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Tod des Bloggers Chaled Said : Ein Mord als fahrlässige Tötung

Chaled Said Bild: Archiv

Das milde Urteil gegen die zwei Polizisten, die den Blogger Chaled Said zu Tode geprügelt haben, ruft in Ägypten Empörung hervor. Sein Tod war ein Fanal.

          2 Min.

          Der Tod des Bloggers Chaled Said am 6. Juni 2010 war der Funke, der zu jenem Flächenbrand unter der ägyptischen Jugend führte, der Anfang dieses Jahres in den Sturz von Präsident Mubarak mündete. Zwei Polizisten hatten den jungen Mann an jenem Tag auf offener Straße in Alexandria zu Tode geprügelt: Sie rammten den Kopf von Chaled Said so lange gegen eine Mauer und Treppenstufen, bis sein Körper regungslos liegen blieb.

          Rainer Hermann
          Redakteur in der Politik.

          Die Aufnahmen des blutüberströmten und schwer zugerichteten Körpers von Chaled Said lösten in den Tagen nach seinem Tod die bis dahin größten ungenehmigten Proteste im modernen Ägypten aus, und der Friedensnobelpreisträger Muhammad El Baradei stellte sich an ihre Spitze. Die von dem Blogger Wael Ghonim eingerichtete Facebookseite „Wir sind alle Chaled Said“ hatte mit mehr als 300.000 Anhängern einen maßgeblichen Anteil an der Mobilisierung der ägyptischen Jugend in der Revolution Anfang dieses Jahres.

          „Wir befinden uns in einem Kampf“

          Nun sind die beiden Polizisten, die den Blogger zu Tode geprügelt haben, verurteilt worden - und die milden Strafen rufen in Ägypten Empörung hervor. Der Richter des Gerichts in Alexandria, Musa al Nahrawi, befand, je sieben Jahre Gefängnis seien für diese Tat angemessen. Die bekannte ägyptische Menschenrechtlerin Mona Seif wunderte sich, dass ägyptische Militärgerichte dasselbe Strafmaß gegen Aktivisten wegen illegalen Waffenbesitzes verhängten, und ein Aktivist twitterte, Chaled habe der Revolution geholfen, die Revolution aber nicht Chaled. Hoffnung verbreitete nur Wael Ghonim: „Wir befinden uns in einem Kampf“, schrieb er. Das Recht Chaleds und jedes Ägypters werde kommen.

          Noch fühlen sich viele Ägypter um ihr Recht betrogen, denn die beiden Polizisten Mahmud Salah und Awwad Sulaiman wurden lediglich der fahrlässigen Tötung für schuldig befunden, nicht aber des Mordes. Dabei war Chaled Said vor den Augen von mehr als hundert Zeugen getötet worden. Die beiden Polizisten hatten ihn an jenem 6. Juni aus dem Internetcafé „Cleopatra“ gezerrt, als er Videos von Folterszenen aus ägyptischen Polizeistationen und eine Sequenz ins Internet stellte, die zwei Polizisten zeigte, wie sie eine Rauschgiftbeute unter sich aufteilten. Nach dem Tod von Chaled Said hatte die Polizei zunächst behauptet, er sei Drogenhändler gewesen, gestorben sei er an einem Beutel Marihuana, den er vor Schrecken geschluckt habe, als er die Polizisten gesehen habe. Am 24. September hatte aber ein Gerichtsmediziner vor dem Gericht, das die Öffentlichkeit ausgeschlossen hatte, ausgesagt, der Beutel sei dem schon toten Jungen in den Mund geschoben worden.

          Die Enttäuschung war groß

          Die Angehörigen von Chaled Said hatten Hoffnung auf ein gerechtes Urteil geschöpft, als das Gericht im Juni eine angesetzte Urteilsverkündung verschob, um gerichtsmedizinische Beweisstücke, die die Polizisten zunächst entlastet hatten, nochmals auswerten zu lassen. Das Verfahren nahm vom 24. September an aber keinen neuen Lauf. Groß war daher die Enttäuschung, als Richter Nahrawi nun sein Strafmaß bekanntgab. Die Mutter des getöteten Bloggers war wie durch einen Schock gelähmt. Die beiden könnten ja in drei Jahren wieder auf freiem Fuß sein, schluchzte sie.

          Dann zogen sich die Sicherheitskräfte aus dem Gerichtssaal zurück, und die Angehörigen der beiden Polizisten fielen aus Zorn über die nach ihrer Ansicht noch zu hohe Strafe zunächst über die Holzstühle her und zertrümmerten sie, um dann auf den Anwalt Hafiz Abu Saada und die Angehörigen Saids herzufallen. Das milde Urteil gegen die Polizisten fügt sich in eine lange Reihe weiterer Enttäuschungen der jungen Aktivisten ein. Erst Anfang der Woche hatten die Militärherrscher angeordnet, den bekannten Blogger Maikel Nabil, der das Militär kritisiert hatte, in eine psychiatrische Anstalt einzuliefern.

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