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Tibet : Peking setzt auf wirtschaftliche Entwicklung

Ein tibetischer Pilger betet vor dem Potala Palast in Lhasa. Bild:

Die Bilder der aufgebrachten Mönche aus Lhasa sind unvergessen. Doch jetzt herrscht Ruhe in den Straßen der Stadt, Militär und Polizei sind allgegenwärtig. Die chinesische Regierung fürchtet sich vor neuen Unruhen, aber sie versucht auch, die Tibeter für sich zu gewinnen.

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          Der Mönch Norgye senkt verschämt den Kopf, als sich ihm die Mikrofone und Aufnahmegeräte entgegenstrecken. Einer der Kameramänner zoomt auf seine zitternden Hände. Vor zwei Jahren hat der Tibeter schon einmal einen Besuch ausländischer Journalisten erlebt.

          Till Fähnders
          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Es war Ende März und gerade hatten sich die Unruhen von Lhasa wie ein Buschfeuer in andere tibetische Gebiete ausgebreitet. Die Reporter aus dem Ausland waren in den Jokhang-Tempel gelotst worden, das wichtigste Heiligtum der tibetischen Buddhisten in Lhasa. Sie sollten sehen, wie linientreu die Mönche dort waren. Doch das Geschehen geriet außer Kontrolle.

          Etwa 30 Mönche nutzten den Besuch für einen Protest, darunter angeblich auch der heute 29 Jahre alte Norgye. „Tibet ist nicht frei“, klagten die Tibeter. Einer von ihnen brach sogar vor laufenden Kameras in Tränen aus. Es war einer der seltenen Momente, in denen die Verzweiflung der Tibeter offen und für die ganze Welt sichtbar zutage getreten war.

          Militär und Polizei sind im Straßenbild allgegenwärtig
          Militär und Polizei sind im Straßenbild allgegenwärtig : Bild: REUTERS

          „Patriotische Umerziehung“ bringt Einsicht

          In diesem Frühsommer hat die Regierung in Peking nun wieder eine der seltenen und von den Behörden stets streng kontrollierten Reisen ausländischer Journalisten nach Tibet veranlasst. Diesmal läuft alles mehr oder weniger so, wie sie es sich wohl vorgestellt haben in Peking. Den Mönch Norgye führt die Tempelverwaltung als geläuterten Unruhestifter vor. Seine Worte werden von einer Mitarbeiterin der Regierung aus dem Tibetischen übersetzt.

          „Nach dem Vorfall habe ich gemerkt, dass es falsch war, was wir getan haben“, sagt Norgye. Er sei danach aber nicht gefoltert oder geschlagen worden, versichert der Mönch. Es herrsche religiöse Freiheit in Tibet, sagt er weiter. Was der Mönch nicht sagt, ist, wie viele Stunden „patriotischer Umerziehung“ nötig waren, um ihn zu diesen Einsichten zu bringen.

          Prinzip von Zuckerbrot und Peitsche

          Die scheinbare Wandlung des Norgye zeigt, wie die Behörden Tibet seit Ende der Unruhen im Griff haben. Hier wie auch anderswo wendet die Regierung das Prinzip von Zuckerbrot und Peitsche an. Sie weitet die militärische und polizeiliche Kontrolle aus und fördert gleichzeitig die wirtschaftliche Entwicklung in Tibet.

          Auf den Straßen außerhalb der Stadt sind mehrere große Militärkonvois zu sehen. Den Journalisten in ihren zwei Reisebussen kommen Hunderte olivgrüne Laster entgegen. Auf ihnen könnte alles geladen sein, Lebensmittel oder Versorgungsgüter für die Soldaten, aber vielleicht auch Munition oder neue Truppen. Erkennen kann man durch die Planen der Lastwagen jedenfalls nichts. Die Wagen haben entweder gar keine Autokennzeichen oder solche aus den angrenzenden Provinzen Sichuan und Gansu.

          Viele Mönche und tibetische Intellektuelle verhaftet

          Das Militär und die paramilitärische Polizei sollen verhindern, dass die Tibeter noch einmal versuchen, sich gegen die als Fremdherrschaft empfundene Machtausübung Pekings in Tibet aufzulehnen. Parallel zum Sicherheitsaufgebot geht die Staatsmacht in Tibet auch weiter streng gegen Kritiker vor. Viele Mönche und tibetische Intellektuelle sind verhaftet worden. Vor kurzem wurde der tibetische Umweltaktivist Karma Samdrup zu 15 Jahren Haft verurteilt, einer seiner Brüder zu fünf Jahren. Zuvor soll der Tibeter gefoltert worden sein. Die Klöster werden streng überwacht, in manchen von ihnen lebt nur noch ein Bruchteil der Mönche und Nonnen, die früher dort den Buddhismus studierten. Viele wurden nach Hause geschickt oder sind freiwillig in ihre tibetischen Heimatorte zurückgegangen, heißt es.

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