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Tirol will Aufklärung : Der Filz von Ischgl

Hotspot: Das „Kitzloch“ in Ischgl Bild: AFP

Von Tirol aus wurde das Coronavirus über Europa verteilt. Nach heftiger Kritik lässt die Landesregierung ihr Krisenmanagement untersuchen – und die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen der mutmaßlichen Vertuschung eines Infektionsfalls.

          2 Min.

          Tirol hat in Sachen Coronavirus in Österreich die Rolle des Buhmanns inne. Dort war einer der frühen „Hotspots“ für die internationale Verbreitung des Coronavirus in Europa. Traurige Berühmtheit hat die Bar „Kitzloch“ in Ischgl erlangt, in der sich offenbar viele Skitouristen besonders auch aus Skandinavien angesteckt haben, die das Virus dann in ihre Länder getragen haben.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Erst eine halbe Woche nachdem ein Barkeeper positiv auf Corona getestet worden war, wurde das Lokal geschlossen. Das Gesundheitsamt in der Landeshauptstadt Innsbruck hatte es zuvor noch als unwahrscheinlich betrachtet, dass die Bar als Ansteckungsherd in Frage komme. Die Regierung unter Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) hat bislang mit ihrer Haltung, man habe alles richtig gemacht, die Kritik nur verschärft.

          Jetzt versucht man in Innsbruck, das Ruder herumzuwerfen. Eine unabhängige Expertenkommission soll das Krisenmanagement evaluieren. Es geht in Tirol nicht nur um die Frage, warum dieses oder jenes Lokal nicht schon früher zugesperrt wurde. Es geht um eine dichte Verfilzung in dem Land zwischen Tourismus, Wirtschaftskammer, Verwaltung und Politik – insbesondere der ÖVP. Idealtypisch dafür steht der Hotelier Franz Hörl.

          Ermittlungen vor Ort sind im Moment nicht möglich

          Er ist zugleich Obmann (Vorsitzender) der Interessenorganisation „Fachverband der österreichischen Seilbahnen“, Chef des Tiroler Wirtschaftsbundes und Nationalratsabgeordneter der ÖVP. Er ist jetzt wieder ins Gerede gekommen, weil er laut Medienberichten (die er nicht bestritt) dem Wirt des „Kitzloch“ eine SMS geschrieben haben soll: „Sperre Dein Kitz Bar zu – oder willst Du schuld am Ende der Saison in Ischgl u eventuell Tirol sein.“ Das war zu einem Zeitpunkt, zu dem die Tiroler Gesundheitsbehörde noch ihre verharmlosende Einschätzung kundtat.

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          Wenige Tage später verkündete Landeshauptmann Platter das Ende der Skisaison für Tirol – aber erst mit Ablauf der Woche. Das bedeutete drei weitere Tage Liftfahren und Après-Ski. Hörl sprach laut der Zeitung „Der Standard“ von einem „Kompromiss“. All das wirft die Frage auf, welches Gewicht in der Abwägung die Interessen der Tourismuswirtschaft und welches die Anti-Corona-Maßnahmen hatten.

          Platter hat jede solche Überlegung zurückgewiesen: Die Gesundheit habe jederzeit Vorrang gehabt. Es sind jetzt weitere Geschichten aus Tirol zutage gekommen, die stark nach Filz schmecken. So berichtete jetzt der ORF, dass der Tourismusverband des Landes die Beherbergungsbetriebe vorab über die bevorstehende Quarantäne des Paznauntals, in dem Ischgl liegt, informierte. Daraufhin hätten viele Betriebe ihre Mitarbeiter dazu aufgefordert, den Ort noch schnell zu verlassen. Das war natürlich nicht Sinn und Zweck der Quarantäne.

          Unterdessen ermittelt die Staatsanwaltschaft Innsbruck wegen eines konkreten Falls „des Verdachts der fahrlässigen Gefährdung von Menschen durch übertragbare Krankheiten“, wie ein Sprecher sagte. Laut Medienberichten soll in einem Lokal in Ischgl schon Ende Februar ein positiver Corona-Fall bekannt gewesen sein. Es habe aber keine Meldung an die Gesundheitsbehörde gegeben. Ermittlungsergebnisse könnten jedoch noch etwas auf sich warten lassen, da Ermittlungen vor Ort im Moment nicht möglich seien.

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