihadisten

Ein Panzer der ugandischen Amisom-Truppen durchquert die Stadt Bulamareer Bild: Reuters

Der Tod ihres Anführers Ahmed Abdi Godane trifft die islamistische Miliz al Shabaab hart. Das amerikanische Verteidigungsministerium spricht von einem „großen symbolischen Verlust“ für die Dschihadisten in Somalia.

          Der „Machiavelli“ der somalischen Dschihadisten ist tot. So jedenfalls wurde Ahmed Abdi aw-Muhammad „Godane“ (so sein Rufname) von Hassan Dahir Aweys genannt. Der hatte in den vergangenen Jahrzehnten des somalischen Bürgerkriegs selbst zahlreiche Rebellentruppen geführt und sich der islamistischen Miliz al Shabaab 2006 angeschlossen. Diesen Schritt dürfte er spätestens 2013 bereut haben, als er von Godane unter Hausarrest gestellt wurde, weil der die Macht nicht teilen wollte.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Am Freitag gaben die Vereinigten Staaten offiziell den Tod Godanes bekannt. Am Montag soll der Shabaab-Führer mit von Drohnen abgefeuerten Raketen und lasergelenkten Bomben bei einem Treffen mit anderen Kommandeuren der Terrorgruppe im südsomalischen Barawe getötet worden sein. Ein Sprecher des amerikanischen Verteidigungsministeriums nannte den Tod Godanes einen „großen symbolischen und operationellen Verlust“ für al Shabaab.

          Mögliche Zersplitterung der Miliz

          Doch ob die Terrorgruppe damit vor dem Ende steht, ist fraglich: Im Jahr 2008 wurde schon einmal ein Shabaab-Führer, Aden Hashi „Ayro“, von amerikanischen Raketen getötet. Nun dürfte es auch seinen Nachfolger getroffen haben. Allerdings ist möglich, dass Godanes Tod eine Zersplitterung von al Shabaab nach sich ziehen könnte. Denn die Miliz ist immer auch eine Ansammlung von über Clanzugehörigkeiten organisierter Gruppen gewesen.

          Godane kam nicht wie ein großer Teil der Shabaab-Führung aus Zentralsomalia, sondern aus dem nördlichen Hargeisa im heutigen Somaliland. Er soll in Pakistan studiert haben und in den 1990er Jahren von dort aus zusammen mit anderen Islamisten nach Afghanistan in den Kampf gezogen sein, bis er 2001 nach Somalia zurückkehrte.

          Ahmed Abdi aw-Muhammed, genannt „Godane“, ist tot

          Aus dem eher schwach ausgerüsteten militärischen Arm der „Union der Schariagerichte“ (die zeitweise von Awyes geführt, vor knapp zehn Jahren für eine der wenigen kurzen relativen Friedensphasen sorgte), machte Godane eine schlagkräftige Terrorgruppe. In den sechs Jahren seiner Herrschaft kontrollierte al Shabaab fast die Hälfte Somalias inklusive großer Teile der Hauptstadt Mogadischu. Im Februar 2012 verbündete Godane al Shabaab offiziell mit al Qaida.

          In Godanes Herrschaft fällt auch die Ausweitung des Terrors auf die Nachbarländer: 2010 wurden bei zwei Selbstmordanschlägen in Uganda 70 Menschen getötet. Den Anschlag auf das Westgate-Einkaufszentrum in der kenianischen Hauptstadt Nairobi mit 67 Toten im September 2013, für den Godane die Verantwortung übernahm, bezeichnete der Shabaab-Führer als Vergeltungsschlag für den Einsatz kenianischer Truppen in Somalia.

          Godane erreichte einerseits die wohl größte Machtkonzentration in der Geschichte von al Shabaab. Andererseits fällt in seine Herrschaft auch eine der größten Hungersnöte in der von ihm kontrollierten Region – Hilfslieferungen ließ er stoppen oder plündern. Zudem schaffte es die vor allem von der Europäischen Union bezahlte Friedenstruppe Amisom der Afrikanischen Union, al Shabaab aus Mogadischu zu vertreiben. Insbesondere der Verlust der Häfen von Mogadischu und Kismayu, über den al Shabaab den lukrativen Holzkohlehandel der Region kontrollierte, schwächte die Terrormiliz. In diesem Zusammenhang könnte Godanes Bündnis mit al Qaida 2012 als eine Art propagandistischer Befreiungsschlag interpretiert werden.

          Unklarheiten über möglichen Nachfolger

          Doch das Bündnis mit al Qaida, die zunehmende Rekrutierung ausländischer Kämpfer und der Erfolg der vor allem aus ugandischen und kenianischen Soldaten bestehenden Amisom-Truppe, verstärkte die Kritik an Godane auch innerhalb der Shabaab-Führung. Als die damaligen Mitglieder der Shabaab-Führungsriege Hassan Dahir Aweys, Ibrahim Haji Me’ad al Afghani und Omar Hammami die Wiedereinführung eines Shura-Rates forderten, ließ Godane Me’ad und Hammami ermorden und Aweys unter Arrest stellen.

          Einen designierten Nachfolger Godanes gebe es demzufolge nicht, schreibt der somalische Journalist Abdi Aynte. Der Tod Godanes könne deshalb ein Zerfallen der Gruppe in verschiedene Milizen zufolge haben. Anderen Angaben zufolge gilt indes der sogenannte Geheimdienstchef von al Shabaab, Mahad Warsame Karate, als ein möglicher Nachfolger Godanes.

          Noch hat al Shabaab den Tod ihres angeblich erst rund 40 Jahre alten Führers nicht offiziell bekannt gegeben. Nach Angaben der Nachrichtenagentur AP soll ein Shabaab-Sprecher indes zumindest bestätigt haben, dass Godane in einem von zwei Fahrzeuge saß, die von den Amerikanern getroffen worden seien.

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