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Tinner-Affäre : Ganz bodenständige Atomschmuggler

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Friedrich Tinners Haus in Haag: Wurden hier die Atomschmuggel-Pläne geschmiedet? Bild: WILLIAM J. BROAD /The New York T

Das Urteil im Schweizer Fall Tinner ist gefallen. Den Atomschmugglern aus dem Rheintal bleibt eine weitere Haft erspart. Die Umtriebe der CIA bei den Ermittlungen bleiben allerdings ungeklärt.

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          Es war ein Gemisch aus Atomschmuggel, Umtrieben des amerikanischen Geheimdienstes CIA und behördlichen Vertuschungen, das die Schweizer Öffentlichkeit über mehrere Jahre mit ungläubigem Staunen verfolgte. Die drei Hauptfiguren in dem Nuklear-Krimi wirken dabei unscheinbar. Aber Friedrich Tinner sowie seine Söhne Marco und Urs, drei Techniker aus dem Rheintal, brachten es zu internationaler Bekanntheit, nachdem im Oktober 2003 amerikanische Behörden im süditalienischen Tarent ein deutsches Schiff an die Leine hatten legen lassen.

          Es transportierte Zentrifugenteile für das Atomprogramm des damaligen libyschen Machthabers Muammar al Gaddafi. Der Tipp war von den Tinners als einem der Lieferanten gekommen. An diesem Dienstag soll die spektakuläre Saga vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona nun ein Ende finden. Das Gericht will dann nach zweitägigen Beratungen über einen Deal zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung entscheiden. Darin waren Strafen ausgehandelt worden, die den drei geständigen Atomschmugglern nach der Untersuchungshaft einen weiteren Gefängnisaufenthalt ersparen.

          „Garfield“ unterstützte das Atomwaffenprogramm

          Dass die Tinners eine solch zweifelhafte Berühmtheit erlangten, hatte nicht zuletzt mit dem Auftraggeber zu tun. 1975 lernte Friedrich Tinner nämlich Abdul Qadeer Khan kennen. Der heute 76 Jahre alte Ingenieur sollte Ende der neunziger Jahre als „Vater der pakistanischen Atombombe“ in die Geschichte eingehen. Neben anderen Zuträgern gewann er auch die Tinners für sein illegales Netz. Zwischen 1998 und 2003 waren sie als Berater, Lieferanten, Produzenten und Ausbilder für den Auftraggeber tätig, der sich später auch anderen Ländern wie Nordkorea, Iran und eben Gaddafis Libyen andiente.

          Mit seiner Firma im Kanton St. Gallen wirkte Friedrich Tinner unter dem Decknamen „Garfield“ vor allem als Ansprechperson des inneren Zirkels um Khan. Sohn Marco war der Kontaktmann. Er besorgte Maschinen, Werkzeuge und Materialien. Der ältere Bruder Urs leitete in Dubai und Malaysia Werkstätten für die Zentrifugenteile. Mit ihren Taten habe das Trio zumindest in Kauf genommen, „ein illegales Urananreicherungsprogramm und damit ein Atomwaffenprogramm“ zu unterstützten, schrieb später der zuständige Staatsanwalt in seiner Anklageschrift.

          Aus Malaysia erhielt die Schweiz auch erste konkrete Hinweise auf die Verstöße ihrer drei geschäftstüchtigen Bürger gegen das Kriegsmaterialgesetz. Wie viele Millionen sie letztlich verdienten, wird wohl nie aufgeklärt werden. Die Hinweise aus Malaysia erstaunen Othmar Wyss, den damaligen Leiter der Exportkontrolle im Schweizer Staatssekretariat für Wirtschaft, noch heute. Denn eigentlich hätte der Wink aus den Vereinigten Staaten kommen müssen. Im Juni 2003 besannen sich die Tinners nämlich eines Besseren. Sie arbeiteten mit Washington zusammen, um die Atomwaffenpläne Gaddafis zu stoppen. Darüber hinaus würdigt die Anklage, dass die Tinners mit der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) zusammengearbeitet haben.

          Die Staatsanwaltschaft hält den Angeklagten zugute, dass sie von 2003 an mit nicht näher bezeichneten „amerikanischen Behörden“ kooperiert haben. Gemäß einem „Kooperationsvertrag“ hätten sie Informationen über Khan und die „Libyen Connection“ geliefert und Teile von Gaszentrifugen zur Urananreicherung untauglich gemacht. Mit den „Behörden“ ist wohl in erster Linie der Geheimdienst CIA gemeint. Schon 2003 hatten sechs Agenten Tinner im Rheintal „besucht“ und umfangreiches Material mitgenommen.

          Die „Hausdurchsuchung“ war nur ein Vorspiel. Vor allem seit 2006 drängten amerikanische Regierungsvertreter die Schweizer, Ermittlungsakten auszuhändigen und die Details der Zusammenarbeit zwischen dem Geheimdienst und den Tinners unter den Teppich zu kehren. Mit Erfolg: 2007 beschloss die Regierung in Bern, die Akten zu vernichten. Übrig blieben nur Kopien einiger Dokumente. Nicht einmal sie sollte später der Untersuchungsrichter vollständig zu Gesicht bekommen.

          Auch sonst bleiben viele Fragen. Wegen der Vernichtung der Akten wäre es nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft schwierig gewesen, die Tinners in vollem Umfang zu überführen. Die Umtriebe der CIA im Fall Tinner bleiben ungeklärt. Die Angeklagten sind zurück in der Unscheinbarkeit. Sie erklärten vor Gericht, sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten. So sagte der heute 46 Jahre alte Urs Tinner, 2004 in Untersuchungshaft genommen und mit 50 Monaten zur formal höchsten Strafe verurteilt, er verdiene sein Geld mit der Reparatur von Aquarien.

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