https://www.faz.net/-gpf-157aq

Tibet : „Buchstäblich die Hölle auf Erden“

Bild: reuters

Am 50. Jahrestag des Aufstands beklagt der Dalai Lama, die chinesische Besatzung habe „unermessliches Leid und Zerstörung“ über Tibet gebracht. Chinas Staatspresse verbreitet einen Aufruf von Staatspräsident Hu zur Wahrung der Stabilität. Sicherheitskräfte haben Tibet praktisch abgeriegelt.

          4 Min.

          Etwa zwanzig Militärlastwagen donnern über die einzige befahrbare Straße in einer abgelegenen Gegend der westchinesischen Provinz Qinghai. Sie fahren in Richtung der Stadt Rebkong. Hier in den Bergen liegt das alte tibetische Kloster Rongwo. Auf den Ladeflächen hocken Soldaten in Kampfanzügen, die Gewehre in den Händen. Insgesamt sind es wohl mehrere hundert Einsatzkräfte. Sie gehören einer Einheit der Bewaffneten Polizei (Wujing) an.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Vor einem Jahr hatten Angehörige dieser paramilitärischen Truppe eine religiöse Zeremonie der Mönche in Rebkong unterbrochen. Noch bevor in Tibet und den tibetischen Gebieten Westchinas die schwersten Unruhen seit Jahrzehnten ausbrachen, hatten dort Tibeter protestiert, darunter viele Mönche, für Religionsfreiheit. Die Polizei schoss Tränengas in die Menge und nahm nach Berichten von exiltibetischen Gruppen mehr als 200 Teilnehmer fest.

          „Unermessliches Leid und Zerstörung“

          Ein Jahr später, am 50. Jahrestag des Tibet-Aufstands und der darauffolgenden Flucht des Dalai Lamas nach Indien, haben die chinesischen Sicherheitskräfte Tibet und die von Tibetern bewohnten Gebiete praktisch abgeriegelt. Die Grenzkontrollen wurden verstärkt, und nach Agenturberichten patrouillieren nun wieder Polizeimannschaften durch die Hauptstadt Lhasa und andere tibetische Orte. Schon vorher wurden Internet- und Telefonleitungen unterbrochen, Häuser durchsucht und Verdächtige festgenommen.

          Bild: F.A.Z.

          Ausländer wurden zum verlassen der Gebiete aufgefordert. Mehrere ausländische Journalisten sind aus den Provinzen Gansu, Sichuan und Qinghai ausgewiesen worden, wurden vorübergehend festgehalten oder bei ihrer Arbeit behindert, wie der Club der Auslandskorrespondenten in China (FCCC) am Dienstag mitteilte. Die Autonome Region Tibet ist für sie ohnehin gesperrt.

          In einer Rede am nordindischen Exilort Dharamsala warf der Dalai Lama der chinesischen Regierung eine brutale Unterdrückung der tibetischen Bevölkerung vor. „Diese fünfzig Jahre haben unermessliches Leid und Zerstörung für das Land und die Menschen in Tibet gebracht“, sagte das geistliche Oberhaupt der Tibeter. Die Tibeter hätten „buchstäblich die Hölle auf Erden erlebt“. Bis heute müssten sie in beständiger Angst leben und die chinesischen Behörden seien ihnen gegenüber ständig misstrauisch. „Die Tibeter werden als Kriminelle behandelt, die den Tod verdienen“, sagte der Dalai Lama.

          Chinas Staatspresse verbreitete am Jahrestag einen Aufruf von Staats- und Parteichef Hu Jintao zur Wahrung der Stabilität in Tibet. Es müsse eine „Große Mauer“ gegen Separatismus für den Erhalt der nationalen Einheit aufgebaut werden, hatte Hu Jintao am Montag beim Besuch einer Abgeordnetensitzung des Volkskongresses in Peking gesagt. Weltweit protestierten am Dienstag an verschiedenen Orten Tibeter und Aktivisten für ein freies Tibet. In der australischen Hauptstadt Canberra kam es vor der chinesischen Botschaft zu einem Handgemenge zwischen Demonstranten und der Polizei. Es gab vier Festnahmen.

          In der an die Autonome Region Tibet grenzenden Provinz Qinghai leben etwa eine Million Tibeter. Auch hier sollen Proteste „im Keim erstickt“ werden, wie die Militärführung angekündigt hatte. Die Klöster sind für ausländische Besucher gesperrt. Auf der Straße nach Rebkong haben Polizisten am Ufer des Gelben Flusses ihren Posten aufgebaut. Die Uniformierten kontrollieren jeden Wagen. Ein Polizist mit Stahlhelm, schusssicherer Weste und Maschinenpistole im Anschlag fordert einen tibetischen Mann in einer roten Robe grimmig dazu auf, aus dem Auto zu steigen. Wie jeder Passagier muss auch der Mönch sich mit seinem Namen und seiner Ausweisnummer registrieren lassen.

          „Nur zu Ihrer Sicherheit“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wollen keine Spaltung: Biden und Harris am 1. Dezember in Wilmington

          Joe Biden gegen Spaltung : Die Botschaft lautet Zuversicht

          Biden glaubt, dass Kompromisse zwischen Demokraten und Republikanern möglich sind – trotz aller Polarisierung. Ein Einlenken beim Abzug der Soldaten aus Deutschland scheint ein erstes Zeichen dafür zu sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.