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Tod des pakistanischen Taliban-Anführers : Tötete Amerika den Friedensprozess?

Die pakistanische Regierung kritisierte Amerika scharf: „Dieser Angriff ist der Versuch, Pakistans Friedensverhandlungen mit den Taliban zu sabotieren“ Bild: dpa

Nach dem Tod eines Taliban-Anführers kritisiert die pakistanische Regierung Amerika scharf. In der Vergangenheit spielte Islamabad ein doppeltes Spiel, wenn es amerikanische Drohnenangriffe öffentlich verurteilte, die es insgeheim mittrug und zum Teil sogar aktiv unterstützte.

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          Hakimullah Mehsud soll für den Tod von Dutzenden amerikanischen Soldaten und Tausenden pakistanischen Polizisten, Soldaten und Zivilisten verantwortlich sein. Er galt als einer der gefürchtetsten Extremisten des Landes. Doch als am Freitagabend die Nachricht durchsickerte, dass der Anführer der pakistanischen Taliban bei einem amerikanischen Drohnenangriff in Nordwasiristan getötet worden sei, gab es weder Jubel noch Genugtuung in Islamabad. Stattdessen protestierte die pakistanische Regierung scharf: „Dieser Angriff ist der Versuch, Pakistans Friedensverhandlungen mit den Taliban zu sabotieren“, teilte Innenminister Chaudhry Nisar Ali Khan mit. Dabei sei nicht nur „ein Mann ermordet worden, sondern der Frieden in dieser Region“.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Nun werde „jeder Aspekt“ der Beziehungen zu Amerika überprüft, sagte der Innenminister. Die Regierung bestellte noch am Samstag den amerikanischen Botschafter Richard G. Olson ein. Zudem drohte die Provinzregierung von Khyber Pakhtunkhwa damit, die Versorgungs- und Abzugsroute der Nato nach Afghanistan zu blockieren. Das würde die Kosten für den Abzug amerikanischer Truppen vom Hindukusch immens in die Höhe treiben und das Verhältnis beider Länder abermals schwer belasten. Zuletzt war die Route 2011 für mehrere Monate unterbrochen worden, nachdem ein amerikanisches Spezialkommando den Al-Qaida-Führer Usama Bin Ladin ohne Absprache mit Pakistan in der Garnisonsstadt Abbottabad getötet hatte.

          Angst vor zunehmenden Anschlägen in anderen Gebieten

          Grund für den jüngsten Ärger in Islamabad war vor allem der Zeitpunkt des Drohnenangriffs, bei dem am Freitag neben Mehsud vier weitere Taliban getötet wurden. Denn am Samstag sollte eine dreiköpfige Delegation aus Islamabad in die Unruheregion Nordwasiristan reisen, um Gespräche mit den Taliban aufzunehmen. Es sollte der erste Schritt zu einem potentiellen Friedensprozess sein, auf den sich eine Allparteien-Konferenz in Islamabad verständigt hatte.

          Innenminister Chaudhry Nisar Ali Khan veruteilt den amerikanischen Drohnenangriff zutiefst

          Mehsud selbst hatte in Interviews seine Bereitschaft zu solchen Gesprächen erklärt. Und Ministerpräsident Nawaz Sharif hatte die Verhandlungen zu einem zentralen Bestandteil seiner neuen Anti-Terror-Strategie erklärt. Vor militärischen Operationen in Nordwasiristan, wie sie seit langem von Washington gefordert werden, war die Armee aus Angst vor den erwarteten immensen Verlusten zurückgeschreckt. Zudem wird befürchtet, dass ein militärisches Vorgehen in der Region zu einer Zunahme von Anschlägen in anderen Gebieten des Landes führen würde. Doch wird bezweifelt, dass die geplanten Gespräche in absehbarer Zeit Frieden bringen könnten. In der Vergangenheit hatten die Taliban solche Gespräche eher genutzt, um sich zu reorganisieren. Washington erklärte am Samstag mit Blick auf die Kritik aus Islamabad, die Gespräche seien allein Angelegenheit Pakistans.

          Islamabad spielte ein doppeltes Spiel

          Der Raketenangriff am Freitag erfolgte zudem wenige Tage, nachdem sich Ministerpräsident Sharif bei Präsident Barack Obama vergeblich für ein Ende des amerikanischen Drohnenprogramms in Pakistan eingesetzt hatte. Vergangene Woche schien sich Islamabad dann zur Überraschung vieler auf Washington zuzubewegen, als es bekanntgab, dass seit 2011 kein Zivilist mehr durch Drohnen getötet worden sei und die Zahl der seit 2008 getöteten Zivilisten mit 67 angab – deutlich niedriger, als in der Vergangenheit. Bei Sharifs Besuch in Washington war davon die Rede, die Beziehungen beider Länder auf eine neue Grundlage zu stellen. Der Tod Mehsuds könnte nun zu neuen Spannungen führen. Nicht auszuschließen ist allerdings auch, dass Teile der Armee oder der Regierung über den Angriff informiert waren. Zumindest in der Vergangenheit, das belegen Dokumente, spielte Islamabad bisweilen ein doppeltes Spiel, wenn es amerikanische Drohnenangriffe öffentlich verurteilte, die es insgeheim mittrug und zum Teil sogar aktiv unterstützte.

          2008: Hakimullah Mehsud

          Ein Führungsgremium der pakistanischen Taliban trat noch am Samstag zusammen, um einen Nachfolger für Hakimullah Mehsud zu bestimmen. Laut Medienberichten standen dabei vier Kandidaten zur Auswahl. Als aussichtsreichster Anwärter galt der Talibankommandeur Khan Said, Kampfname Sajna, der ein Rivale von Hakimullah Mehsud gewesen sein soll.

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