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Anschlag auf Kim Jong-nam : Giftmord in der Wartehalle

Jong-nam galt als Kritiker und Rivale Kim Jong-uns

Das einstweilen spekulative Szenario, dass Kim Jong-un seinen gut zehn Jahre älteren Halbbruder hat umbringen lassen, erscheint plausibel. Im Falle einer Revolte gegen den nordkoreanischen Herrscher hätten etwaige Putschisten theoretisch auf ihn zurückgreifen können. Denn Kim Jong-nam hatte schon früher als designierter Nachfolger seines Vaters gegolten, bis er im Jahr 2001 beim Versuch, mit einem gefälschten Pass in Japan einzureisen, festgenommen worden war. Als Grund für die Reise hatte er angegeben, seinem Sohn Disneyland zeigen zu wollen. In der Folge war er bei seinem Vater Kim Jong-il in Ungnade gefallen. Aus dem chinesischen Exil heraus hatte er mehrfach Kritik an der dynastischen Erbfolge geäußert.

Unter den Mitgliedern der offiziell vergötterten Herrscherfamilie gibt es seit langem heftige Machtkämpfe. Nur einen Mord hatte es, soweit man weiß, bisher nicht gegeben. Viele der Streitigkeiten sind darauf zurückzuführen, dass die Herrscher der Kim-Dynastie Kinder mit mehreren Frauen hatten. Das galt besonders für den Vater des jetzigen Führers, Kim Jong-il. Er hatte mit vier Frauen insgesamt sieben Kinder. Der jetzt getötete Kim Jong-nam war der älteste Sohn des Herrschers. Er wurde 1971 geboren. Kim Jong-nams Mutter war verheiratet, als sie Kim Jong-il kennenlernte. Sie wird in einigen Quellen als Ehefrau, in anderen dagegen als Mätresse Kim Jong-ils bezeichnet. Die Frau starb 2002, nachdem sie zuvor ins Exil verabschiedet worden war. Kim Jong-nam lebte, wie später auch der jetzige Herrscher Kim Jong-un, zeitweise in der Schweiz.

Vermutlich vergiftet : Halbbruder des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong-un ist tot

Zur Mutter der Dynastie wurde die dritte Frau Kim Jong-ils, Ko Yong-hui. Sie war dem Herrscher als Tänzerin im auch heute noch berühmten Mansudae-Ensemble aufgefallen. Ko gebar Kim Jong-un als ihren zweiten Sohn, vermutlich 1983. Auch Kim Jong-uns jüngere Schwester Kim Yo-jong entstammt der Verbindung Kim Jong-ils mit Ko Yong-hui. Sie ist heute Propagandachefin des Regimes und so etwas wie die Bürochefin ihres Bruders. Die Position dieses Zweiges der Familie wurde nicht zuletzt dadurch gestärkt, dass sich Ko Yong-hui gut mit Kim Jong-ils Schwester verstand. Kim Kyong-hui, Jahrgang 1946, war mit dem 2013 hingerichteten Jang Song-thaek verheiratet. Die Mutter des mächtigen Geschwisterpaares starb 2004 in Frankreich, wohin sie zur medizinischen Behandlung gereist war.

Nachdem klar war, welcher Zweig der Familie das „Rennen“ um die Nachfolge im Herrscheramt machen würde, standen noch zwei Söhne Kim Jong-ils zur Auswahl. Der ältere von beiden zeigte aber offenbar kein nennenswertes Interesse für Politik, so dass die Wahl schließlich auf den jungen Kim Jong-un fiel. Über dessen Herrschaft lässt sich nach gut fünf Jahren sagen, dass er keine Skrupel kennt, wenn es um die Bewahrung seiner Position geht. Die Hinrichtung seines Onkels Jang Song-thaek war ein erstes Zeichen. Falls er jetzt die Ermordung seines Halbbruders angeordnet haben sollte, wäre dies ein weiteres eindeutiges Signal an die Elite. In jüngster Zeit häufen sich die Spekulationen, der junge Herrscher habe solche Signale bitter nötig. Was von solchen Berichten zu halten ist, lässt sich sehr schwer nachprüfen. Zumindest aber scheint die südkoreanische Regierung zu glauben, dass das Regime im Norden nicht annähernd so stabil ist wie die Propaganda es darstellt.

So fällt zum Beispiel auf, dass Kim Jong-un seit Amtsantritt sein Land noch nicht für einen Tag verlassen hat. Ein naheliegendes Besuchsziel wäre China, das ein unmittelbares Interesse am Überleben Nordkoreas als Staat hat. Aber die Beziehungen könnten besser sein. Vor allem aber könnten sie sich jetzt verschlechtern, denn der getötete Kim Jong-nam hatte gute Beziehungen in die Volksrepublik, angeblich unter anderem zur Familie des ehemaligen Staats- und Parteichefs Jiang Zemin. Wenn es stimmt, dass der Getötete sozusagen unter „chinesischem Schutz“ stand, könnte Kim Jong-un seinen Mordbefehl, wenn er ihn denn gegeben hat, noch bitter bereuen.

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