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Tod Rugova : Wer stirbt schon zur rechten Zeit?

Rugovas aufgebahrter Sarg Bild: AP

Die Kosovo-Albaner erweisen ihrem verstorbenen Präsidenten Rugova gefaßt die letzte Ehre, es kommt nicht zu theatralischen Szenen vor dem Sarg. Es herrscht Ernst, nicht tiefe Trauer. Das Kosovo nimmt Abschied, das Leben geht weiter.

          3 Min.

          Mozart hat Einzug gehalten in Prishtina. In den Cafes und Restaurants der Hauptstadt des Kosovos, wo sonst Balkanpop oder MTV-Rhythmen wummern, ist nun sein Requiem zu hören. Das wird so bleiben bis zum Donnerstag, wenn das Kosovo endgültig Abschied nimmt von Ibrahim Rugova nimmt.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Der am Samstag verstorbene Präsident war mehr als nur das politische Oberhaupt eines um staatliche Anerkennung ringenden Gebietes im Südosten Europas.

          Rituale schwinden in Wellen

          Das kosovarische Fernsehen überträgt direkt aus dem Parlamentsgebäude, wo der Sarg aufgebahrt ist. Den ganzen Tag über ziehen Kondolenzbesucher an dem Katafalk vorüber. Der Sarg war zuvor aus der „Residenz“, wie man Rugovas Villa im Stadtteil Velania hier nennt, in die Volksvertretung übergeführt worden. Manche derer, die ins Parlament gekommen sind, verbeugen sich kurz, einige legen dabei die rechte Hand aufs Herz, andere halten nur kurz inne. Uniformierte der inoffiziellen kosovarischen Armee nehmen ihre Mützen ab und grüßen soldatisch.

          Hunderte Kosovo-Albaner warten bei Schnee und Kälte, um Abschied nehmen zu dürfen
          Hunderte Kosovo-Albaner warten bei Schnee und Kälte, um Abschied nehmen zu dürfen : Bild: AP

          Eine Frau wischt sich noch rasch Schneeflocken aus dem Haar, bevor sie zum letzten und vielleicht ersten Mal vor ihren Präsidenten tritt. Die meisten Eintretenden orientieren sich an den Gesten derer vor ihnen, deshalb kommen und schwinden die Rituale in Wellen. Manchmal legt einer nicht die Hand aufs Herz und verbeugt sich nur, dann tun es ihm die neu Eintretenden nach, weil sie wohl meinen, so und nicht anders gehöre es sich. Erst einige Minuten später, wenn wieder jemand die Hand auf sein Herz legt, bürgert sich die Geste von neuem ein.

          Nicht nur ein privater Moment

          Mindestens eine Stunde haben die Leute draußen in Kälte und Schneetreiben gewartet, um dann kaum zwei Sekunden ihrem Präsidenten die letzte Aufwartung zu machen. Doch im Hier und Jetzt bleibt selbst in diesem Moment eine Hierarchie, denn die Großen und Berühmten der Provinz verharren länger vor dem Sarg, sie legen Kränze nieder, manche verneigen sich tief. Die Politiker wissen, daß dies für sie nicht nur ein privater Moment ist, denn die Kameras halten ihren Abschied von dem berühmtesten albanischen Politiker für die Archive fest.

          Eine zu kurze Verbeugung, mangelnder Ernst im Gesicht - wer weiß denn, wie das später ausgelegt werden wird vom politischen Gegner, mögen sie sich denken. Der Minister für öffentliche Dienste, der 36 Jahre junge Lutfi Haziri, legt einen Blumenstrauß nieder. Er gilt als einer der Favoriten im Ringen um die Nachfolge Rugovas an der Spitze der Demokratischen Liga, der größten Partei des Kosovos, deren unangreifbarer Führer Rugova war. Der vom Haager Tribunal als Kriegsverbrecher angeklagte frühere Ministerpräsident Ramush Haradinaj, einst ein Rivale Rugovas, war schon vor Haziri da.

          Keine theatralischen Szenen

          In der langen Warteschlange vor dem Parlament ist die Stimmung keineswegs ängstlich oder fassungslos, so wie es in Serbien nach dem Tode von Zoran Djindjic im März 2003 der Fall war oder in Mazedonien im Februar 2004, als um Präsident Boris Trajkovski getrauert wurde. Djindjic wurde am hellichten Tage mitten in Belgrad erschossen, Trajkovski kam bei einem Flugzeugabsturz ums Leben, doch mit dem Tode Rugovas mußte seit Wochen stündlich gerechnet werden.

          So erweisen die Kosovo-Albaner Rugova nun gefaßt ihre letzte Ehre, es kommt nicht zu theatralischen Szenen vor dem Sarg. Das Kosovo nimmt Abschied, das Leben geht weiter. Polizisten bemühen sich, Ordnung in die Reihen zu bringen und Vordrängler abzuweisen.

          Ernst, aber keine tiefe Trauer

          Seit den frühen Vormittagsstunden kommen immer mehr Trauerbesucher aus anderen Städten der Provinz, sicherlich sind auch Leute aus Albanien, Südserbien und Mazedonien angereist. Die Menschenmenge jedenfalls wächst von Minute zu Minute, schon gegen Mittag endet sie erst einige hundert Meter vom Parlamentsgebäude entfernt, zwischen dem Buchladen Rilindja (Wiedergeburt) und dem Hotel Iliria. Dort im Hotel gibt es zwei große Säle, den einen hat die Polizei als Lagezentrum eingerichtet, in dem anderen wärmen sich die Wartenden auf oder jene, die schon ihre Aufwartung gemacht haben.

          Der Saal ist eine Mischung aus Jugendherberge und sozialistisch-realistischer Grandezza, dominiert von rosafarbenen Säulen unter einer hohen Decke, unter der Kellner in weinroten Livreen bedienen. An den meisten Tischen herrscht Ernst, doch nicht tiefe Trauer. Der Präsident sei in einem schwierigen Moment gestorben, ausgerechnet jetzt, wo in Wien die Verhandlungen über die Unabhängigkeit beginnen sollen, ist von vielen Leuten zu hören. Doch wer stirbt schon zur rechten Zeit?

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