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Tiananmen-Massaker : Dum-Dum-Geschosse

  • -Aktualisiert am

Peking 1989: Studentenproteste auf dem Tiananmen-Platz Bild:

Ein Pekinger Arzt berichtet über die böse Wahrheit des Tiananmen-Massakers. „Warum mußte man mit und Panzern unschuldige Menschen grausam umbringen?" fragt er in einem Brief, der der F.A.Z. vorliegt.

          Seit fast 15 Jahren fordern die "Mütter vom Tiananmen" Gerechtigkeit für die jungen Leute, die bei der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung in Peking im Jahr 1989 verwundet wurden oder ums Leben kamen. Ihre Eingaben und Briefe blieben bis jetzt unbeantwortet. In diesem Jahr bekommen sie Unterstützung von einem angesehenen Militärarzt, der es schon einmal gewagt hatte, aus der Parteidisziplin auszubrechen und damit eine Wende in der Politik einleiten konnte.

          Im vergangenen Frühjahr hatte Jiang Yanyong, Chirurg am Pekinger Militärkrankenhaus 301, die Vertuschung der Sars-Epidemie durch die chinesischen Behörden aufgedeckt. Nun fordert der 76 Jahre alte Arzt in einem Brief an den derzeit tagenden Nationalen Volkskongreß und an das Politbüro der Partei eine Neubewertung der Ereignisse von 1989 und kritisiert in harten Worten die chinesische Führung, weil sie sich aus der Verantwortung stehle. "Warum mußte man mit Maschinengewehren und Panzern unschuldige Menschen grausam umbringen?" fragt Jiang in seinem Brief, der dieser Zeitung vorliegt.

          Damals Reformer, heute Premier

          Sein Appell bekommt in diesem Jahr eine besondere Brisanz, da jetzt ein Ministerpräsident, Wen Jiabao, im Amt ist, der damals auf der Seite der Reformer stand. Wen Jiabao war im Jahr 1989 enger Mitarbeiter des Parteichefs Zhao Ziyang, der Sympathien für die Studenten und ihre Forderungen bekundete und deshalb entmachtet wurde. Wen Jiabao überstand die Säuberung in der Partei nach dem Sturz seines Parteichefs und blieb in Regierungsfunktionen, bis er im vergangenen Jahr zum Ministerpräsidenten gekürt wurde.

          Jiang Yanyong war als Arzt des Pekinger Militärkrankenhauses im Bereitschaftsdienst, als am 4. Juni 1989 die Volksbefreiungsarmee das Feuer auf die unbewaffneten Studenten und andere Demonstranten eröffnete, die im Zentrum von Peking für mehr Demokratie protestierten. In bewegenden Worten schildert der Arzt in seinem Brief, wie er sich um die Verwundeten bemühte, und enthüllt, daß die Armee damals Dumdumgeschosse gegen die Demonstranten eingesetzt hat.

          Damals „Rebellion", heute „Unruhe“

          Jiang Yanyong beklagt in seinem Brief, daß die Angehörigen der Opfer, die seit Jahren fordern, die Regierung müsse sich der Verantwortung stellen, ohne Antwort bleiben. Dies sei ein unverantwortliches Verhalten, das vor keinem Volk der Erde bestehen könnte.Die Partei müsse ihre Fehler selbst ausmerzen. Er sei überzeugt, daß eine gerechte Bewertung des 4. Juni keineswegs zu Chaos führen werde. Stabilität, die alles niederdrückt, werde nur zu größerer Instabilität führen, schreibt der Arzt.

          Die Parteiführung bezeichnet die Ereignisse von 1989, die zunächst als "konterrevolutionäre Rebellion" klassifiziert wurden, heute als "politische Unruhen". Nach dem offiziellen Sprachgebrauch, der in den vergangenen Jahren immer defensiver geworden ist, heißt es, man habe eingreifen müssen, um die Stabilität im Land zu wahren. Aus dem Brief des Jiang Yanyong geht allerdings hervor, daß es selbst bei einigen der alten Parteiführer Zweifel an der blutigen Niederschlagung gab. So hätten sich auch der damals mächtige Parteiführer Chen Yun und der damalige Staatspräsident Yang Shangkun von dem Militäreinsatz distanziert.

          Enthüller böser Wahrheiten

          Die Parteiführung hat das Kapitel Tiananmen für abgeschlossen erklärt und will es nicht wieder öffnen. Dies ist besonders den alten Parteiführern, die an den Geschehnissen damals noch direkt beteiligt waren, ein Anliegen. Zwar gibt es nicht wenige Parteifunktionäre, die im privaten Gespräch zugestehen, daß das Vorgehen damals ein Fehler war. Mittlerweile sind auch viele, die sich damals an den Protesten beteiligt hatten, in höhere Ämter gekommen. Doch eine öffentliche Beschäftigung mit dem Thema ist nicht erlaubt.

          Der Arzt Jiang Yanyong ist als Enthüller der bösen Wahrheit über Sars im vergangenen Jahr berühmt geworden. Als seine Enthüllungen zuerst über ausländische Medien auch in China bekannt wurden, wurde er auch in China zum Helden, obwohl die Partei zunächst bemüht war, ihn zu ignorieren. Schließlich sah sich die Partei veranlaßt, ihre Informationspolitik in Sachen Sars zu ändern.

          Jiang Yanyongs Vorstoß zu Tiananmen wird kaum so weitreichende Folgen haben. Der Brief bleibt der chinesischen Öffentlichkeit vorenthalten, und selbst in der breiten Öffentlichkeit will derzeit kaum jemand an das brisante Thema 4. Juni rühren. Doch zeigt der Brief des Arztes, daß die Ereignisse des 4. Juni 1989 zumindest von all jenen, die sie miterlebt haben, keineswegs vergessen sind und die Parteiführung und auch den neuen Ministerpräsidenten Wen Jiabao nicht verlassen werden.

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