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Tod von Jo Cox : Risikoberuf Politiker

  • -Aktualisiert am

Die britische Labour-Abgeordnete Jo Cox starb am Donnerstag nach einem Angriff in ihrem Wahlkreis Bild: dpa

Der Tod von Jo Cox steht in einer traurigen Tradition von Gewalt an Politikern, seien sie prominent oder unbekannt. Ihr Dilemma: Mehr Sicherheit widerspricht dem Wunsch nach Volksnähe.

          Der Wahlkampf ist für Politiker lebensgefährliches Terrain. Einen Tag vor der Oberbürgermeisterwahl stand die parteilose Kandidatin Henriette Reker am 17. Oktober 2015 auf einem Wochenmarkt in Köln-Braunsfeld an einem Wahlkampfstand, als sie von Frank S. in den Hals gestochen wurde. Der 44 Jahre alte, arbeitslose Täter mit Verbindungen ins rechtsextreme Milieu wollte seine Unzufriedenheit mit der Asylpolitik Rekers zum Ausdruck bringen. Die Politikerin überlebte schwer verletzt.

          Vor der Oberbürgermeisterwahl in Köln stach ein 44 Jahre alter Mann der parteilose Kandidatin Henriette Reker in den Hals. Die Politikerin überlebte schwer verletzt.

          Die britische Labour-Abgeordnete Jo Cox, die gestern ihren Verletzungen erlag, hatte weniger Glück. Auch sie befand sich mitten im Wahlkampf. Sie trommelte lautstark für ein „Remain“-Votum beim  Brexit-Referendum nächste Woche. Am Donnerstag wurde sie nach einer Bürgersprechstunde in ihrem Wahlkreis niedergeschossen. Das Motiv des mutmaßlichen Täters Thomas Mair ist noch nicht abschließend geklärt, Augenzeugen berichten allerdings, er habe während der Tat „Großbritannien zuerst“ gerufen. Der „Alleingänger“, wie ihn Nachbarn beschrieben, war außerdem lange Zeit in psychiatrischer Behandlung.

          Henriette Reker und Jo Cox sind die zwei jüngsten Beispiele einer langen Geschichte der Gewalt an prominenten Politikern. Gabrielle Giffords, Anna Lindh, Pim Fortuyn, Wolfgang Schäuble, Oskar Lafontaine, Olof Palme – die Liste von tödlichen oder lebensgefährlichen Angriffen ließe sich noch weiter in die Vergangenheit fortsetzen. Manchmal ist die Gewalt, wie im Fall von Reker, politisch oder ideologisch motiviert. Oft kommt eine psychische Erkrankung des Täters hinzu, wie sich im Fall von Cox vermuten lässt.

          Viele Täter sind psychisch krank

          Bei einigen Fällen ist es die psychische Verfassung allein, die den Täter zur Tat treibt. Im April 1990, es war Bundestagswahlkampf, wurde der damalige SPD-Vorsitzende Oskar Lafontaine bei einem Auftritt in Köln von einer schizophrenen Arzthelferin mit einem Messer lebensgefährlich verletzt. Die Täterin wollte nach eigener Aussage durch ihre Tat auf „unterirdische Menschentötungsfabriken“ aufmerksam machen.

          1990 schießt ein Attentäter auf Wolfgang Schäuble – der heutige Finanzminister sitzt seitdem im Rollstuhl.

          Wenig später traf es Wolfgang Schäuble: Nach einem Wahlkampfauftritt im Herbst des selben Jahres schoss ein Attentäter aus nächster Nähe dem CDU-Politiker zwei Mal in Rückenmark und Kiefer, seitdem sitzt Schäuble im Rollstuhl. Als Motiv gab der Täter später an, deutsche Bürger würden durch den bundesdeutschen Staat bedroht und mit „elektrischen Wellen“ und „Lauttechnik“ gefoltert.

          Am 10. September 2003 war die damalige schwedische Außenministerin Anna Lindh ohne Bodyguards in einem Einkaufszentrum unterwegs, als sie von dem 25 Jahre alten Mijailo Mijailović mit einem Messer angegriffen wurde und später an ihren Verletzungen starb. Innere Stimmen hätten ihm die Tat befohlen, behauptete der Täter. Ein ursprünglich angenommenes politisches Motiv wurde später ausgeschlossen.

          Die Ermordung des niederländischen Rechtspopulisten Pim Fortuyn hingegen war eindeutig politisch motiviert. Neun Tage vor den Parlamentswahlen wurde der Rechtspopulist am 6. Mai 2002 von einem Tierrechtsaktivisten erschossen, der Fortuyn daran hindern wollte, Muslime als „Sündenböcke“ rhetorisch auszubeuten.

          Der amerikanischen Demokratin Gabrielle Giffords wurde 2011 bei einer öffentlichen Bürgerfragestunde in den Kopf geschossen, sie überlebte schwer verletzt – unser Bild zeigt sie ein Jahr nach dem Attentat.

          In manchen Fällen ist das Tatmotiv ungeklärt geblieben, so zum Beispiel bei dem Angriff auf die amerikanische Demokratin Gabrielle Giffords. 2011 wurde die mit 36 Jahren jüngste Kongressabgeordnete bei einer öffentlichen Bürgerfragestunde in Tucson vom Jared Lee Loughner in den Kopf geschossen und überlebte schwer verletzt. Verbindungen des Täters ins rechtsextreme Milieu wurden vermutet, konnten jedoch nie nachgewiesen worden.

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